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Landestheater Coburg
Multitalent Nils Svenja Thomas im Interview
Nils Svenja Thomas
Nils Svenja Thomas // Annemone Taake
Signet des Fränkischen Tags von Redaktion
Coburg – Nils Svenja Thomas über Lampenfieber, die Beziehung zum Publikum und die persönliche Bedeutung der „Rocky Horror Show“.

Die Shakespeare-Komödie „Was Ihr wollt“ eröffnete im Oktober 2023 den Spielbetrieb im Globe, dem Ausweichquartier des Landestheaters Coburg. Am Sonntag, 24. März, 15 Uhr, und am Ostermontag, 1. April, 18 Uhr ist der große Shakespeare-Abend nun die beiden letzten Male zu erleben. Dafür bietet das Landestheater ein Osterspecial (Infos: landestheater-coburg.de). Für Furore sorgte Ensemblemitglied Nils Svenja Thomas mit einer ausdrucksstarken und musikalischen Interpretation der Rolle des Narren. Kürzlich wurde bekannt, dass die Zeit am Landestheater im Herbst zu Ende geht. Wie es dem Multitalent auf der Globe-Bühne ging und was die Zukunft bringt, erzählt Nils Svenja Thomas im Interview.

Wie würdest du dich den Lesern, die dich noch nicht kennen, vorstellen?

Nils Svenja Thomas: Mein Name ist Nils Svenja Thomas, ich bin 23 Jahre alt, nicht-binär und zurzeit als Schauspieler*in am Landestheater Coburg engagiert. Aktuell stehe ich als Narrenfigur in „Was ihr wollt“, als Werther in dem gleichnamigen Stück und als Oberschwester Monika und Oberpfleger Uwe Sievers in „Die Physiker“ auf der Bühne. Neben dem Theater mache ich aktuell unter dem Namen treibgut Musik.

Was fasziniert dich am Schauspielberuf?

Zunächst mal liebe ich es, auf der Bühne zu stehen. Ich liebe das Adrenalin, die Nervosität und den Rausch des Rampenlichts sowie die schonungslose Unmittelbarkeit der Bühne. Gleichzeitig erfüllt mich auch die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Rollen. Wenn ich Glück habe, zeigt mir jede Figur ein Stück ihres Lebens und ihrer Realität und das ist unfassbar bereichernd. Das gemeinsame Arbeiten mit anderen Spielenden und die Herausforderungen, die jeder neue Spielpartner, jede neue Spielpartnerin mit sich bringt, machen das Ganze umso spannender.

„Was ihr wollt“ wirbt neben allem Shakespeare’schen Klamauk auf humorvolle Weise auch für Toleranz und Diversität. Ist in die Inszenierung auch etwas von deinen persönlichen Anliegen eingeflossen?

Das Schöne war, dass die Anliegen der Regisseurin Jana Vetten von Anfang an sehr im Einklang mit meinen eigenen standen. Jana wollte von Beginn an, dass die Narrenfigur durch die Lieder, die wir zusammen mit Öğünç Kardelen selbst im Laufe der Proben geschrieben haben, eine Art moderne Kommentarfunktion bekommt, und das hat mir in diesem Sinn natürlich sehr in die Karten gespielt. Obwohl das Stück überraschenderweise an vielen Stellen immer noch brandaktuell ist, darf man nicht vergessen, dass es vor mehreren Hundert Jahren geschrieben wurde und wie alles in gewissem Maße auch ein Produkt seiner Zeit ist.

Du gehst auf der Bühne stark aus dir heraus - bist du vor oder bei deinen Auftritten noch nervös?

Im besten Falle ja. Ich bin jedes Mal fast ein bisschen enttäuscht, wenn sich nicht zumindest ein Mindestmaß an Nervosität einstellt. Das gehört für mich einfach zu der gesamten Bühnenerfahrung dazu und ich spiele dann meist auch besser.

Spürst du in einer intensiven Rolle wie dem „Werther“ eigentlich die Energie des Publikums? Merkst du, ob die Zuschauer „bei dir“ sind?

Ja, absolut. Ich habe generell ein Faible dafür, direkt mit dem Publikum zu spielen und die vierte Wand zu brechen, und beim „Werther“ stehe ich das ganze Stück quasi in einer Art Manege, und das Publikum ist so nah, dass ich jede einzelne Sorgenfalte zählen könnte. Das ist schon krass und ich muss jedes Mal aufs Neue meine inneren Widerstände abbauen, mich in dieser Situation so verletzlich wie möglich zu machen. Aber sobald ich das einmal geschafft habe, ist die Verbindung, die mit dem Publikum entsteht, einfach berauschend.

Deine nächste Rolle ist der Diener Riff Raff in der „Rocky Horror Show“, für die die Proben in vollem Gange sind. Bei der Pressekonferenz hast du erwähnt, dass das Stück für dich eine besondere persönliche Bedeutung hat…

Das Stück war sozusagen mein persönliches Queer Awakening. Ich bin in einem sehr heteronormativen Umfeld aufgewachsen, in dem ich mich lange Zeit sehr fremd gefühlt habe. Mit 15 sah ich dann erstmals die „Rocky Horror Picture Show“ und das war wie eine warme Umarmung. Ich habe mich das erste Mal wirklich gesehen gefühlt. Ich habe die Show seitdem unzählige Male sowohl im Kino als auch auf der Bühne gesehen, und vor fünf Jahren stand ich dann im Rahmen meines ersten professionellen Engagements auch das erste Mal in der „Rocky Horror Show“ auf der Bühne. Es ist also wirklich ein Herzensstück.

