Martin Trepl kam 1998 als Chorsänger ans Coburger Landestheater, er kennt den Betrieb wie seine Westentasche. Seit ein paar Jahren setzt er sich als Ortsdelegierter der Vereinigung Deutscher Opern- und Tanzensembles für bessere Arbeitsbedingungen ein.
Daher waren auch er und einige Coburger Kollegen und Kolleginnen dabei, als von 14. bis 18. Februar die Kampagne „Stopp NVFlatrate- für Entlastung und Planbarkeit an deutschen Bühnen“ lief. Sie war von den Künstler-Gewerkschaften Bundesverband Schauspiel (Bffs), der Genossenschaft deutscher Bühnenangehörigen (Gdba) und der Vereinigung deutscher Opern und Tanzensembles (Vdo) initiiert worden. Die Gewerkschaften hatten zum ersten Mal in ihrer Geschichte zu vereinten, bundesweiten Aktionen aufgerufen. Darin forderten sie eine Arbeitszeitregelung in dem Tarifvertrag für künstlerisch Beschäftigte: „Normalvertrag Bühne“ kurz „NV Bühne“.
Tarifverhandlungen gehen in die nächste Runde
Die drei Schwester-Gewerkschaften vertreten rund 15.000 Menschen. Es sei laut Pressemitteilung der Gewerkschaften wichtig, die Arbeitsbelastungen zu reduzieren und mehr Planbarkeit mit einem Arbeitszeitrahmenmodell zu sichern. Der Deutsche Bühnenverein, mit dem sie verhandeln, bot zuletzt immer wieder für die Gewerkschaften unzumutbare Bedingungen für Arbeitszeitregelungen, weshalb die Gespräche vergangenes Jahr abgebrochen worden waren. Nun sollen sie wieder aufgenommen werden.
„Der NV Bühne sieht im Bereich solo keine Arbeitszeitregelung vor. Es ist schwer, etwas zu verbessern, wenn nichts da ist“, sagt Martin Trepl. Der Normalvertrag-Bühne wurde 2002 vereinbart und ist für alle öffentlichen Theater rechtlich bindend. Ohne Arbeitszeitregelung kann der Arbeitgeber für das monatliche Gehalt, das er zahlt, praktisch unbegrenzt über die Zeit seiner Mitarbeiter verfügen. Proben können spontan angesetzt, abgesagt oder umgeplant werden. Festgelegte Ruhezeiten gibt es nicht. „Ein Regisseur kommt an ein Haus und sagt: Meine kreativste Phase ist zwischen 20 Uhr und ein Uhr morgens, ich will da proben. Der nächste sagt: Meine kreative Phase ist morgens von sieben bis elf. Ich will da meine Probe abhalten“, beschreibt Trepl. Ein Mitspracherecht hätten die Angestellten dabei nicht.
Allzeit bereit
Der Tarifvertrag NV Bühne definiert bisher nur in der Sonderregelung Bühnentechnik eine wöchentliche Arbeitszeit von 40 Stunden. In den Sonderregelungen Opernchor und Tanz sind allein Probendauer und Ruhezeiten geregelt. In der Sonderregelung Solo, die viele verschiedene Angestellte am Theater umfasst, gibt es fast keine Beschränkungen. Die Kampagne vergleicht den Vertrag am Theater mit einer Flatrate: einmal Gage bekommen – immer verfügbar sein. Die Länge einer Probe sei zwar auf vier Stunden festgelegt und es soll eine angemessene Ruhezeit folgen, aber angemessen könne alles heißen und sei reine Auslegungssache. Der Großteil der künstlerisch Beschäftigten habe de facto keine Probenzeitbegrenzung und die Arbeitszeiten können durch das Theater täglich geändert werden.
Kein Acht-Stunden-Job
„Abends habt ihr Vorstellung, aber was macht ihr tagsüber?“ Diese Frage begegne Martin Trepl häufiger. Viele Menschen scheinen sich den Berufsalltag am Theater schwer vorstellen zu können. In der Regel gehen Angestellte am Theater zweimal am Tag zur Arbeit. Tagsüber wird geprobt – meist von 10 bis 14 Uhr- und wenn abends keine Vorstellung ist, wird auch dann geprobt. Das geht bis 22 Uhr, in der Zeit vor der Premiere auch mal bis 23 oder 24 Uhr. Nach der gesetzlich geregelten Ruhezeit von elf Stunden gehts dann am nächsten Morgen um 10 wieder auf der Probe. Manchmal wird spontan noch eine Kostümanprobe in die Pause zwischen Probe und Vorstellung geschoben, also muss man dann um 15 Uhr nochmal ans Theater kommen. Geregelte Pause adé. Es wird an Samstagen geprobt, an Feiertagen und Sonntagen gespielt. Frei planbaren Urlaub gibt es nicht, er fällt immer auf die Sommerpause im Juli und August.
