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Nationalsozialismus
Der „Mythos Coburg“ der Nationalsozialisten
1932 feierten die Nationalsozialisten den zehnten Jahrestag des „Zug nach Coburg“ im VfB-Stadion.
1932 feierten die Nationalsozialisten den zehnten Jahrestag des „Zug nach Coburg“ im VfB-Stadion. // Repro: Dieter Stößlein
Coburg – „Mit Coburg habe ich Geschichte gemacht“, soll Adolf Hitler bei einem Besuch in der Stadt im Oktober 1937 gesagt haben. Er bezog sich auf den „Zug nach Coburg“ 1922. Was machte diese Geschichte mit Coburg?

Wie war Coburg dran, nach dem Anschluss an Bayern im Sommer 1920? Es war keine Residenzstadt mehr, sondern lag nun am Rand eines großen Flächenstaats. Große Teile des national-konservativ eingestellten Bürgertums haderten mit der Republik, die Wirtschaftskrise hatte Deutschland und das Coburger Land im Griff. Die Bratwurst mit Semmel vom Stand am Marktplatz kostete 42 Mark, der Liter Normalbier in einer Gaststätte 50 Mark. In Coburg gab es immerhin eine Gruppierung, die behauptete, zu wissen, woher all das Elend rührte: Die Juden waren schuld. Das behauptete der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund, kurz „die Deutschvölkischen“ genannt.

Die Coburger Ortsgruppe, 1922 immerhin 400 Mitglieder stark, durfte nach Weimar und Detmold den dritten „Deutschen Tag“ ausrichten, eine Zusammenkunft rechtsgerichteter, nationalistischer Gruppierungen. Als einer von vielen wurde der Münchner Adolf Hitler „mit einigen Herren seiner Begleitung“ eingeladen. Er nutzte die Gelegenheit, charterte einen Sonderzug für acht Hundertschaften der „Sturmabteilung“ (SA) seiner Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) – ungefähr 650 Mann – und traf am Nachmittag des 14. Oktober 1922 in Coburg ein.

„Saubayern“ als Schimpfwort

Auf dem Bahnhofsplatz wurden die NS-Leute von etwa 200 Gegendemonstranten empfangen, „Saubayern“ war eine der Beschimpfungen. Hitler nahm die Provokation sofort auf, ließ die SA in geschlossener Formation in die Stadt marschieren, obwohl ihm genau das verboten worden war. Die Behörden leiteten den Zug in die Hofbräusäle an der Mohrenstraße, doch Hitler erzwang sich und seiner Truppe den Weg weiter zu ihrer Unterkunft im Schützenhaus am Anger, und unterwegs wurden die Gegendemonstranten, die noch da waren, von der Straße geprügelt. Die Gewalt setzte sich die Nacht über fort. In Ketschendorf marodierte ein Rollkommando der SA, der nicht weit entfernt vom Schützenhaus wohnende Geschäftsführer der Schlachterei Großmann, Abraham Friedmann, wurde bedroht. Die Polizei, obwohl eigens von der Bezirksregierung verstärkt, tat so gut wie nichts, verhinderte am nächsten Tag auch nicht Hitlers Zug zur Veste, wo er quasi die Parade seiner Parteimitglieder abnahm.

Der frühere Herzog förderte Hitler

Die drei Coburger Zeitungen schilderten die Ereignisse jeweils aus ihrer Warte – das sozialdemokratische Volksblatt empört, die rechtsgerichtete Coburger Zeitung begeistert, das Tageblatt eher indigniert – und das hätte es vielleicht gewesen sein können. Aber es gab einige Faktoren, die dazu führten, dass die Nazis in der Folgezeit in Coburg selbst schnell an Bedeutung gewannen. Der eine war der frühere Herzog Carl Eduard. Selbst eine maßgebliche Figur im rechten Lager, zeigte er sich von Adolf Hitler sehr angetan. Viele nationalkonservativ eingestellte Coburger folgten seinem Vorbild. Die „Deutschvölkischen“ schwenkten auf Hitler um, alsbald wurde eine Ortsgruppe der NSDAP gebildet. Mit Franz Schwede als Ortsgruppenleiter hatte sie überdies einen Anführer, der Gewalt gegen Andersdenkende als Mittel zum Zweck begriff und nicht zögerte, sie einzusetzen – ob das nun körperliche Gewalt war, Verleumdung oder Hetze.

