Im Bad Kissingen und Umgebung stehen viele Hausärzte kurz vor dem Rentenalter: Nach Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) sind die ansässigen Ärzte rund um die Kurstadt im Durchschnitt 61 Jahre alt und damit gut sechs Jahre älter als im bayernweiten Vergleich. Das Thema Praxisnachfolge und die allgemeinmedizinische Versorgung ist hier seit Jahren ein wichtiges Thema.
1800 Patienten pro Quartal am Marienplatz
Das sieht auch die Bad Kissinger Hausärztin Dr. Astrid Laue so. Als sie im Frühjahr 2022 dem Alltag in der Klinik den Rücken kehrte und ihre Praxis am Marienplatz öffnete, hatte sie bereits die Übergabe in einigen Jahren mitgedacht. „Ab Oktober verstärkt mein Sohn Alexander Ferrari zusätzlich die Praxis“, sagt sie.
Die Praxis ist mit zwei Kassensitzen ausgestattet, die Laue gegenwärtig mit ihrer Kollegin Dr. Evelyn Schönweiß ausfüllt. Ein Kassensitz ist die Zulassung, die ein Arzt braucht, um gesetzlich versicherte Patienten behandeln und abrechnen zu können. Laue und Schönweiß betreuen im Quartal rund 1800 Patientinnen und Patienten. Zwar denken sie noch nicht konkret ans Aufhören, aber: „Langfristig wird mein Sohn die Praxis übernehmen. Die Generationenfolge ist gesichert“, erklärt Laue.
Alexander Ferrari wird zunächst als Weiterbildungsassistent tätig sein. Das heißt: Er absolviert die letzten Monate seiner Fachausbildung zum Allgemeinmediziner in der Praxis. Sobald er fertig ist, teilen sich die drei Mediziner die zwei Kassensitze. „Er bringt die Kompetenz als Rettungsarzt mit. Wir können so unser Behandlungsangebot erweitern“, sagt Laue.
Kürzere Wartezeiten für Patienten
Für die Patienten bedeute die personelle Verstärkung, dass sie schneller einen Termin erhalten und vor der Untersuchung weniger Zeit im Wartezimmer verbringen werden. „Es ist eine Unterstützung für die Praxis. Wir haben zu dritt mehr Spielraum und können so eine kontinuierliche Versorgung gewährleisten“, meint Ferrari, etwa in Zeiten mit hohen Krankenständen.
Der 36-Jährige hat in Würzburg Medizin studiert und sich zunächst in Richtung Anästhesie sowie Innere Medizin und Kardiologie weitergebildet, bevor er seine Facharztausbildung zum Allgemeinmediziner begonnen hatte. Zudem ist er Notarzt und hat zuletzt sowohl als solcher als auch als Bereitschaftsarzt Einsätze gefahren. Privat engagiert er sich mit Frau Maxi Ferrari unter anderem beim Heimatverein Reiterswiesen sowie beim Rakoczy-Fest: Das Paar stellt das Grafenpaar Otto von Botenlauben und Beatrix von Courtenay dar.
Neue Ideen für die Praxis: Seminar über Notfälle in der Familie
In die Praxis bringt Ferrari neue Impulse mit ein. Laue und er wollen künftig Vorträge anbieten, in denen sie Patienten und Interessierte zu verschiedenen medizinischen Themen aufklären. „Wir haben da bei den Patienten einen Aufklärungsbedarf festgestellt. Die Vorträge sind für alle geeignet und sie richten sich an jeden, der im Notfall helfen möchte“, erklärt Laue.
Der erste Vortrag findet statt am Mittwoch, 8. Oktober, in der Hausarztpraxis am Marienplatz. Beginn ist um 18 Uhr, die Veranstaltung dauert eineinhalb Stunden. Eine Anmeldung vorab per E-Mail an medinfo@hausarztpraxis-am-marienplatz.de ist erforderlich, zudem fällt eine Teilnahmegebühr an.
Inhaltlich geht es im ersten Seminar um „Notfälle in der Familie, vom Kleinkind bis zu den Großeltern“. Laue erläutert den Hintergrund: „Es geht uns darum zu sensibilisieren, damit die Menschen Warnsignale richtig erkennen.“ Für Menschen zu Hause ist es oft schwer, die Lage richtig einzuschätzen. „Manche sind sehr sensibel und rufen den Notarzt, obwohl keine Lebensgefahr besteht, und manche alarmieren zu spät“, sagt Ferrari.
Aufklärungsarbeit und praktische Übung
In dem Seminar wollen sie auf typische Notfälle bei Kindern, Erwachsenen und Senioren eingehen, von der Luftnot über Bauch- bis zu Brustschmerzen. Sie geben Tipps, worauf zu achten ist: Wann ist es geraten, den Notruf 112 zu wählen und wann reicht es, den Bereitschaftsdienst über die 116117 zu verständigen?
Liegt ein Notfall vor, geht es darum, die Rettungskette zu organisieren. Auch hier wollen die beiden Ärzte informieren: Notruf absetzen, Ruhe bewahren, Zufahrt freihalten, den Patienten lagern und eventuell schon von Kleidung freimachen, Reanimation bei Bewusstlosigkeit. „Das sind alles wertvolle Minuten der Hilfe, die darüber entscheiden können, wie schwerwiegend ein Notfall ausgeht“, betont Laue.
Zum Seminar gehört zudem ein Notfalltraining, bei dem etwa die Herzdruckmassage geübt werden kann und es gibt Tipps, was in einer Notfallapotheke für zuhause nicht fehlen darf.
Hintergrund: Hausarzt-Situation im Landkreis Bad Kissingen
Im Raum Bad Kissingen praktizieren laut Versorgungsatlas der KVB derzeit 40 Hausärzte und -ärztinnen. Sie sind für die Versorgung von rund 51.000 Einwohnern zuständig. Daraus ergibt sich ein Versorgungsgrad von 100,58 Prozent. Das Durchschnittsalter liegt bei 60,9 Jahren, 25 Ärzte sind 60 Jahre und älter. Der Ärzteschaft ist damit vergleichsweise alt. Der Bayernschnitt liegt bei 55,0 Jahren.
Im Raum Bad Brückenau zählt die KVB 20 Allgemeinmediziner und -medizinerinnen für rund 26.000 Einwohner. Der Versorgungsgrad liegt bei 107,47 Prozent. Das Durchschnittsalter beträgt 61,6 Jahre, neun Ärzte sind 60 Jahre und älter.
Im Bereich Hammelburg sind es laut KVB ebenfalls 20 männliche und weibliche Hausärzte für 27.000 Einwohner. Der Versorgungsgrad liegt bei 113,36 Prozent. Die Ärzteschaft ist vergleichsweise jung: Mit 54,5 Jahren liegt das Durchschnittsalter unter dem Landesdurchschnitt. Quelle: KVB, Versorgungsatlas Hausärzte August 2025