In ihrer Kampagne bemängeln die Gewerkschaften zudem, dass in den letzten Jahrzehnten die Anzahl der Produktionen bundesweit immer mehr zu, dabei die Zahl der Beschäftigten jedoch abgenommen hätte. Daher mache eine fehlende Arbeitszeitregelung in dem Tarifvertrag „NV Bühne“ vielen Beschäftigten am Theater zunehmend schwerer zu schaffen.
„Keine Kita betreut so, wie das Theater einen braucht. Jeden Monat gehen bis zu 900 € für Kinderbetreuung drauf. Mehrere Babysitter:innen sind uns schon abgesprungen, weil ihnen unsere ständig wechselnden Dienstpläne zu anstrengend wurden.“ Auf der Webseite der Kampagne kommen Betroffene zu Wort und machen das Ausmaß des Problems deutlich. „Das ist Alltag von Familien am Theater. Am Vortag weiß man oft nicht, wie die Kinderbetreuung am nächsten Tag aussehen soll“, sagt Martin Trepl. Auch regelmäßige Termine wie Sport oder Freunde treffen seien schwer machbar, denn jederzeit könne die Probe doch länger dauern oder noch eine Anprobe dazwischengeschoben werden. „Die Organisation von Arbeit und Freizeit ist am Theater sehr schwierig.“
Eine weitere Stimme einer Betroffenen auf der Kampagnenseite macht die Schwierigkeiten deutlich: „Mein Sohn ist schwer erkrankt. Am Vortag zu erfahren, ob ich arbeiten soll oder nicht, gestaltet sich für mich und die Ärzt:innen im Krankenhaus äußerst schwierig. Ich kann nie zuverlässig versichern, meinen Sohn zu begleiten und mein Mann muss ständig kurzfristig Urlaubstage einreichen und verliert dadurch seinen wohlverdienten Urlaub.“
Missstände, die Aufmerksamkeit brauchen. Mit „#StoppNVFlatrate“ wollten die Gewerkschaften daher zum einen Solidarität wecken und zum anderen die Öffentlichkeit für ihre Anliegen sensibilisieren, bevor die Tarifverhandlungen in die nächste Runde gehen. Die Besucher konnten vergangene Woche mit einem Foto ein Zeichen der Solidarität setzen, indem sie den gelben Flyer hochhielten und so zeigten, dass sie die Stimmen der Betroffenen hören. In Coburg hatten Angestellte vor und nach Vorstellungen Flyer verteilt. Der Kampagnenfilm und das Material der Aktion wurden über Social Media verteilt.
Es gehe nicht an allen Theatern gleich zu, denn durch Betriebsvereinbarungen, lösungsorientierte Theaterleitungen oder größere Ensembles sei die Situation an manchen Theatern besser als an anderen. Auch in Coburg wurde vor einigen Jahren eine Dienstvereinbarung getroffen worden, die vorsieht, dass allein zwischen 10 und 14 sowie 18 und 20 Uhr geprobt wird. In Coburg funktioniere es daher in der Wahrnehmung von Martin Trepl vergleichsweise gut. Aber natürlich sei auch das Landestheater von der fehlenden Arbeitszeitregelung betroffen. Und weil außerdem nicht alle Angestellten so lange wie Martin Trepl an einem Haus bleiben, sei es wichtig, sich für bessere Bedingungen an allen Theatern bundesweit einzusetzen.
Warum nicht einfach streiken?
An Flughäfen, Bahnhöfen und Krankenhäusern; Arbeitskämpfe in Deutschland sind in vielen Branchen ein Mittel, um bei Tarifverhandlungen Druck auszuüben. Ob es auch mal sein kann, dass am Theater gestreikt wird? Martin Trepl hat das in den vielen Jahren am Coburger Landestheater noch nicht erlebt. Streiks an Theater habe es zwar schon gegeben, wo es um die jeweiligen Arbeitsbedingungen am Haus ging, Trepl persönlich zieht jedoch andere Mittel im Arbeitskampf vor. Weil man beim Streiken all die Leute mit hineinziehen würde, die nicht für den Unmut verantwortlich sind, wie das Publikum. Weil er optimistisch auf die kommenden Tarifverhandlungen blickt und davon ausgeht, dass die Verhandlungen positiv verlaufen, sieht er aktuell keinen Anlass für ein Bestreiken des Betriebs. Im März stehen die Verhandlungen der Bühnengewerkschaften mit dem Deutschen Bühnenverein an. Die Gewerkschaften sind entschlossen: So wie es ist, kann es nicht bleiben.