Vier Seiten in „Mein Kampf“

1923 wollte Hitler sich in München an die Macht putschen, scheiterte und wurde verurteilt. Die NSDAP war verboten, ihr Vermögen eingezogen. Aber Hitler fand in der Landsberger Festungshaft 1924 komfortable Bedingungen vor und entschied, „Mein Kampf“ zu schreiben, um seiner Bewegung Sinn, Richtung und Geschichte zu geben. Ende 1926 erschien der zweite Band, und hier, im Kapitel über die SA, widmet er dem „Zug nach Koburg“ mehrere Seiten – denn erstmals trat die SA außerhalb Münchens in Erscheinung. Als habe sie einer Übermacht aus „Roten“ gegenübertreten müssen, als habe sie sich nur ihren Weg in ihr Quartier freigekämpft – so schildert Hitler die Vorkommnisse, nicht ohne die Ordnung und Disziplin seiner Truppe zu betonen. Als sie schließlich wieder zum Bahnhof zog, „konnte man sehen, wie die bisher ängstlich eingeschüchterte Bevölkerung langsam aufwachte, Mut bekam, durch Zurufe uns zu begrüßen wagte“ (Zitiert nach der Kritischen Edition des Instituts für Zeitgeschichte). Damit war der Ton gesetzt – der „Zug nach Coburg“ wurde zum Mythos für die Nationalsozialisten und für die Stadt selbst.

Zurück zu alter Bedeutung

Dadurch, dass Hitler den „Mythos Coburg“ selbst prägte, war dieser unantastbar. Die Coburger Nationalsozialisten stellten ihn in eine Reihe mit weiteren bedeutsamen Ereignissen. „Die Stadt, in der Luther weilte und predigte, die Stadt, in der unter Ernst II. die nationale Einigung vorangetrieben wurde und in der Friedrich Rückert und Jean Paul wirkten, war schließlich auch die Stadt, in der Hitler das ,erste Kapitel der neuen deutschen Geschichte‘ eröffnete“, fasst die Historikerin Eva Karl zusammen.

Der Mythos brachte so etwas wie früheren Glanz und Bedeutung zurück. In Coburg entstanden Pilgerstätten: Aus der Bahnhofstraße wurde am 8. Mai 1933 die „Adolf-Hitler-Straße“. 1937 erfolgten die Umbenennung der Mohrenstraße in Straße der SA und der Bereich des abgerissenen Gräfsblock in „Platz der alten Garde“. Der Mohr im Coburger Wappen wurde durch ein Kurzschwert ersetzt, das an den „Ehrendolch“ der SA erinnert. (Das Schwert findet sich auch im „Coburger Ehrenzeichen“ der Partei wieder.) Schützenhaus und Hofbräusäle wurden als Stätten gekennzeichnet, in denen Hitler sich aufgehalten hatte. 1939 wurde ihm das (mittlerweile städtische) Schützenhaus zum 50. Geburtstag geschenkt.

Rituelle Jahrestagsfeiern

Eva Karl nennt diese Schaffung von Pilgerstätten die zweite Ebene, auf der der „Mythos Coburg“ vermittelt wurde. Die dritte: Der „Deutsche Tag“ wurde in Coburg immer wieder rituell inszeniert, mit Treffen der „alten Kämpfer“, Umzügen, Tagungen. Vor allem die Jubiläen 1937 und 1942 wurden groß gefeiert, auch wenn Hitler 1942 nicht mehr selbst teilnahm. 1932, zum zehnten Jahrestag, waren die Feiern auf geschlossene Räume und das VfB-Stadion beschränkt. Damals waren die Nazis in Deutschland noch nicht an die Macht gelangt, die Jahrestagsfeier war eine große Propagandaveranstaltung, bei der erstmals das „Coburger Ehrenzeichen“ verliehen wurde, das nur an solche Parteimitglieder ging, die 1922 dabei gewesen waren.

