Vielleicht ist der Dramatiker Bert Brecht als Klassiker der Moderne 125 Jahre nach seiner Geburt längst ein Fall für Nostalgiker. Und vielleicht war es deshalb eine kluge Wahl, bei der Neuinszenierung der „Dreigroschenoper“ am Landestheater Coburg ganz unverhohlen nostalgische Assoziationen zu wecken. Denn manchmal könnte der Versuch, aus einem vor knapp 100 Jahren uraufgeführten Stück überraschend neue Erkenntnisse zu destillieren, zu einem allzu bemühten Ergebnis führen.
Uraufführung 1928
Die junge Regisseurin Jasmin Sarah Zamani hatte sich jedenfalls mit ihrer Bühnen- und Kostümbildnerin Aylin Kaip ganz unmissverständlich für die Variante entschieden, in der ersten Coburger Neuinszenierung seit Oktober 2005 die Zeit der Uraufführung 1928 zitierend wieder lebendig werden zu lassen. Kein verkopftes Bemühen, aus Brechts Version der bereits 1728 entstandenen „Beggar’s Opera“ völlig unvermutete Schlüsse zu ziehen.
Auch heute noch aktuell
„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ – mühelos lässt sich diese zentrale Formel auch und gerade heute noch als zeitlos aktuell deklarieren. Neu freilich ist das nicht. Die Geschichte, die im Londoner Elendsviertel Soho von Bettler- und Verbrecherbanden erzählt, ist im Landestheater nicht zuletzt dank einer sehr engagierten und geschlossenen Ensembleleistung sehenswert – allen krankheitsbedingten Widrigkeiten im Probenprozess zum Trotz, einschließlich einer kurzfristig verschobenen Premiere.
Kurt Weills raffinierte Musik
Denn mit ihrem Regieansatz lässt Jasmin Sarah Zamani den Akteuren viel Raum, Spielfreude zu entfalten bei der letzten großen, spartenübergreifenden Produktion im Landestheater vor dem Umzug ins Globe. Das Schauspielensemble wird dabei unterstützt vom gründlich vorbereiteten Chor des Landestheaters (Einstudierung erstmals durch die neue Chordirektorin Alice Lapasin Zorzit) und getragen von Kurt Weills raffiniert aufgefächerter Musik.
Gnadenlos eingängige Klänge
Wer kein strenggläubiger Brecht-Fan ist, muss schließlich zugeben, dass „Die Dreigroschenoper“ bis heute ihren anhaltenden Bühnenerfolg zu einem erheblichen Teil Weills Musik verdankt. Sie ist gnadenlos eingängig und birgt für die Interpreten hörbar dennoch manche Tücken.
Vor 18 Jahren als Gast in Coburg: Niklaus Scheibli
Niklaus Scheibli, der vor knapp 18 Jahren damals als Gast den Part des Mackie Messer kurzfristig für Stephan Mertl übernahm, ist diesmal als Mackie Messers Gegenspieler und damit als Bettler-König Jonathan Jeremiah Peachum zu erleben, während Nils Liebscher in Scheiblis damalige Rolle schlüpft. Annelie Straub als Peachums Tochter Polly, die Mackie Messer heimlich geheiratet hat, und Juliane Schwabe als Peachums trinkfreudige Ehefrau Celia, Tobias Bode als korrupter Polizeichef Brown, Lilian Prent in der Parade-Rolle der Spelunken-Jenny und Marina Schmitz als Lucy, Florian Graf als Moritatensänger – sie alle fügen sich ein in ein bestens harmonierendes Ensemble.
Elfköpfige Band im Orchestergraben
Musikalisch beflügelt, gelegentlich aber auch akustisch ein wenig überdeckt wird das Ensemble von einer elfköpfigen, in den Holzbläsern sehr flexibel eingesetzten Band, die Coburgs Erster Kapellmeister Johannes Braun mit gutem Gespür für den unverwechselbaren Weill-Tonfall dirigiert.
Viel Beifall im ausverkauften Haus
Was ein ausverkauftes Haus beisteuern kann an Premieren-Spannung und Stimmung, ist an diesem Abend eindringlich zu erleben. Festliche Atmosphäre und am Ende ausdauernder Beifall im Landestheater wecken Erinnerungen an selige Zeiten vor der Corona-Krise – aber langsam müssen die Theater-Fans in der Region nun anfangen, sich auf Abschied einzustellen mit Blick auf den im Herbst anstehenden Umzug ins Globe.
Rund um die „Dreigroschenoper“
Theater-Tipp „Die Dreigroschenoper“ – Ein Stück mit Musik in einem Vorspiel und acht Bildern von Bertolt Brecht nach John Gays „The Beggar’s Opera“, Musik von Kurt Weill – Tickets an der Theaterkasse (09561/898989), Termine online (landestheater-coburg.de) – Die Produktion ist eine Kooperation mit dem Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz
Besetzung Macheath, genannt „Mackie Messer“: Nils Liebscher
Jonathan Jeremiah Peachum: Niklaus Scheibli
Celia Peachum: Juliane Schwabe
Polly Peachum: Annelie Straub
Brown, oberster Polizeichef: Tobias Bode
Lucy: Marina Schmitz
Spelunken-Jenny: Lilian Prent
Smith: Frederik Leberle
Moritatensänger, Konstabler: Florian Graf
Filch/Konstabler: Simon Latzer
Hakenfingerjakob: Stephan Mertl
Münzmatthias: Hans Ehlers
Alte Hure: Kerstin Hänel
Sägerobert: Christian Huber/Simon van Rensburg
Trauerweidenwalter: Jan Korab/Marcello Mejia-Mejia
Jimmy: Konstantinos Bafas/Jaehan Bae
Ede: Sascha Mai/Marino Polanco
Vixen: Gabriele Bauer-Rosenthal/Luise Hecht
Betty: Joanna Stark/Monika Tahal
Molly: Eva Maria Fischer/Claudia Schäfer
Dolly: Patricia Lerner/Tomomi Fujiyama
Bettlerinnen und Bettler: Naoko Baba/Tae Kwon Chu/Eva Maria Fischer/Tomomi Fujiama/Jinwook Jeong/Patricia Lerner/Claudia Schäfer/Ioana Tautu/Tomoko Yasumura
Chor des Landestheaters und Band
Produktionsteam
Musikalische Leitung: Johannes Braun
Regie: Jasmin Sarah Zamani
Bühne und Kostüme: Aylin Kaip
Choreinstudierung: Alice Lapasin Zorzit
Dramaturgie: Victor Pohl
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