Dieser Premieren-Abend wird in die Annalen des Landestheaters Coburg eingehen – aus vielerlei Gründen. Insgesamt 148 Mitwirkende waren im Solistenensemble, in drei Chören, dem Philharmonischen Orchester und am Dirigentenpult versammelt bei „Fausts Verdammnis“ von Hector Berlioz in der Neuinszenierung zum Spielzeitauftakt. Aber ein ganz zentraler Name stand zwar im Programmheft, aber nicht auf dem Besetzungszettel – der Name der Coburger Stadtkirche. Denn die Morizkirche als Spielort prägt ganz unweigerlich die szenische Umsetzung des Werkes durch Gastregisseur und Ausstatter Neil Barry Moss.
Bühnenpodium mitten in der Kirche
Akustisch wie szenisch spielt der Kirchenraum die zentrale Rolle bei dieser Multimedia-Musiktheater-Produktion, die irgendwo zwischen szenischem Oratorium und Oper angesiedelt ist. Mitten im Hauptschiff steht ein quadratisches Bühnenpodium, das bald als Rahmen für ein göttlich-teuflisches Schachspiel, bald aber auch als Boxring dient. Der Blick in Richtung Chorraum ist verstellt durch ein großes Chorpodest und einen hohen schwarzen Vorhang samt Projektions-Leinwand. Und zwischen Chorpodest und Bühne hat das in großer Besetzung angetretene Philharmonische Orchester Platz genommen.
Heikle Aufgabe für Daniel Carter
Coburgs Generalmusikdirektor Daniel Carter steht im Zentrum des Abends – mit einer heiklen Aufgabe. Carter muss die oft mit weiten Abständen voneinander agierenden Solisten und Choristen sowie das Orchester mit Einsätzen in alle Himmelsrichtungen irgendwie koordinieren. Das aber gelingt ihm ebenso überzeugend wie die Anpassung an die besonderen akustischen Bedingungen der Morizkirche, die sich mit ihren Nachhallzeiten fundamental unterscheidet vom eher trocken tönenden Landestheater.
Bemerkenswert klangschön musiziert
Der Musik von Hector Berlioz bekommt die Akustik der Morizkirche ganz eindeutig bestens. Daniel Carter beeindruckt durch sein Geschick, den an zentralen Stellen der Partitur buchstäblich gen Himmel strebenden Klang mit dem bestens disponierten und bemerkenswert klangschön musizierenden Philharmonischen Orchester farbenreich aufzufächern.
Schachspiels mit makaberem Einsatz
Chorsinfonie, szenisch inspiriertes Oratorium oder doch Oper? „Fausts Verdammnis“ passt einfach nicht in irgendwelche Genre-Schubladen. Der junge Gastregisseur Neil Barry Moss aber schafft es mit seinem Einfallsreichtum, das faszinierende szenische Potential des Werkes mit seinem multimedialen Inszenierungskonzept sichtbar werden zu lassen. Der entscheidende Faktor: Moss inszeniert das Ringen von Gott und Mephistopheles um die Seele Fausts buchstäblich als Schachspiel mit fast makaber anmutendem Einsatz.
Publikum ist hautnah dabei
Dass dieser göttlich-teuflische Zweikampf nicht auf einer Theaterbühne, sondern in einem zur Bühne umfunktionierten Gotteshaus stattfindet, verleiht dem Geschehen eine besondere Spannung und Aura. Extrem nahe dabei ist auf vielen Plätzen das Publikum, denn kein Orchestergraben trennt Akteure und Zuschauer.
Faszinierender Hauptdarsteller
Auch wenn Berlioz für sein Werk Goethes „Faust“ als Ausgangspunkt genommen hat – mit Goethes Drama hat diese „dramatische Legende“ nur ganz grob mit zentralen Elementen der Handlung zu tun. Geblieben freilich ist die zentrale Rolle der Titelfigur. Als Gast und Einspringer hatte Jason Kim diese Partie erst kurz vor Probenstart übernommen. Bei der Premiere überzeugte er stimmlich mit seinem lyrischen Tenor ebenso nachdrücklich wie darstellerisch.
Viel riskiert, viel gewonnen
Durchweg überzeugend aber auch alle weiteren Solisten mit Michael Lion als Méphistopheles, Emily Lorini als Marguerite, Bartosz Araszkiewicz als Brandner und Rannveig Kárádóttir als Stimme aus dem Himmel. Nachdrücklich überzeugend aber auch die von Mikko Sidoroff bestens vorbereiteten drei Chöre – Chor und Extrachor des Landestheaters sowie der erstmals in Coburg zu hörende Symphonische Chor Bamberg.
Angekommen im Herzen der Altstadt
Mit diesem Multimedia-Mega-Projekt in der Morizkirche hat das Landestheater zum Auftakt einer besonderen Saison viel riskiert – und künstlerisch viel gewonnen. Das Landestheater ist mit dieser Produktion in der allerletzten Spielzeit vor dem Umzug ins Globe angekommen im Herzen der Stadt.
Das Landestheater zu Gast in der Coburger Morizkirche
Premieren-Tipp „Fausts Verdammnis“ - dramatische Legende von Hector Berlioz, Samstag, 24. September, 19 Uhr, St. Moriz – Termine: 30. September, 5., 11., 13., 15. Oktober, 19 Uhr
Produktions-Team
Regie, Bühne und Kostüme: Neil Barry Moss
Musikalische Leitung: Daniel Carter
Choreinstudierung: Mikko Sidoroff
Dramaturgie: Dorothee Harpain, André Sievers
Besetzung
Faust: Jason Kim
Gott: Nicole Horny
Voix céleste: Rannveig Káradóttir
Marguerite: Emily Lorini
Brandner: Bartosz Araszkiewicz
Méphistophélès: Michael Lion
Statisterie des Landestheaters,
Chor und Extrachor des Landestheaters Coburg, Symphonischer Chor Bamberg, Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg
Das Werk Die Faust-Adaption von Hector Berlioz ist eine Mischung aus Oper, Chorsinfonie und Oratorium. Konzertant wurde „Fausts Verdammnis“ am 6. Dezember 1846 in der Opéra-Comique in Paris uraufgeführt - die Uraufführung wird als verunglückt und finanzielles Desaster für den Komponisten beschrieben. Zu Berlioz’ Lebzeiten folgte keine weitere Aufführung in Paris , während er das Werk im Dezember 1866 in Wien dirigierte. Erst ein knappes Vierteljahrhundert nach seinem Tod folgte am 18. Februar 1893 die szenische Erstaufführung in Monte Carlo. – Tickets: landestheater-coburg.de
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