Für die Zugtickets für ihren Kurztrip von München nach Coburg haben Brenda und Anton Winkelmann diesmal noch den regulären Bahnpreis gezahlt – beim nächsten Mal machen sie den Ausflug vielleicht schon mit ihrem Deutschland-Ticket. „Wir holen uns das 49-Euro-Ticket auf jeden Fall“, sagt Rentner Anton Winkelmann. Er und seine Frau Brenda steigen langsam von Auto auf die Bahn um, da kommt ihnen das Deutschland-Ticket für 49 Euro im Monat recht gelegen – doch sie sehen nicht nur Vorteile. Für das Münchner Ehepaar gehört der öffentliche Nahverkehr zum Alltag. Für sie war klar, dass sie vom Deutschland-Ticket profitieren. Doch obwohl beide technisch recht fit sind, bereitet es ihnen Sorgen, dass das Ticket vorrangig digital verfügbar sein soll.
Fahrgäste bemängeln fehlende Barrierefreiheit
Seit Montag steht das Ticket für den öffentlichen Nahverkehr in Deutschland online zum Vorverkauf – es gilt ab dem 1. Mai. Zwar gibt es die Möglichkeit, das Ticket als Chipkarte zu erhalten und übergangsweise könnten Verkehrsunternehmen auch Papiertickets mit einem QR-Code ausstellen, schreibt die Bundesregierung – doch perspektivisch ist das Ticket grundsätzlich als digitales Angebot geplant. „Ein Papierticket wäre uns lieber“, sagt Anton Winkelmann. Beide haben Familie, die sie bei dem Kauf unterstützen und auch Smartphones, auf denen sie das Ticket nutzen können, doch das gelte eben nicht für alle in ihrem Alter. „Meine Freundin überlegt es sich vermutlich zweimal“, meint Brenda Winkelmann.
Das Smartphone stellt für die Studentinnen Cavi Subramaniam und Teresa Weigel keine Hürde dar – sie werden sich das Ticket kaufen. „Wir hatten auch schon das 9-Euro-Ticket. Es ist schön, dass es wieder so etwas gibt“, sagt Teresa Weigel. Doch auch sie bemängeln die fehlende Barrierefreiheit – insbesondere für ältere Menschen. Das Ticket solle für alle zugänglich sein, meint Cavi Subramaniam.
Doch nicht nur die Technik stellt eine Hürde dar. Bei 49 statt neun Euro rechnen viele zweimal nach, ob es sich für sie lohnt, so auch Felix Knoch. „Ich hatte das 9-Euro-Ticket. Das war eine schöne Sache“, sagt der 24-Jährige. Doch nun mit 49 statt neun Euro müsse er erst einmal durchrechnen, ob es sich lohne. Für den 17-jährigen Leo ist der Fall klar. Die 49 Euro seien „besser als die aktuellen Bahnpreise“.
Die Stimmung am Bahnhof ist gemischt – viele sind unsicher. Lohnt sich das Ticket für mich? Mit solchen Fragen werden auch die Mitarbeiter des Süc-Infocenters am Theaterplatz konfrontiert. „Jeder zweite Gast erkundigt sich nach dem 49-Euro-Ticket“, sagt Service-Mitarbeiter Sven Engelke. Etwa 50 Leute waren bereits am Montagvormittag im Kundencenter, um sich über das Ticket zu informieren – auch über einen Wechsel.
Einige Kunden hätten ein Jahresabo bei der Süc und wollten nun zum Deutschland-Ticket wechseln, meint Engelke. „Zum Wechsel auf das Deutschland-Ticket muss das bestehende Abo gekündigt werden“, sagt Cornelia Herzog, Pressesprecherin der Süc. Das gehe bei den Jahresabos monatlich. Dazu könne man sich im Süc-Infocenter informieren. Erwerben kann man dort das Deutschland-Ticket allerdings nicht, betont Engelke.
Das Ticket kann online über die teilnehmenden Vertriebspartner wie den Verkehrsverbund Großraum Nürnberg GmbH (VGN), die Deutsche Bahn oder direkt über Deutschlandticket.de erworben werden. Wie die Deutsche Bahn auf ihrer Website mitteilt, könne man das Ticket auch deutschlandweit in den DB-Reisezentren erwerben. Auf Nachfrage erläuterte das Reisezentrum am Coburger Bahnhof jedoch, dass das in Coburg nicht möglich sei.
Nicht mit Fairtiq-App kompatibel
Wer sich kürzlich die Fairtiq-App instaliert hat, mit der für die Stadt- und OVF-Busse Tickets am Handy gelöst werden können, und hofft, das Deutschland-Ticket in der App verwenden zu können, wird enttäuscht. „Fairtiq hat das Deutschland-Ticket nicht in seiner App integriert und beabsichtigt dies auch zukünftig nicht“, teilt Herzog mit. Um das Ticket ab dem 1. Mai auf dem Handy nutzen zu können, bedarf es also einer weiteren App. Mehr Informationen zum Deutschland-Ticket gibt es unter deutschlandticket.de.
Kritik an den technischen und finanziellen Hürden
Vor allem für junge Menschen ist der Kauf des Deutschland-Tickets überhaupt kein Problem: In wenigen Sekunden lässt sich die entsprechende App auf dem Handy herunterladen. Älteren Menschen kann eine solche rein digitale Vorgehensweise deutlich schwerer fallen. „Nicht jeder hat ein Smartphone“, gibt Katja Blechschmidt vom Awo-Mehrgenerationenhaus in Coburg zu bedenken. Sich extra für das monatliche Zugticket ein mobiles Endgerät anschaffen zu müssen, sei vermessen. Die Sozialpädagogin kann sich daher vorstellen, dass viele ältere Menschen das Ticket längerfristig in analoger Form brauchen.
