Johannes Ralph arbeitet bis zum Umfallen: bis zu 100 Stunden pro Woche, erst als Arzt im Krankenhaus, dann als Gutachter für Implantate. Er ist gestresst, depressiv, lebensmüde. Schließlich macht er sich selbstständig. Weil er so über seine Zeit wenigstens frei verfügen kann. Eine Woche danach fällt er beim Skifahren plötzlich um: „Er gönnt sich einen Schlaganfall“, wie er 20 Jahre später in seinem Buch „Kleinhirn an Großhirn: Ich habe fertig“ schreiben wird.
„Um meinen Dachschaden zu flicken, habe ich mir alles von der Seele geschrieben“, erzählt er im Gespräch. Der 55-Jährige lebt seit vielen Jahren wieder in Coburg, wo er aufgewachsen und zur Schule gegangen ist.
„Überflüssiger Schlaganfall“
Noch immer leidet er unter den Folgen des Schlaganfalls. Gleichgewichtsstörungen und Beeinträchtigungen auf der rechten Seite sind geblieben. Doch er hadert nicht mit seinem Schicksal. Ganz im Gegenteil. „Ein eher überflüssiger Schlaganfall hat mein Dasein bereichert“, sagt er heute schmunzelnd.
Und mit genau jenem selbstironischen Zungenschlag hat er ein ganzes Buch über sein Schicksal verfasst. Der Autor beschreibt seinen Schlaganfall mit einem Augenzwinkern als wäre es ein Missverständnis.
Es ist eine absurde Situation, in der er selbst nicht ganz versteht, was da passiert. Im Krankenhaus, in der Reha und später reflektiert er oft mit Galgenhumor über seine Situation und die Herausforderungen, vor denen er steht. Dieser schwarze Humor führt zu komischen Erkenntnissen über das Leben und die eigene Verletzlichkeit.
„Kleinhirn an Großhirn: Ich habe fertig“ ist ein Mix aus Roman und Sachbuch: Die Anekdoten in dieser tragikomische Arzt-Patienten-Geschichte nimmt Dr. Johannes Ralph immer wieder als Anlass für sarkastische Kritik an unserem Medizin- und Gesundheitssystem. Das Ganze würzt er mit einer Prise Lebensphilosophie und eingestreuten Absurditäten des Lebens.
Er zeigt, wie er es geschafft hat, trotz vieler Rückschläge und Selbstzweifel, ins Leben zurückzufinden.
Anderen Mut machen
„Ich möchte Menschen, die schwere Zeiten durchmachen, Mut geben und zeigen, dass man auch aus den dunkelsten Momenten wieder herausfinden kann. Egal ob man nach einem Unfall querschnittsgelähmt ist, einen Herzinfarkt hatte, einen geliebten Menschen verloren hat, eine verheerende Krebsdiagnose hat oder sonst ein Schicksalsschlag“, sagt der Coburger, der sich als sehr dankbaren und zufriedenen Menschen beschreibt.
“Ich möchte Menschen, die schwere Zeiten durchmachen, Mut geben und zeigen, dass man auch aus den dunkelsten Momenten wieder herausfinden kann.
”
Für ihn war das Aufschreiben kleiner Erfolge und Rückschläge eine Art Schreibtherapie. „Ich hatte nicht vor, ein Buch daraus zu machen. Mit der Zeit wurden es immer mehr Geschichten. Es gab natürlich thematische Wiederholungen, weil mich bestimmte Dinge immer wieder beschäftigt haben, und ich sie aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet habe“, schildert er die Anfänge seines Schreibens. Er holte sich schließlich eine Lektorin mit an Bord, die ihn bei der Struktur und Auswahl seiner Geschichten unterstützte.
Kritik am Gesundheitssystem
Johannes Ralph erinnerte sich in dieser Zeit auch oft an seines früheres Leben als Arzt im Krankenhaus. Seine Erlebnisse und Erfahrungen von damals flossen in das Buch mit ein. „Was da so alles schiefläuft, habe ich entweder recherchiert, Krankengeschichten angehört oder aus erster Hand erlebt“, sagt er. Krankenhausinfektionen, Diagnose- und Behandlungsfehler, Über-, Unter- und Fehlversorgung, Profitstreben, Gerätemedizin, Arzt-Patienten-Kommunikation, Abrechnungsbetrug, Personalausbeutung, Sterbehilfe, Vorsorgeuntersuchungen, alternative Heilverfahren, all das findet sich in seinen Schilderungen.
Dr. Ralph: „Ich möchte zum Nachdenken über unser ach so tolles Gesundheitssystem anregen. In der bescheidenen Hoffnung, dass sich doch etwas ändert.“
Und warum hat er dafür diese Form gewählt – voller Galgenhumor und Sarkasmus? „Diese Art von Humor ist natürlich ein Schutzschild, weil all der Schmerz und all die Probleme so am besten zu ertragen sind“, gibt er zu.
Besseres Leben führen
Das Leben nach seinem Schlaganfall hat sich grundlegend geändert. Für Dr. Johannes Ralph hat es sich seinem Empfinden nach, verbessert. „Ich weiß jetzt, worauf ich achten muss: Weniger Stress im Leben, machen, was mir guttut, Dankbarkeit zeigen.“
Seinen Humor hat er sich bewahrt, wie sich schon am Beipackzettel seines Buches herauslesen lässt. Da heißt es unter Gegenanzeigen: Das vorliegende Präparat sollte nicht angewendet werden
- bei bekannter Überempfindlichkeit gegen schwarzen Humor;
- wenn man von den Absurditäten des Lebens nichts wissen will;
- von Betroffenen eines Schicksalsschlags, weil sie sich nicht ernst
genommen fühlen könnten; - wenn das Medizin- und Gesundheitssystem für optimal befunden
werden; - bei religiöser Verehrung von: Wissenschaft, alternativen Heilmethoden
oder Esoterik; - wenn ein einheitlicher Stil und ein durchgehendes Genre erwartet
wird; - wenn das Ende vor dem Anfang gelesen wird.
Zum Buch
Dr. Johannes Ralph, „Kleinhirn an Großhirn: Ich habe fertig“, 320 Seite, Book on Demand, erhältlich als gebundenes Buch oder E-Book, 23 Euro.
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