Wie gedenkt man?
Schicksal der Coburger Juden soll bekannter werden
Bündnis 90/Die Grünen in Coburg: Rundgang in Erinnerung an Coburger Juden
Die Führung begann auf dem jüdischen Friedhof Coburg.
Petra Wöhner
F-Signet von Redaktion Fränkischer Tag
Coburg – Zählen Albert und Victoria mehr als die Coburger Juden? Die Grünen machen sich bei einem Rundgang Gedanken um die Erinnerungskultur.

Coburgs Geschichte ist reich an Glanz und Glorie: Auf das Erinnern an Victoria und Albert wurde und wird viel Wert gelegt in der Vestestadt. Doch greift diese Sichtweise nicht zu kurz? „Wir erben nicht nur die glanzvolle Seite der Geschichte – wir erben auch die andere!“, fasste Gaby Schuller, die jahrelang im Arbeitskreis Lebendige Erinnerungskultur in Coburg mitgearbeitet hat, die Situation treffend zusammen.

Bündnis 90/Die Grünen in Coburg: Rundgang in Erinnerung an Coburger Juden
Thomas Gehring MdL, Direktkandidatin für die Landtagswahl Susanne Esslinger, Hannes Wagner MdB
Petra Wöhner

Sie sagte das bei einem Rundgang durch Coburg anlässlich des Besuchs des Zweiten Vizepräsidenten des Bayerischen Landtags, Thomas Gehring von Bündnis 90/Die Grünen.

Die andere Seite des Erinnerns betreffe in Coburg die erst in den vergangenen Jahren langsam begonnene Aufarbeitung der NS-Zeit und dabei vor allem die Aufarbeitung der Schicksale der jüdischen Bürgerinnen und Bürger während der langen Zeit der Herrschaft der NSDAP, heißt es in einer Pressemitteilung von Bündnis 90/Die Grünen Coburg-Stadt.

Zwei Veranstaltungen: ein Rundgang und eine anschließende Gesprächsrunde

Kürzlich fanden zwei Veranstaltungen statt, die sich auf die Suche nach Zeugnissen von jüdischem Leben in Coburg machten und die Frage nach einer angemessenen Erinnerungskultur in das Zentrum der Debatte stellten. Unter Hubertus Habels fachkundiger Führung wurden zentrale Orte jüdischen Lebens und Leidens besucht. Der Kulturwissenschaftler Habel war von 2005 bis 2020 Heimatpfleger der Stadt Coburg.

Bündnis 90/Die Grünen in Coburg: Rundgang in Erinnerung an Coburger Juden
Steine als Respektbezeugung auf einem jüdischen Grabmal
Petra Wöhner

Die Führung begann am jüdischen Friedhof und führte über die Hohe Straße 30 und die Nikolauskapelle zum Marktplatz, zur Spitalgasse, zum Ilse Kohn-Platz, zur Ecke Mohrenstraße/Löwenstraße.

Bündnis 90/Die Grünen in Coburg: Rundgang in Erinnerung an Coburger Juden
Dr. Hubertus Habel
Petra Wöhner

Habel berichtete von der ehemaligen Prügelstube, in der jüdische Mitbürger brutal misshandelt wurden.

Bündnis 90/Die Grünen in Coburg: Rundgang in Erinnerung an Coburger Juden
Vor der Villa Victoria, dem ehemaligen Haus von Abraham Friedmann
Petra Wöhner

Auch das Schicksal von Abraham Friedmann, der ehemals das heutige Hotel Victoria besaß, dann aber in die Zahlungsunfähigkeit getrieben wurde und das Haus zu einem Spottpreis verkaufen musste und emigrierte, kam zur Sprache.

Die Orte der Erinnerung an die Gräueltaten der NSDAP wenig prominent herausgestellt

Auffällig sei, dass im Stadtbild die Orte der Erinnerung an die Gräueltaten der NSDAP wenig prominent herausgestellt seien, heißt es in der Mitteilung, womit sich die Frage nach einem geeigneten Umgang mit der Stadtgeschichte während des Zweiten Weltkriegs geradezu aufdränge.

Wunsch nach einem Mahnmal

Dieser Frage widmete sich am Abend eine Gesprächsrunde, ausgerichtet von MdB Johannes Wagner im Wahlkreisbüro, das mit seiner Lage in der Judengasse der passende Ort für diese Veranstaltung war. Gehring betonte dabei, angesichts der mittlerweile über 80 Jahre zurückliegenden Verbrechen an den jüdischen Coburgern würden eine Erinnerungskultur und Erinnerungsorte, „um den Opfern ein Gesicht zu geben“ immer wichtiger.

Er berichtete von seinen Erfahrungen im bayerischen Landtag, wo Parteimitglieder der AfD demonstrativ Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Nationalsozialismus störten und genau ausloteten, „was noch sagbar ist, um die Grenzen des Sagbaren zu verschieben“.

Bündnis 90/Die Grünen in Coburg: Rundgang in Erinnerung an Coburger Juden
Gesprächskreis zur Erinnerungskultur in Coburg mit Dr. Hubertus Habel, Franziska Bartl, Gaby Schuller, Thomas Gehring, Wolfgang Braunschmidt, Moderation: Wolfgang Weiß
Petra Wöhner

Da der Antisemitismus vielerorts wieder aufflamme, brauche Coburg ein sinnvolles Konzept für eine gelingende Erinnerungskultur, waren sich die Gesprächsteilnehmer einig. Einzelne Parteien hätten Verständnisprobleme. Dies zeige sich zum Beispiel an dem Wunsch einiger Nachfahren von deportierten oder emigrierten Coburger Juden nach einem zentral aufgestellten Mahnmal, das an die Schicksale ihrer Eltern, Großeltern und Verwandten erinnern soll.

Dabei waren sich alle Anwesenden einig, dass niemanden etwas aufgezwungen werden sollte, sondern die jüdische Geschichte anhand von Einzelschicksalen nachvollziehbar gemacht werden sollte, um eine Einfühlung zu ermöglichen.

Kreative Lösungen gesucht, um Schülern das Thema Juden näherzubringen

Neben der Thematisierung im Schulunterricht seien kreative Lösungen nötig, die vor allem auch den Jugendlichen das Thema auf geeignete Weise nahebringen. Franziska Bartl vom Arbeitskreis Lebendige Erinnerungskultur sagte, an die Stelle von Schuldzuweisungen könne so ein gefestigtes demokratisches Verständnis treten, das aus der gemeinsamen, kritischen Erinnerung an diese undemokratische Zeit entstehe.

Dass der Weg dorthin noch weit sei, zeige die oft noch mühsame Arbeit, Ausstellungen zu den Judenverfolgungen in Coburg auszurichten, etwa anlässlich des 80. Jahrestages der letzten Deportationszüge aus Coburg und Umgebung im Jahr 2022.

Ausstellung zu den Judenverfolgungen in Coburg wurde erst auswärts gezeigt

Die vom Arbeitskreis in Eigenregie ausgearbeitete Ausstellung habe zunächst außerhalb Coburgs gezeigt werden müssen, bis nach langem Drängen ein geeigneter Raum durch die Stadt zur Verfügung gestellt wurde, heißt es in der Mitteilung, die mit der Hoffnung schließt, dass sich diese Einstellung bald ändern möge.

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