Seit 2001 traf man Annemarie Arnold alljährlich ab Ende November über die Weihnachtstage hinweg bis zum Dreikönigstag nachmittags in der Wandelhalle. Nach dem Kurkonzert verkaufte sie die von ihr selbst gebastelten Fröbelsterne. Mit dem Erlös unterstützte sie 15 Jahre lang Einrichtungen von Kindertagesstätten über die Lebenshilfe bis zur Palliativstation. Öffentliche Aufmerksamkeit erreichte sie mit ihrer vehementen Ablehnung, das restaurierte Luitpoldbad in ein Behördenzentrum umzuwandeln. Jetzt ist Bad Kissingens „Sternenfrau“ am 18. November, fünf Wochen vor ihrem 100. Geburtstag, gestorben.
Die Sterne als Dankeschön an die Stadt Bad Kissingen
„Die Zeit in Bad Kissingen ist mir sehr kostbar. Die Sterne sind mein Dankeschön an die Stadt und an die Menschen, die hier leben“, sagte Annemarie Arnold anlässlich ihres 90. Geburtstags. Sie selbst lebte seit 1986 in der Stadt, die sie zuvor durch mehrere Kuraufenthalte schätzen gelernt hatte.
Geboren wurde sie am 23. Dezember 1925 in Duisburg als Annemarie Oberstenfeld, „bis wir ausgebombt wurden“. Als Jugendliche musste sie helfen, Verletzte aus den Trümmern ihrer zerstörten Heimatstadt zu bergen. Später schickte man sie mit zwei fremden Kindern in ihrer Obhut nach Baden-Württemberg, wo sie bis kurz vor Kriegsende blieb. Ihre eigenen Kriegserlebnisse und die verspätete Heimkehr ihres kranken Vaters aus russischer Kriegsgefangenschaft prägten die junge Frau.
Sie war Erzieherin mit Leib und Seele
Eigentlich wollte Annemarie Architektin werden. Da ihr nach dem Krieg aber ein Studium nicht möglich war, wurde sie Erzieherin und leitete über Jahrzehnte verschiedene Kindergärten, zuletzt in Straßenhaus im Landkreis Neuwied (Rheinland-Pfalz). „Ich kann heute an keinem Kind vorbeigehen, ohne es anzulächeln“, erzählte die damals 90-Jährige dem Lokalreporter vor zehn Jahren von ihrem Traumberuf. Dem beruflichen Glück stand allerdings privates Unglück entgegen: Schon als 28-Jährige verlor sie ihren ersten Ehemann durch einen Verkehrsunfall. Auch ihre zweite Ehe endete tragisch mit dem Tod ihres Mannes nach langem Leiden.
Schon beim ersten Besuch verliebte sie sich in die Wandelhalle
Ende der 1970er-Jahre kam Annemarie Arnold erstmals zur Kur nach Bad Kissingen. „Ich habe mich sofort in die Wandelhalle verliebt.“ Im August 1986 bezog sie als Rentnerin eine Wohnung in der Lutherstraße. Sozial engagiert wie sie immer, kümmerte sie sich in der Kurstadt, solange es ihre Gesundheit noch zuließ, um Bewohner in Alten- und Pflegeheimen, wurde Mitglied im Hospizverein und begleitete sterbende Menschen.
3500 bis 4000 Sterne bastelte sie pro Jahr
Erst 2001 begann die inzwischen 76-Jährige mit dem Basteln von Fröbelsternen, deren Verkauf sie bald als Bad Kissinger „Sternenfrau“ bekannt machte. Gezählt hat sie ihre Sterne nie, aber pro Jahr dürften es 3500 bis 4000 gewesen sein. Seit Jahren ist der mit ihren bunten Sternen geschmückte Weihnachtsbaum in der Wandelhalle ein beliebtes Fotomotiv. Erst im Alter von 91 Jahren gab sie ihren Verkauf in der Wandelhalle aus gesundheitlichen Gründen auf. Doch ihre Fertigkeit im Basteln von Fröbelsternen wollte sie unbedingt weitergeben und gründete im Mehrgenerationenhaus eine Bastelgruppe für Senioren. Den Verkauf der Fröbelsterne übernahmen nun mehrere Kissinger Geschäfte.
„Annemarie Arnold war eine zuverlässige und gute Freundin“, versichert Marianne Kempel, die Bad Kissingens „Sternenfrau“ seit 35 Jahren kannte und sie später bis zum Tod betreute. „Sie war an vielem interessiert, an Kultur und klassischer Musik.“ Sie war Mitglied im Kissinger Theaterring, besuchte Konzerte im Kissinger Sommer und ließ kein Kurkonzert aus. „Sie war aber auch eine sehr selbstbewusste Frau“, ergänzt ihre Freundin, „oft hart gegen sich selbst und gegen andere“.
Vehementer Kampf gegen ein Behördenzentrum im Luitpoldbad
Letzteres bekamen die für die Renovierung des Luitpoldbades Verantwortlichen zu spüren: Annemarie Arnold hatte eine Spendenaktion organisiert, wollte die gesammelten 30.000 Euro aber dem Freistaat nur übergeben, wenn das Luitpoldbad der Kurstadt als kulturelle Einrichtung zugutekommt. Die Nutzung als Behördenzentrum gefiel ihr überhaupt nicht. „Dem ersten Spatenstich blieb sie trotz persönlicher Einladung demonstrativ fern“, erinnert sich Harald Hümmer, damals örtlicher Leiter der Immobilien Bayern (IMBY). Gemeinsam mit Erwin Full, dem damaligen Leiter des Staatlichen Bauamts, gelang es beiden dann doch noch, Annemarie Arnold „mit Engelszungen zu überzeugen“, dass ihre 30.000 Euro für die Restaurierung der Jugendstilfenster in den südlichen Eckpavillons des Luitpoldbades gut angelegt seien.
Ministerpräsident Markus Söder dankt ihr persönlich
Beim Festakt zur Wiedereröffnung im Oktober 2017 bedankte sich sogar Ministerpräsident Markus Söder persönlich bei ihr – stellvertretend für alle Spender – mit einem Blumenstrauß. „Ich mache das für die Stadt, weil ich die Stadt liebe“, zeigte sich Arnold anschließend versöhnlich.
Im Januar 2020 zog sie altersbedingt zunächst in den Rosenhof und knapp drei Jahre später nach ihrem 97. Geburtstag im Dezember 2022 ins Theresienstift, da sie intensivere Pflege brauchte. Dort starb sie am 18. November 2025.
Einwohner und Gäste Bad Kissingens werden sich noch lange an die „Sternenfrau“ erinnern können: Ihr Fröbelstern-Bastelkurs im Mehrgenerationenhaus wird schon seit einigen Jahren von Ruth Steinmetz weitergeführt. Auch der mit bunten Fröbelsternen geschmückte Weihnachtsbaum in der Wandelhalle wird alle Jahre wieder an sie erinnern.
Am Donnerstag, 4. Dezember, wird Annemarie Arnold um 13.30 Uhr auf dem Parkfriedhof beigesetzt.

















