Vor einem Jahr startete in Coburg ein besonderes Projekt: 22 ukrainische Geflüchtete begannen ihre Ausbildung zu Industriekaufleuten – darunter auch Svitlana Kucherenko, die bereits als B2B-Managerin in der Ukraine gearbeitet hatte.
Inzwischen wurde das Pilotprojekt nicht nur ausgezeichnet, es steht bereits andernorts eine neue Klasse in den Startlöchern – und die wichtigste Frage: Sind noch alle Azubis an Board?
Vor fast einem Jahr haben die Berufsschule II in Coburg, die Agentur für Arbeit Coburg/Bamberg, die IHK und 16 regionale Unternehmen ein Modell geschaffen, das nicht nur Fachwissen vermitteln, sondern auch sprachlich und kulturell Brücken bauen soll.
Ukrainer in der Ausbildung: Ist das die Chance ihres Lebens?
Die 22 Teilnehmenden, zwischen 20 und 50 Jahre alt, bringen kaufmännische Vorerfahrung mit und lernen seit fast einem Jahr praxisnah in Betrieb und Schule. „Normalerweise kommt es bei Umschulungen im Klassenverband dieser Dimension zu einer gewissen Abbruchquote“, sagt Matthias Klar, Pressesprecher der Agentur für Arbeit Coburg/Bamberg. Zum Ablauf des ersten Schuljahrs habe sich jedoch ein außergewöhnlich hoher Motivationsgrad gezeigt.
„100 Prozent der Teilnehmerinnen bestätigten, dass die Ausbildung die Chance ihres Lebens bietet und sie erfolgreich abschließen werden“, erläutert Klar.
Auch die 42-jährige Svitlana Kucherenko ist nach wie vor dabei. „Es ist kompliziert, aber es gefällt mir sehr gut. Und wir haben auch alle gute Noten bekommen“, erzählt sie. Momentan ist sie im Ausbildungsbetrieb. „Wir haben uns wie kleine Schüler auf die Ferien gefreut“, erzählt sie und lacht.
Idee findet bundesweit Nachahmer
Im kommenden Februar findet die erste Prüfung statt. „Alle sind noch hoch motiviert“, sagt Olha Alatas, Projektinitiatorin von der Agentur für Arbeit Coburg/Bamberg. Regelmäßig bekomme sie die Rückmeldung, wie wichtig es ist, dass es dieses Projekt gibt. „Es gibt so viele hoch motivierte Leute, die so viel Potenzial mitbringen und sich weiterentwickeln wollen.“
Und wie sieht es mit Zukunftsplänen aus? Im September 2024 sagte Olha Alatas noch, dass man sich vorstellen könne, das Projekt auch in anderen Regionen umzusetzen. Und heute ist klar: „Im März starteten wir bereits erfolgreich mit einer zweiten Berufsschulklasse in Bamberg. Wir haben bundesweit Anfragen von Arbeitsagenturen und Jobcentern, die unser Pilotprojekt ebenfalls gerne bei sich einführen würden“, sagt Matthias Klar, Pressesprecher der Agentur für Arbeit Coburg/Bamberg.
Projekt wurde ausgezeichnet
Dass das Projekt nachahmungswürdig ist, zeigt auch eine Auszeichnung, die die Arbeitsagentur kürzlich erhalten hat. „Beim bundesweiten Wettbewerb ‚Erfolge Feiern‘ der Agenturen für Arbeit errang unter über hundert Teilnehmern die Agentur für Arbeit Bamberg-Coburg mit ihren Jobcentern den ersten Platz in der Kategorie ‚Besondere Erfolge‘“, berichtet Matthias Klar.
„Aktuell zeigt sich der osteuropäische Absatzmarkt im Gebiet der Ukraine als Krisenmarkt. Erfahrungsgemäß entwickelt sich jeder Krisenmarkt im Zeitverlauf hin zu einem Wachstumsmarkt“, erläutert der Pressesprecher.
Zeitvorteil für Unternehmen?
Daraus resultiere für Unternehmen ein Vorteil: „Durch die frühzeitige Identifizierung von zukünftigen Absatzchancen in Verbindung mit der zielgerichteten Qualifizierung von Fachkräften, verschaffen sich heimische Unternehmen einen wertvollen Zeitvorteil, der in einem international stark umworbenen Markt der entscheidende Wettbewerbsvorteil sein kann.“
Ein Projekt mit Signalwirkung
Stefan Trebes, Leiter der Agentur für Arbeit Bamberg-Coburg sagt: „Unsere global tätigen Unternehmen der Region werden sich in der momentan volatilen Gesamtwirtschaftslage dadurch breiter aufstellen und diversifizieren. Damit werden deren Standorte und Arbeitsplätze in der Region gesichert beziehungsweise ausgebaut.“
Das Projekt habe eine hervorragende Signalwirkung für die Gesellschaft in der Region. Gerade ukrainischen Frauen seien aktuell aufgrund komplexer Herausforderungen, wie Sprachbarriere oder mangelnde Anerkennung des Berufsabschlusses, schwieriger in Beschäftigung zu vermitteln, obwohl sie überdurchschnittlich gut qualifiziert sind. „Unser Projekt ermöglicht ihnen eine schnellere Integration in den Beruf und die Gesellschaft“, sagt Trebes.
















