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Fernsehen
Werbung und Alkohol statt Millionäre bei RTL
Thomas Ahnert kommentiert.
Thomas Ahnert kommentiert. // Saale-Zeitung
Bad Kissingen – Darum will sich unser Kritiker Günther Jauchs Sendung „Wer wird Millionär“ nicht mehr ansehen.

Am Montag – es war schon eine halbe Stunde vor Mitternacht – saß ich in unserem Wohnzimmer auf dem Sofa. Ich war durchaus noch wach, der Fernseher lief, und ich ärgerte mich ganz erheblich: „Mein Gott“, sagte ich mir, „was hätte ich nicht in dieser ganzen Zeit sinnvolleres anfangen können, anstatt mir dieses Zeug anzuschauen!“

Was ich gesehen hatte? „Wer wird Millionär?“, oder volkstümlicher: „WWM“. Und ich beschloss, mich von dieser Sendung zu verabschieden.

Dabei hatte die Geschichte eigentlich gut angefangen. Ein Bekannter sprach mich Ende 1999 darauf an, dass es bei RTL eine durchaus intelligente Quizshow mit Günther Jauch gebe, die ich mir mal anschauen sollte.

Gut und flott gemacht

Ich war skeptisch, weil ich Intelligenz und privates Fernsehen nicht so recht zusammenbringen konnte, aber Günther Jauch galt als das intellektuelle Feigenblatt von RTL. Und tatsächlich konnte mich die Sendung überraschen.

Denn sie war gut und flott gemacht, mit guten Fragen und meistens auch guten Kandidaten. Man kam immer schnell zur Sache.

Geklärt wurden nur die Fragen: Wer sind Sie? Woher kommen Sie? Was machen Sie mit dem gewonnenen Geld? Und sie dauerte am Anfang auch nur eine Dreiviertelstunde.

Sendung hat sich verändert

Ich habe schon am Anfang nicht jede Folge gesehen. Aber es wurden im Laufe der Jahre immer weniger, weil sich die Sendung veränderte. Am auffälligsten: Sie wurde immer länger.

Anfangs hatte sie nur zwei Werbeblocks. Heute sind es vier, und dann wird, kurz vor 23 Uhr, auch noch ein Nachrichtenblock eingeschoben. Für Otto Normalzuschauer kann das höchst nervig sein.

Das ist wohl ein Corona-Erbe. Denn mit aufgeblasenen Rateshows kann man die mangels anderem Material freien Sendeplätze am billigsten füllen: einfach ein paar Fragen mehr.

Kaum Millionäre

Zudem ist die Titelfrage doch ein bisschen sehr hochgegriffen – oder man beantwortet sie ehrlich: fast niemand. Über 1600 Folgen wurden produziert und ausgestrahlt, dazu 43 sogenannte „Promi-Specials“.

Und wie viele Millionäre gibt es? Bei den „Promis“ waren es sechs und damit jeder Siebente. Dann müssten es bei den normalsterblichen Kandidaten eigentlich 228 sein!

Schlauere Promis?

Aber tatsächlich sind es nur zehn. Glauben wir nicht, dass die „Promis“ qua Position schlauer sind. Ich habe das nicht belegbare Gefühl, dass die Fragen stärker auf die „Promis“ und ihre Kapazitäten zugeschnitten sind.

Der letzte „Un-Promi“ war Ronald Tenholte vor über drei Jahren. Sein Sieg wurde sogar schon bei RTL wiederholt, damit das Publikum nicht vergisst, wie ein Millionengewinn(er) aussieht. Denn mittlerweile kommen nur noch wenige Kandidaten über den fünfstelligen Bereich hinaus.

Konzentration der WWM-Kandidaten wird behindert

Woran das liege, wurde Jauch kürzlich gefragt. Seine Antwort: „Die Leute verdaddeln zu früh ihre Joker.“ Da hat er sicher Recht, aber warum tun sie das?

Weil – das ist mein Eindruck – die Konzentration der Kandidaten behindert wird, die gar nicht mehr zum gründlichen Nachdenken kommen.

Und den Schuh muss sich Jauch anziehen, der offenbar – oder vielleicht – die Weisung bekommen hat, die Kandidaten immer wieder in persönliche Gespräche zu ziehen und ablenkend zu stören, um damit die Zahl der Fragen und damit natürlich die Kosten zu senken.

Bier und jetzt Schnaps bei WWM

Die Zahl der Ratenden nimmt zu, die Jauch auffordern, doch endlich die nächste Frage zu stellen.

Und was mich wirklich nervt: der Einzug des Alkohols in die Sendung.

Dass die ersten Rater, die sich profilieren und produzieren wollten, plötzlich ein Bier verlangten, ist schon eine Weile her.

Aber mittlerweile sind wir bei klaren Schnäpsen angelangt, die „klar“ heißen, aber das Gehirn vernebeln.

Anstoß zum Abschied von „Wer wird Millionär“

Am penetrantesten war am Montag ausgerechnet eine Psychologin, die wohl alle Welt darauf aufmerksam machen wollte, dass sie Hochprozentiges mag. Jauch sagte ihr für die 16.000-Euro-Frage einen Schnaps zu. Aber sie bekam ihn schon bei 4000 Euro. Konsequenz sieht anders aus.

Dieser Auftritt war für mich der letzte Anstoß zum Abschied. Denn was hatte ich in 195 Minuten gesehenen: einen 16.000-Euro-Gewinn, einen 32.000-Euro-Gewinn, eine „Überläuferin“ vielleicht für übermorgen. Höchst unbefriedigend für den Zeitaufwand. Da lese ich lieber einen Krimi zum zweiten Mal.

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