Sie outet sich vor einem großen Fernsehpublikum als drogenabhängig, bleibt aus Gründen des Selbstschutzes aber anonym. Mit weißer Maske, dunkler Sonnenbrille und roter Perücke schildert die Kulmbacherin Bettina in einer ZDF-Doku, wie sie zu Crystal Meth gekommen ist. Sie macht deutlich, wie die synthetische Droge ihr Leben verändert hat, wie sie zur Finanzierung ihrer Sucht zur Dealerin wurde, die von der Polizei geschnappt wurde. „Drogen-Land – Provinz im Rausch“ heißt die Doku, die mit dem Beitrag „Crystal Meth an der tschechischen Grenze“ am Montag um 20.15 Uhr auf ZDF-Info und in der Mediathek zu sehen ist.
Es sind vietnamesische Verbrechersyndikate
Was in dem 45-minütigen Film deutlich wird: Der grenznahe Raum zu Tschechien wird mit Crystal Meth offenbar überschwemmt. Es sind vietnamesische Verbrechersyndikate, die das Geschäft in ihrer Hand haben, wie Markus Neuderer, Kriminaldirektor im Drogendezernat des LKA Bayern, berichtet.
Meth ist ein pulveriger Stoff, der aussieht wie Schneekristalle und überwiegend geschnupft wird. Dabei tragen beigemengte winzige Glassplitter dazu bei, Verletzungen in der Schleimhaut zu verursachen, über die es schneller ins Blut gelangt. Crystal ist brandgefährlich. „Es setzt direkt am Dopamin an, einem Botenstoff zum Nervensystem. Meth macht schon beim ersten Mal süchtig“, hat schon vor Jahren Suchtmediziner Roland Härtel-Petri im Gespräch mit unserer Redaktion betont.
Frau aus Kulmbach sagt: Region hat ein großes Problem
„Die Region hat ein großes Problem“, sagt Bettina, die über ihre Drogenabhängigkeit auch mit der Redaktion der Bayerischen Rundschau spricht. In der Kanzlei von Rechtsanwalt Alexander Schmidtgall, der ihr seit vielen Jahren juristischen Beistand leistet. Die Droge lässt Bettina, die als Buchhalterin tätig war, nicht mehr los. „Ich habe zunächst Speed genommen, bin mit etwa 20 zu Crystal gekommen“, sagt die Frau, die mit Drogen ihr Schlafdefizit bekämpft. Sie habe schon in jungen Jahren nachts oft kein Auge zugemacht, sei tagsüber todmüde gewesen. „Ich wollte wach sein, nach der Arbeit was unternehmen.“ Da hat sie zu Meth gegriffen. Sie habe sich nach der Einnahme selbstbewusst und stark gefühlt, ihre Aufgaben gemeistert.
Kulmbacherin hat „Superkick“ erlebt
Die Kulmbacherin hat den „Superkick“ erlebt („Ich habe ihn aber nicht gesucht“), den Crystal verursacht. Es sei nicht nur eine Party-, sondern auch eine Arbeitsdroge, sagt die Mittfünfzigerin. Meth werde von Lkw-Fahrern genutzt, um Fahrtzeiten zu maximieren, aber auch von Ärzten und Lehrern, um ihre Leistungsfähigkeit zu steigern, pflichtet ihr Alexander Schmidtgall bei. Die Droge sei tief in der Gesellschaft verwurzelt, die Dunkelziffer hoch, meint der Jurist, der die Behörden im Kampf gegen den Drogensumpf überfordert sieht.
Crystal „knallt“, führt zur verstärkten Ausschüttung von Glückshormonen. Dabei hat das Hochgefühl fatale Folgen. Warnsignale wie Durst, Hunger oder auch Schmerz werden ausgeblendet, Konsumierende brechen deshalb zuweilen dehydriert, übermüdet oder mit einem Kreislaufkollaps zusammen. Die Einnahme führt vielfach zu Organschäden und schweren Psychosen, wie auch Schmidtgall zu berichten weiß. Bei vielen Mandanten seien schwere Defizite erkennbar. Oftmals seien sie empathielos, könnten einfache Aufgaben nicht lösen.
Frau aus Kulmbach will keine Verbrecherin sein
„Ich komme im Leben halbwegs zurecht, habe selbst keine paranoiden Erscheinungen“, sagt Bettina, die weiß, dass die Droge Menschen zerstören kann. Sie habe Bekannte, denen Meth stark zusetzt, die auch dealen, um den eigenen Konsum zu finanzieren. Auch Bettina hat Drogen verkauft und wurde gefasst. „Ich bin eine Verbrecherin, will das aber nicht sein“, sagt die Kulmbacherin. Sie würde die Finger von Crystal lassen, wie sie betont, wenn es eine Substitution gäbe, wie es Methadon bei Heroin ist. „So etwas gibt es aber nicht.“
Das sagt der Präventionsbeauftragte der Kripo
Ist unsere Region tatsächlich eine „Provinz im Rausch“, wie es in der ZDF-Doku heißt? Die Verfügbarkeit von Drogen sei ob der offenen Grenze zu Tschechien ohne Frage größer. Von einem Hotspot mag Jochen Bergmann, Präventionsbeauftragter der Kripo Bayreuth, aber nicht sprechen. „Das geben die Zahlen nicht her“, sagt Bergmann, der für den Raum Bayreuth und Kulmbach zuständig ist. „Bei uns gibt es die- selben Probleme wie in anderen Kleinstädten.“ Die Zahl der registrierten Drogendelikte sei in Oberfranken in den vergangenen zehn Jahren zwar von 3263 auf 5229 gestiegen, zuletzt aber wieder rückläufig gewesen, stellt er fest.
Kripo: Hilfsangebote sind wichtig
Dabei sei die Gefahr, die von Methamphetaminen ausgehe, ohne Frage groß, sagt der Kriminalbeamte, der vom „Mottenfraß“ im Gehirn spricht. Die Droge, die zu organischen Schäden führen kann, gehe „mit Vollgas aufs Glückszentrum“, wenn die unmittelbare Wirkung nachlässt, träten aber schnell die Schattenseiten zutage. Der Körper werde in einen Erschöpfungszustand versetzt, massiv angegriffen. Panik, Depressionen, auch Suizidgedanken machten sich breit. Es sei wichtig, die Hilfsangebote zu verstärken, mehr Anlaufstellen für Abhängige zu schaffen. „Denn wir wissen um ihr Leid. Und das ist groß.“
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