Auf welches Projekt oder auf welchen Erfolg in deinem Leben bist du besonders stolz?

Ich glaube, ich nehme mir zu selten Zeit, um anzuerkennen, was ich schon alles erreichen und erleben durfte. Aber wenn ich eine Sache herauspicken müsste, dann wäre das der Mut, immer wieder ziemlich radikale Lebensentscheidungen getroffen zu haben, die mich an den Punkt geführt haben, an dem ich jetzt bin. Nachdem ich aus der Schule war, habe ich mir geschworen, nie wieder so viel Zeit mit etwas zu verbringen, was mich so wenig erfüllt. Und das hat seitdem ganz gut funktioniert.

Erinnerst du dich an einen witzigen oder peinlichen Moment auf der Bühne? Dutzende, aber die meisten davon habe ich zum Glück nur geträumt. Ich träume immer wieder davon, in einem völlig fremden Stück in einer völlig fremden Inszenierung vor einem riesengroßen Publikum auf der Bühne zu stehen und keine Ahnung von nichts zu haben. Aber das geht, glaube ich, jeder Spielerin so.

Kann/sollte Theater die Welt verändern?

Ja. Ich weiß nicht, ob das Theater das im Alleingang wirklich kann, aber genau das sollte für mich trotzdem immer der Anspruch sein. Für mich liegt die Magie des Theaters in einem Raum voller Menschen, in dem an einem Abend plötzlich alles möglich ist und niemand weiß, was genau passieren wird. Viel zu oft ruht sich das Theater aber leider in seiner bourgeoisen, alteingefahrenen Komfortzone aus. Das ist in meinen Augen für diese Kunstform ziemlich tödlich.

Kürzlich wurde bekannt, dass du zu Ende der Spielzeit das Landestheater verlassen wirst. Wohin führt dich dein Weg?

Die meisten Stationen sind noch nicht wirklich spruchreif. Aber ich freue mich auf jeden Fall sehr darauf, als Gast viele neue Theaterbühnen kennenzulernen und mich weiter herauszufordern und auszuprobieren, und ich hoffe auch, dass ich nächste Spielzeit noch mal als RiffRaff in Coburg auf der Bühne stehe. Ich möchte zudem auch wieder mehr vor die Kamera kommen und in den Pausen zwischen all dem werde ich versuchen, das Album fertig zu schreiben, an dem ich gerade arbeite. Ich werde mich also wahrscheinlich nicht über zu viel Freizeit beklagen können.

Bitte beende zum Abschluss noch folgende Sätze: Schauspiel oder Musik?

Unbedingt beides. Wenn ich mich für eines von beidem entscheiden müsste, würde mir das jeweils andere immer fehlen.

Ich möchte nicht leben ohne ... 

.... die Freiheit, mich immer wieder neu ausprobieren und erfinden zu können.

Ich mag keine Menschen, die ...

… die eigene Freiheit darüber definieren, die Freiheit anderer, meist marginalisierter Menschengruppen zu beschränken. Check your privileges, people.

Wütend macht mich ...

... die AfD und alle Menschen, die in dieser menschenverachtenden Fascho-Partei wirklich eine Alternative sehen.

Glück ist für mich ...

das Ausschlafen nach einer erfüllenden Show.

Meine Heimat ist ...

die queere Community und meine Familie.

Das werde ich an Coburg vermissen ...

... die Begeisterung der Menschen für das Theater und die Sonderbar. Ach ja und die Sauna, die ist auch fantastisch.

Die Fragen stellte Anne Gladitz.

Künstlerischer Werdegang

Nils Svenja Thomas wurde 2000 in Frankfurt am Main geboren, nahm bereits mit elf Jahren Schauspiel- und Gesangsunterricht, begann mit vierzehn Jahren, eigene Lieder im Alternative/Indie-Bereich zu schreiben und gründete die erste Band.

Neben den Bandauftritten spielte Nils Svenja Thomas beispielsweise  in der „Rocky Horror Picture Show“ und in „Shakespeare in Love“ bei den Clingenburg Festspielen. 2019 Beginn eines Schauspielstudiums an der Anton-Bruckner-Universität in Linz.

Nils Svenja Thomas wirkte bereits bei zahlreichen Film- und Theaterproduktionen mit. Am Landestheater Linz während des Studiums beispielsweise war als August in „norway.today“ (Regie Swaantje Lena Kleff), als Karlo in „Jenny Jannowitz“ (Regie Anna Marboe) und als Macduff und Fleance in „Macbeth“ (Regie Stephan Suschke) zu sehen.

Am Tiroler Landestheater spielte Nils Svenja Thomas in der Spielzeit 2022/23 den „fabelhaften Die“ im gleichnamigen Stück (Regie Agnes Mair). Seit Beginn der Spielzeit 2023/24 gehört Nils Svenja Thomas zum Schauspielensemble des Landestheaters Coburg.

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