„Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Das gilt weltweit, für Deutschland und auch für unsere Stadt Coburg.“ Das schreibt Christina Adam vom Arbeitskreis Runder Tisch Armut in der Pressemitteilung zum Tag für die Beseitigung der Armut (17. Oktober). Denn auch in Coburg gibt es die Menschen, die ihre Miete nicht mehr bezahlen können. Es gibt so genannte Couchsurfer, die Obdachlosen, die man nicht sieht.
Hexenjagd und Vorurteile
Und es gebe eine regelrechte „Hexenjagd“ auf alte arme Menschen, sagt die Leiterin der Arbeitslosenberatung in Coburg. Es ärgert sie, wenn behauptet würde, man könne vom Bürgergeld in Saus und Braus leben. Oder arme Menschen seien faul und selbst schuld an ihrer Situation. „Wer sowas behauptet, kennt die Realität nicht“, kritisiert Christina Adam. Bei nahezu jeder fünften Bedarfsgemeinschaft (Bürgergeldempfänger) reiche das Geld für die Miete nicht mehr aus.
Die gestiegenen Lebensmittel-, Heiz- und Stromkosten seien für diese Menschen eine „Katastrophe“. Im November vergangenen Jahres habe die SÜC die Abschläge verdoppelt. Das sei für viele nicht leistbar gewesen. Christina Adam wünscht sich, dass die Stadt Einfluss darauf nimmt. In Erlangen beispielsweise hätten die Stadtwerke zum Februar wesentlich moderater erhöht.
Beispiel Erlangen
In Erlangen gebe es auch ein Rederecht für Vertreter der Sozialverbände im Sozialsenat. In Coburg ist das nicht so. „Wir dürfen Zuschauer sein, aber unsere sachverständige Meinung wird im Senat nicht gehört.“ Erste Schritte habe jetzt Dritter Bürgermeister Can Aydin eingeleitet. Es gibt regelmäßige Treffen. „Da können wir sagen, wo der Schuh drückt“, sagt Adam zuversichtlich.
Nah dran an den Menschen mit (zu) wenig Geld ist in Coburg auch Barbara Kammerscheid, auf deren Initiative vor vielen Jahren das Sozialkaufhaus „Echt herzlich“ eröffnet wurde.
„Wir spüren deutlich eine Veränderung. Die Menschen kaufen viel bewusster ein. Das Raffen hat aufgehört“, sagt die Vorsitzende des Vereins Harzt und Herzlich. Es werde nicht mehr nach Schönheit, sondern nach Bedarf gekauft.
Kinderarmut verringert Bildungschancen
Das Thema Kinderarmut treibt Bettina Dörfling seit Jahren um. Für die Vorsitzende vom Kinderschutzbund Coburg sind die Ergebnisse aus der aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung nicht neu. Coburg steht neben Hof und Schweinfurt im oberen Bereich bezüglich Kinderarmut. „Kinderarmut bedeutet auch Familienarmut und belastet Kinder und Eltern oder Elternteile immens. Kinder sind aufgrund ihres Lebens und ihrer Entwicklung im hohen Maße von Armut betroffen und sollten besonders geschützt sein“, sagt die Vorsitzende. So verringere ein Aufwachsen in Armut die Bildungschancen von vielen Kindern. Kinder erlebten den finanziellen Stress ihrer Eltern unmittelbar und stellten ihre Bedürfnisse extrem in den Hintergrund.
„Sie nehmen nicht an Geburtstagseinladungen teil, weil das Geld für ein Geschenk nicht reicht, die Schuhe sind eigentlich schon zu klein, aber größere Schuhe passen nicht ins Budget der Familien“, führt Bettina Dörfling als Beispiele an.
„Wir erleben mit unserem Angebot in der ,Kiste’ einen größeren Zulauf an Kundinnen. Die allgemeine Verteuerung führt zu einem finanziellen Engpass vieler Familien. Nicht nur Familien im Bürgergeld-Bezug sind von der Inflation betroffen sondern alle, aber die Auswirkungen der Verteuerung sind verschieden.
Infostand am Markt
Mit einem Stand in der Fußgängerzone möchten die Coburger Protagonisten am Dienstag , 17. Oktober, von 10 bis 14.30 Uhr auf die Armut mitten unter uns aufmerksam machen und zur Diskussion einladen.
Runder Tisch Armut
Arbeitskreis Anlässlich des europäischen Jahres zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung im Jahr 2010 hat sich der Arbeitskreis Runder Tisch gebildet. Es treffen sich dabei regelmäßig Mitarbeiter aus sozialen Einrichtungen und interessierte Personen, die sich mit Armutsthemen auseinandersetzen. Der Arbeitskreis ist offen und besteht seit 15. Januar 2010 in unterschiedlicher Besetzung.
Aktuelle Mitglieder Am Runden Tisch in Coburg sitzen: Caritasverband, Migrationsberatung und Soziale Beratung, Diakonisches Werk, Allgemeine Sozialarbeit (KASA), EUTB-Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung, Hochschule Coburg Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit, Kinderschutzbund Coburg Stadt und Land, Beratung, Gruppen, Kiste, Katholische Betriebsseelsorge, Arbeitslosenberatung, Sozialdienst Katholischer Frauen, Jugendmigrationsdienst.
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