Oliver Nobel klingt am Telefon sachlich und entspannt. Das muss einen nicht wundern, auch wenn er gerade bekannt gegeben hat, dass er für „Aachener“ Insolvenz beantragt hat. Damit hat er aber schon Erfahrung als „krisenerfahrener Restrukturierungsexperte“ der Anwaltskanzlei Görg. Für Görg ist es nicht das erste Insolvenzverfahren, auch den großen Fall von Arcandor/KarstadtQuelle hatte die Kanzlei schon durchgezogen.
Viel hat Oliver Nobel aber im Moment nicht zu sagen, wie auch die übrigen Beteiligten in dem Drama. Er verweist auf die Pressemitteilung zu der schlechten Entwicklung beim Handelsunternehmen, die sich in den vergangenen Wochen mehr und mehr zugespitzt hatte. Erst wurde bekannt, dass der bisherige Geschäftsführer, Friedrich-Wilhelm Göbel, abgetaucht ist und per Haftbefehl gesucht wird. Er war zu einem Gerichtstermin in Hagen in NRW nicht erschienen, in dem es um Falschaussagen gegenüber einem Gerichtsvollzieher geht. Nicht nur hier hat Göbel, der als „Kaufhof-Retter“ bekannt wurde, Probleme mit der Justiz. Der Mann, der zunächst sechs Filialen von Galeria/Kaufhof übernehmen wollte, ist rechtskräftig wegen Fahrens ohne Führerschein zu einer Haftstrafe (ohne Bewährung) verurteilt und hat zudem einen weiteren Prozess in Dortmund am Hals.
Vor rund einer Woche wurde bekannt, dass er die Geschäftsführung an Oliver Nobel abgegeben hat. Der wollte sich zunächst ein Bild von der Lage der Filialen machen, wie er mitteilte. Und diese Lage war offenbar so, dass er sehr schnell zur Tat geschritten ist.
„Nach aktuellem Stand der Dinge ist nicht mehr sichergestellt, dass wir fällige Verbindlichkeiten noch termingerecht und vollständig begleichen können. Um die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit von Aachener wieder herstellen zu können, habe ich heute beim zuständigen Amtsgericht in Dortmund Antrag auf Eröffnung eines Regelinsolvenzverfahrens gestellt.“ So steht es in der Mitteilung an die rund 350 Beschäftigten von Aachener.
Bitterer geht’s nicht. Schon bevor sich abzeichnete, dass auch der Galeria-Standort in Coburg auf der Schließungsliste stand, lange, bevor „Aachener“ überhaupt als vermeintliche neue Lösung ins Spiel kam, hatten sich die Kaufhof-Mitarbeiter für ihr Haus aufgerieben. Krankheitsfälle ausgeglichen, Überstunden geschoben, haben – auch im Weihnachtsgeschäft 2022 – alles gegeben. Dann die Gewissheit, dass der Mutterkonzern den Coburger Kaufhof schließen wird.
Cottbus hatte Vertrag gekündigt
Als dann „Aachener“ die Bühne betrat und ankündigte, im September 2023 neu eröffnen zu wollen, sind viele dabei geblieben und wollten mit dem neuen Arbeitgeber starten. Euphorisch, hoffnungsvoll seien viele gewesen, hörte man immer wieder, hätten sich voll reingehängt, hätten gefiebert: „Wann geht es denn jetzt endlich los?“ Selbst als klar wurde, dass der Termin im September nicht zu halten war und die Plakate an den Schaufenstern getauscht wurden mit dem Slogan „Eröffnung im Herbst 2023“ tat das der Stimmung in der Belegschaft keinen Abbruch. Doch dann mehrten sich die Zeichen, dass es um „Aachener“ vielleicht doch nicht so gut bestellt ist.
In Frankfurt sollte auch eine Filiale eröffnen, doch dazu kam es nicht. Lediglich in einem Teil des rund 20.000 Quadratmeter großen Objektes wurden Sportklamotten zu Kampfpreisen angeboten. Der Vermieter, das Immobilienunternehmen „Sahle“ sprach daraufhin von einem „bereits gestörten Mietverhältnis mit Herrn Göbel“. Noch rabiater reagierte die Stadt Cottbus. Die hatte die ehemalige Kaufhof-Immobilie für rund 15 Millionen Euro erworben. Hier waren die Eröffnungspläne für ein „Aachener“-Haus am weitesten fortgeschritten. Doch vor einer Woche kündigte die Stadt den Mietvertrag mit Göbel fristlos. „Grund für die Kündigung des Mietvertrages, den die Stadt als neuer Eigentümer des früheren Galeria-Gebäudes mit dem Erwerb übernommen hatte, sind Verletzungen der Pflichten aus dem Mietvertrag. Zu den konkreten Verstößen macht die Stadtverwaltung mit Blick auf weitere vertragliche Vereinbarungen keine Angaben“, teilt die Stadt Cottbus auf Anfrage unserer Redaktion mit. Offenbar waren diese Verletzungen aber recht klar zu umreißen: Göbel zahlte wohl keine Miete.
Fortführungswürdig
Ist jetzt also in Coburg alles aus und vorbei? Klar ist, gut sieht es nicht aus. Aber den Abgesang macht der neue Geschäftsführer Oliver Nobel auch nicht. „Für die noch nicht eröffneten Filialen prüfen wir die Möglichkeiten einer zeitnahen Eröffnung. Mit dem heutigen Schritt will ich nach vielversprechenden ersten Gesprächen mit Vermietern und Lieferanten gemeinsam mit dem vorläufigen Insolvenzverwalter die Gesamtsanierung von Aachener ermöglichen. Auch angesichts der skizzierten aktuellen wirtschaftlichen Lage halte ich Aachener grundsätzlich für fortführungswürdig und fortführungsfähig“, schreibt er an die Belegschaften. Das Magazin „Textilwirtschaft“ berichtete zuerst über das Schreiben. Wer angestellt ist, bleibt das auch, die Zahlungen von Löhnen und Gehältern seien aus Insolvenzgeld bis einschließlich Januar 2024 sichergestellt. Was jetzt wohl entscheidend sein wird, ist, auf was sich die Geschäftspartner von „Aachener“ einlassen.
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