Als in Syrien der Bürgerkrieg begann, war Mohammed Shahin gerade mal 20 Jahre alt. Er hatte große Pläne und begann Chemie zu studieren. Doch sicher konnte er sich in seinem Heimatland nicht mehr fühlen. Zumal er der ethnischen Minderheit der Kurden angehört. Zunächst flüchtete er mit seiner Familie in die benachbarte Türkei. Mitte 2015 fasste er dann einen mutigen Entschluss: Er machte sich auf den (Fuß-)Weg nach Deutschland. Am Ende einer mehrwöchigen Odyssee hatte er sein Ziel erreicht. Zunächst war er in der Nähe von Reutlingen zuhause, und als ihm ein Cousin einen Job in einem Restaurant in Neustadt vermitteln konnte, kam er ins Coburger Land.
2022 hat Mohammed Shahin erneut einen mutigen Entschluss gefasst: Er eröffnete in Coburg eine Pizzeria. Im Gespräch mit dem Tageblatt tut der 31-Jährige geradezu so, als ob es das Normalste auf der Welt sei, dass ein aus Syrien geflüchteter Mensch mit einem italienischen Lokal den Schritt in die Selbstständigkeit in Deutschland wagt. „Ich will immer etwas versuchen“, sagt er, „und wenn es nicht klappt, dann habe ich es zumindest probiert!“
„Pizza essen alle!“
Mohammad Shahin hat zwar nie Koch gelernt, doch es war schon immer ein großes Hobby von ihm. Auch, als er noch in Syrien lebte. Aber warum bietet er in seinem eigenen Restaurant, das er „Amaranto“ genannt hat, keine Speisen aus der Heimat an? Da muss er lachen und erklärt: „Pizza essen alle!“ Syrisches Essen hingegen sei zwar ebenfalls sehr gut, doch zugleich auch sehr speziell. Er glaube deshalb, dass es schwierig gewesen wäre, damit in und um Coburg viele Menschen anzulocken. Deshalb also Pizza, aber auch Nudel-, Fleisch- und Fischgerichte.
Stolz verweist Mohammed Shahin auf die durchweg guten Bewertungen, die er seit der Eröffnung auf dem Onlineportal eines bekannten Lieferdienstes bekommen hat. Ja, der Lieferservice ist ein wichtiges Standbein vom „Amaranto“. Mohammed Shahin hat sich aber auch viel Mühe gegeben, dass es sich in den Räumen in der Leopoldstraße 14 ganz gemütlich sitzen lässt. An die Wände hat er verschiedene Stadtansichten aus Italien gehängt; und bei der Eröffnung gab es Luftballons in Schwarz, Rot und Gold.
Lage in Syrien immer schlechter
Da drängt sich die Frage auf: Vermisst er nicht auch seine Heimat? Da wird der 31-Jährige kurz nachdenklich: „Ich vermisse meine Verwandten, die noch in Syrien sind und die auch nicht flüchten wollen oder nicht flüchten können.“ Aber das Land selber vermisse er eigentlich nicht. Das mag zum einen daran liegen, dass sich die Sicherheitslage in Syrien seit 2015 eher noch verschlechtert als verbessert hat. Zum anderen fühlt sich Mohammed Shahin in Deutschland nun einmal sehr wohl, und ihm gefällt auch die Stadt Coburg.
Gelungene Integration
Zur gelungenen Integration dürfte nicht zuletzt beigetragen haben, dass er schnell und gut die deutsche Sprache gelernt hat. „Ich habe einen Sprachkurs besucht, aber noch mehr hat mir der Umgang mit vielen Menschen geholfen!“
Die Sache mit der Familienplanung
Ein weiterer Mosaikstein zum Glück war, dass er im vergangenen Jahr geheiratet hat. Seine Frau studiert Informatik und möchte auch gerne in der IT-Branche arbeiten. Für die Familienplanung bedeutet das: „Ja, wir wollen gerne Kinder. Aber nur zwei oder drei.“ Moment mal: Hat Mohammed Shahin tatsächlich „nur“ gesagt? „Ja“, sagt er, lächelt und erklärt: Syrische Familien seien in der Regel sehr große Familien; er selber beispielsweise habe sieben Schwestern und einen Bruder. Auch in seinem „Amaranto“-Team in der Leopoldstraße wird er inzwischen von einigen Verwandten tatkräftig unterstützt. Einen italienischen Pizzabäcker hat er aber ebenfalls engagiert. Sicher ist sicher.
HINTERGRUND: Das ehemalige „Tie“
Etwas ältere Coburgerinnen und Coburger verbinden das Gebäude Leopoldstraße 14 vor allem noch mit der „Stadtschänke“. Dort sammelte einst auch ein gewisser Franz Rocklitzer seine ersten gastronomischen Erfahrungen, und zwar als Aushilfe in der Küche. Jahre später eröffnete „der Franz“ in der Mohrenstraße ein eigenes Restaurant: Das „Tie“ war Coburgs erstes vegetarisches Lokal. Nach einem Zwischenspiel in der Hutstraße zog das „Tie“ 1999 in die Leopoldstraße 14. Mitte 2018 schloss Franz Rocklitzer sein Restaurant. Die Räume standen leer, bis Mohammed Shahin dort das „Amaranto“ eröffnete.
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