„Mythos Coburg“ stärkte die Nazis vor Ort

„Die wahre Bedeutung des Deutschen Tages lag deswegen vielmehr in seiner Funktion als Referenzpunkt für eine Mythisierung der Rolle Coburgs im Nationalsozialismus, womit der Coburger NSDAP um Franz Schwede ein entscheidendes politisches Instrument im Kampf um Macht und Einfluss sowie ab Juni 1929 zur Herrschaftssicherung gegeben war“, schreibt Eva Karl. 1929 errangen die Coburger Nazis die Ratsmehrheit, 1931 wurde Schwede Oberbürgermeister. Er selbst stilisierte sich zum Teil des „Mythos Coburg“, nutzte diesen Mythos aber auch, um die Coburger Bevölkerung zu mobilisieren. 1930 erschien die Coburger-National-Zeitung als die erste NS-Tageszeitung Deutschlands. Im Januar 1931 hing erstmals eine Hakenkreuzfahne an einem Amtsgebäude, nämlich am Coburger Rathaus. Die Nazis feierten die Reichsgründung vom 18. Januar 1871, Adolf Hitler war einer der Redner. Ihren politischen Gegnern hatten die Nazis nahegelegt, der Festsitzung des Stadtrats fernzubleiben.

Im Februar 1932 wurde Hitler zum Ehrenbürger ernannt. Coburg war stolz darauf, die erste Stadt zu sein, die das tat. Die Ernennung zum Ehrenbürger erfolgte nur eine Stunde, nachdem Hitler als Braunschweiger Regierungsrat berufen und damit eingebürgert worden war. Bis dahin war er kein deutscher Staatsbürger gewesen.

„Vorauseilender Gehorsam“

Doch es ging nicht nur um Ehrungen und festliche Veranstaltungen. „Vorauseilender Gehorsam und dessen Inszenierung wurden dadurch zu festen Größen im städtischen Handlungsraum, die bald auch über die Parteiführung hinausreichten“, schreibt Eva Karl. Schon 1932 gab es ein städtisches Arbeitsdienstlager für arbeitslose Jugendliche, bevor die Nazis den Arbeitsdienst für junge Leute reichsweit einführten. Auch die „Prügelstube“ ist laut Eva Karl ein Zeichen für diesen vorauseilenden Gehorsam– ein „Ermöglichungsraum“, der „eine besondere Radikalität sowie die Duldung derselben durch die breite Bevölkerung“ zuließ. In der „Prügelstube“ in der Rosengasse, wo die Stadtpolizei untergebracht war, wurden von März bis Mai 1933 über 80 Coburger systematisch misshandelt – Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten und wer sonst noch als missliebig galt.

Proteste dagegen oder später gegen die Judenverfolgung gab es kaum. Die Stadt blieb ihrem Mythos treu – bis zum Einmarsch der US-Truppen am 11. April 1945.

Quellen und mehr

Eva Karl untersucht  im Auftrag der Stadt die Geschichte Coburgs in der ersten  Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ihr  Aufsatz  zum Deutschen Tag erscheint in einem Sammelband des Instituts für Fränkische Landesgeschichte Thurnau.  (Karl, Eva: „Das erste Kapitel der neuen deutschen Geschichte.“ Der Deutsche Tag in Coburg 1922 und seine Mythisierung. In: Ott, Martin; Jeschke, Verena (Hg.): Umbruch und Wandel. Oberfranken nach dem Ersten Weltkrieg.)

Dissertation des früheren Stadtheimatpflegers: Hubertus Habel. Im Zeichen von Veste & „Mohr“: Städtische Symbole und Geschichtskultur am Beispiel Coburgs. Philipps-Universität Marburg, 2009.

Ausstellung: „Hitlers Zug  nach Coburg – Der Deutsche Tag von 1922“, gemeinsame Ausstellung von Historischer Gesellschaft Coburg, Landesbibliothek und Staatsarchiv. Ab Montag, 17. Oktober, zu den Öffnungszeiten des Staatsarchivs, Herrngasse 11.

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