Auch Ragida Deeb vom Seniorenbeirat der Stadt Coburg sieht ein reines Online-Ticket skeptisch: „Viele ältere Menschen haben noch massive Probleme mit dem Smartphone und dem Internet. Es darf keinen Ausschluss von Menschen geben, die digital nicht so fit sind oder keinen Zugang zum Internet haben.“ Doch es gibt Hilfe: In der Sprechstunde „Digital Mobil“ vom Awo-Mehrgenerationenhaus erklären Ehrenamtliche zweimal wöchentlich die Funktionen und Einstellungen von Smartphones und Tablets. Hier können auch Fragen zum Deutschland-Ticket und dem Online-Kauf geklärt werden. In regelmäßigen Abständen bietet das Awo-Mehrgenerationenhaus zudem Tablet-Kurse an.
Ticket lohnt sich nicht für Senioren
Dass besonders viele Senioren das Deutschland-Ticket kaufen werden, bezweifelt Katja Blechschmidt. „Man muss schon sehr viel unterwegs sein, damit sich das rechnet.“ Die über 80-Jährigen seien wenig mit dem Zug unterwegs und für ein paar Mal die Woche Bus fahren lohne sich das Ticket nicht.
Außer der technischen Hürde kann es für den einen oder anderen aber noch ein weiteres Problem beim Kauf des Tickets geben. So gibt der katholische Betriebsseelsorger Norbert Jungkunz zu bedenken, dass im Bürgergeld monatlich nur 45,03 Euro für den Posten „Verkehr“ vorgesehen sind; für Ehe- und sonstige Partner schrumpfe dieser Betrag sogar auf 40,45 Euro. Deshalb sieht Jungkunz eine soziale Ungerechtigkeit: „Das Deutschland-Ticket für monatlich 49 Euro ist mit dem Bürgergeld nicht finanzierbar.“ Wer sich das Ticket dennoch leisten wolle, müsse es sich buchstäblich „vom Mund absparen“.
Laut Jungkunz würden sich nun viele fragen: „Sollen sich Empfängerinnen und Empfänger von Bürgergeld nicht am öffentlichen Verkehr, an Reisen zu Verwandten und zu Freunden beteiligen dürfen?“ Zur Erinnerung: Das Bürgergeld wurde Anfang 2023 eingeführt und sollte eigentlich gerechter sein als die bisherige Hartz-IV-Regelung.
Der Paritätische Gesamtverband hat statt eines Deutschland- oder eben 49-Euro-Tickets lieber ein bundesweites Sozialticket vorgeschlagen, damit sich auch arme Menschen Nah- und Fernverkehr leisten können. Denkbar wäre laut Jungkunz auch, die Nutzung des kompletten ÖPNV in Deutschland kostenlos zu machen, gleichzeitig aber eine vom jeweiligen Einkommen abhängige ÖPNV-Abgabe für alle Menschen einzuführen. Für einen weiteren Streckenausbau könnten dann aber nicht nur die Einnahmen aus dieser ÖPNV-Abgabe verwendet werden: Es würden ja auch Mittel frei werden, weil in Bussen und Bahnen das Kontrollieren und Kassieren entfallen würde.
Bringt das Ticket Touristen nach Coburg?
Hintergrund Sylt war im vergangenen Jahr so etwas wie der Inbegriff für den schönen Kurztrip, den sich dank des 9-Euro-Tickets plötzlich jeder leisten konnte. Doch auch Coburg war ein begehrtes Ziel, wie sich Kathrin Wortmann erinnert: „Das 9-Euro-Ticket hat bei uns den Tourismus kräftig gefördert.“ Die Leiterin der Abteilung Tourismus bei Coburg Marketing glaubt zwar nicht, dass das 49-Euro-Ticket den gleichen „Hype“ auslösen wird. Andererseits will man bei Coburg Marketing nichts unversucht lassen, auch in diesem Jahr wieder viele Gäste in die Vestestadt zu locken – und zwar ganz egal, ob es Tagestouristen sind oder aber Urlauber, die auch für eine oder mehrere Nächte bleiben.
Von den Besuchern, die im vergangenen Jahr mit dem 9-Euro-Ticket nach Coburg kamen, seien die meisten zwar Tagestouristen gewesen, erklärt Kathrin Wortmann. Doch es habe etliche „Wiederholungstäter“ gegeben. „Viele stellten nach ihrer Ankunft in Coburg fest, dass an einem einzelnen Tag gar nicht alles zu schaffen ist und sind deshalb noch einmal wiedergekommen.“ Solche „Wiederholungstäter“ stammten meistens aus Gegenden, von denen die Anreise mit dem Regionalzug kaum mehr als eine Stunde dauert – also etwa aus dem Großraum Nürnberg.
Viele Gäste aus Hessen und Baden-Württemberg
Bei einer Gästebefragung im vergangenen Jahr wurde außerdem festgestellt, dass in Coburg viele Touristen aus Hessen und Baden-Württemberg begrüßt werden konnten. Um bei dieser Zielgruppe weiter im Gespräch zu bleiben, war Coburg Marketing im März unterwegs auf einer „Betriebskantinen-Tournee“ in diesen Bundesländern. Nach Absprache mit den Firmen präsentierte sich Coburg in den jeweiligen Kantinen. Demnächst steht noch eine sogenannte Roadshow in Kooperation mit dem Tourismusverband Franken an, und zwar in Hessen und Rheinland-Pfalz. Wie Kathrin Wortmann sagt, werde Coburg dann unter anderem in Frankfurt, Darmstadt, Mainz und Wiesbaden um potenzielle Urlauber werben.














