Das Thema Kinderarmut treibt sie um. Für Bettina Dörfling, Vorsitzende vom Kinderschutzbund Coburg, sind die Ergebnisse aus der aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung nicht neu. Gerade deshalb möchte sie einmal mehr aufrütteln.
Nach ihrem Schreiben an die Parteispitzen in Bayern (wir berichteten), in dem sie mehr Geld für mehr Personal in Schulen und Kitas fordert, konkretisiert sie jetzt die Zahlen, analysiert und macht Vorschläge.
Ihr hartes Urteil: „Alle Maßnahmen, die in den vergangenen Jahren der Kinderarmut entgegen wirken sollten, haben nichts gebracht.“ Im Gegenteil: Die Zahlen sind gestiegen.
Und das, obwohl Coburg gemessen an den Einnahmen aus Gewerbe-, Grund- und Einkommensteuer pro Einwohner zu den reichsten Kommunen Deutschlands zählt (Quelle: Die Deutsche Wirtschaft von 2019). Der kumulierte Umsatz aller 19 gelisteten Top-Unternehmen am Standort Coburg beträgt 7,19 Milliarden Euro. Die Gesamtzahl der Beschäftigten dieser Unternehmen (weltweit) liegt bei 34.896.
Zahlen noch schlechter
Laut Bertelsmann-Stiftung betrug der Anteil der Kinder- und Jugendlichen (Stadt Coburg) im SGB II Bezug (jetzt Bürgergeld) 2014 14,6 Prozent, 2019 13,9 Prozent und jetzt 2022 bei 17,3 Prozent. Unter dieser Zahl sind keine Kinder, deren Familien Wohngeld beantragt haben. Also ist die Zahl sogar noch etwas höher.
Tageblatt: Woran liegt das in Coburg speziell?
Bettina Dörfling: Ich kann da nur mutmaßen: Wir scheinen viele Familien in Coburg zu haben, die auf diese sogenannten Transfer-Leistungen angewiesen sind. Eltern, die im Niedriglohnsektor arbeiten, kaum berufliche Möglichkeiten haben mehr zu verdienen, sich zu qualifizieren, vielleicht mehr als ein Kind haben, womöglich viele alleinerziehende Frauen, die noch schwieriger eine Arbeit finden und die Betreuung des Kindes gewähren zu können.
Coburg hat auch einige Familien (mit Kindern) aus der Ukraine aufgenommen, diese sind in die Statistik (Juni 2022) eingeflossen. Die Pandemie (und die Inflation) hat sicherlich auch dazu geführt, dass die ein oder andere Familie aus dem Niedriglohnsektor in den Bezug von Bürgergeld hineingerutscht sind. Aber egal ob 17,3 Prozent oder 2014 14,6 Prozent: Alle Kinder sollen ähnliche Chancen auf Bildung und Teilhabe haben und der Staat (und die Kommune) sollte dafür Sorge tragen, dass zu ermöglichen!
Wie kann die Zahl der armutsgefährdenden Kindern und Jugendlichen reduziert werden?
Da braucht es ein ganzes Bündel von Maßnahmen, auch jenseits von der Kommune! Dass, was seit Jahren getan wurde hat nicht dazu geführt, dass sich die Lebensbedingungen aller Kinder und Jugendlichen angenähert haben: Jedes 5. Kind erlebt eine große Ungleichheit, eine große Ungerechtigkeit und eine Reduzierung der Chancen auf Bildung und Teilhabe.
Es geht ja bei Armut nicht nur darum wenig Geld zu haben, sondern in den verschiedenen Bereichen des Lebens zu viele Belastungen und Benachteiligungen zu haben.
Können Sie Beispiele nennen?
Gern. Beispiel Wohnungsbereich: Kostengünstigen und familiengerechter Wohnraum in Coburg zu finden, ist so schwierig geworden, oftmals mit langen Wartezeiten verbunden. Hat die Wohnbau Stadt Coburg nicht noch immer 1000 Menschen, die auf ein Wohnungsangebot warten?
Beispiel Gesundheitsbereich: Aktuell suche ich für eine 14-Jährige einen Therapieplatz, zwei Therapeut*innen erklären keine Warteliste zu führen, weil im nächsten Dreivierteljahr eh kein Platz frei wird, einen Termin für einen vierjährigen Jungen beim Urologen erhalte ich erst in zwei Monaten, einen Termin im Sozial-Pädiatrischen-Zentrum erhalte ich in zwei Monaten.
Beispiel Freizeitbereich: Kino und Popkorn kosten 15 Euro, bei zwei Kindern sind schon mal 30 Euro weg, Schwimmbad-Besuch für die ganze Familie zu bezahlen, ist dann auch nicht oft drin, Urlaubsreisen, zwei-Tages-Reisen unbezahlbar.
Sobald Eintrittgelder oder Fahrkarten erforderlich sind, bleibt ein Teil der Kinder und Jugendlichen ausgeschlossen von der Teilhabe.
Wie lautet Ihr Vorschlag?
Kostenloser Eintritt wäre notwendig. Alle sogenannten Kulturangebote (Museen, Theater) sollten in der Grundschule und der Ganztagesschule (wenn nicht dauerhaft, dann einmal im ersten und im zweiten Halbjahr) proaktiv und kostenlos angeboten werden. Außerdem: kostenloses Mittagessen für alle Kinder, kostenlose Nutzung des ÖVP, Ferienpass für alle Kinder im Bürgergeld-Bezug kostenlos und ohne Bürokratie. Das heißt der Ferienpass (höchste Kategorie mit kostenloser Nutzung der Angeboten) wird allen Familien direkt zugeschickt. Gut wäre der Coburger Familienpass für Familien ab einem Kind.
Tatsächlich erhalten alle Kinder im Bürgergeldbezug über Bildung und Teilhabe den Beitrag des kostenpflichtigen Ferienpass zurück, aber die Eltern müssen diesen bei der Stadt Coburg beantragen. Wenn alle Kinder diesen automatisch erhalten, entfällt die Antragstellung komplett.
Die pädagogischen Anforderungen in Kitas und Schulen haben enorm zugenommen, es braucht Fachkräfte, Förderunterricht, und eine starke frühkindliche Bildungsoffensive.
Gemeinsam aktiv
Plan Die Kinderbeauftragte Karin Burkardt-Zesewitz hat die Kinderarmut in Coburg zu ihrem zentralen Thema gemacht. Zusammen mit Bettina Dörfling vom Kinderschutzbund und drittem Bürgermeister Can Aydin sollen mögliche Verbesserungen für Kinder erarbeitet werden. Ein erstes Gespräch dazu findet Ende der Woche statt.
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