Ein halbes Jahrhundert existiert die Universität Bayreuth - deren jüngster Ableger ist gerade mal vor einem Zehntel dieser Zeitspanne am Standort Kulmbach entstanden: Es handelt sich um die VII. Fakultät mit dem Titel „Lebenswissenschaften: Lebensmittel, Ernährung und Gesundheit“. Für das anstehende Wintersemester werden am Campus Kulmbach laut Stadt über 400 Studierende eingeschrieben sein - und zwar für drei Masterstudiengänge sowie den Bachelor „Lebensmittel- und Gesundheitswissenschaften“.
Das alles klingt vielversprechend - aber wohin geht die Wissenschaftsreise? Und was bringt eine solche Einrichtung an Herausforderungen und Verantwortlichkeiten für die Kommune mit sich? Das stand am Dienstagabend im Mittelpunkt einer Sondersitzung des Kulmbacher Stadtrats, initiiert von der Wählergemeinschaft Kulmbach (WGK). Sie hatte einen „Masterplan“ für das Großprojekt beantragt.
Fest steht: Bis dato ist der Campus nicht wirklich einer im engsten Sinne des Begriffs, der sich von „Feld“ ableitet. Bis der neue Flächencampus auf dem Gelände des früheren Güterbahnhofs erbaut ist, dient die alte Kulmbacher Spinnerei als Übergangsquartier.
Dafür musste das ehrwürdige Areal ertüchtigt und in drei Abschnitten umgebaut werden, wie Andrea Bohl berichtete, ihres Zeichens die Campus-Beauftragte der Stadt und damit eine wichtige Schnittstelle zur Uni. Die Gesamtkosten betragen demnach mehr als 18,5 Millionen Euro, inklusive der Kosten für Vorfinanzierung (Zinsen) und aller Abschreibungen. Davon seien knapp 13 Millionen Euro durch Zuschüsse und Mietzahlungen gedeckt. Heißt: Auf der städtischen Finanzuhr bleibt ein Eigenanteil von 5, 3 Millionen.
Als nächste Meilensteine nannte sie den Abschluss des Bauleitplans für das Campusgelände (Neubau) auf dem ehemaligen Areal des Güterbahnhofs, ferner die entsprechenden Mobilitäts- und Infrastrukturmaßnahmen (Verkehrstangente und den Bereich Wohnen) sowie diverse studentische Projekte. Für all das brauche es einen Schulterschluss, „damit das für ein Oberzentrum wie Kulmbach essenzielles Schlüsselprojekt gelingt“.
Campus ist für OB „persönlichen Herzensangelegenheit“
An Willensbekundungen dazu mangelte es nicht. OB Ingo Lehmann (SPD) sprach von einer „persönlichen Herzensangelegenheit“, auch weil er selber einst an der Uni Bayreuth studiert hatte. Mit dem Campus entstehe Großes für die Stadt - ein Projekt mit vielen Herausforderungen wie Weiterentwicklungsmöglichkeiten für Kulmbach. „Es braucht eine nachhaltige Strategie, welche Ziele wir mit welchen Mitteln erreichen können. In den ersten fünf Jahren hat das schon mal gut geklappt, es ist viel Positives erreicht oder zumindest angeschoben worden.“
„Es ist nicht weniger als ein Jahrhundertprojekt“, umriss Uni-Präsident Prof. Stefan Leible das Vorhaben. Als Chef der Bayreuther Universität sei er mit der Entwicklung des jüngsten Ablegers im Wesentlichen zufrieden. „Wir liegen bei den Studierenden mit 400 im kommenden Wintersemester über Plan und streben langfristig die Zahl 1000 für Kulmbach an.“ Er bat die Stadträte, aber auch die politischen Verantwortlichen auf Landesebene, jetzt nicht nachzulassen und Zusagen für die weitere Finanzierung trotz der schwierigen Haushaltslage einzuhalten.
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„Als Vertreter aus München kann ich sagen: Meine volle Unterstützung haben alle. Wissenschaftsminister Markus Blume wie auch Ministerpräsident Markus Söder sowie sein Stellvertreter Hubert Aiwanger haben die entsprechenden Signale gesendet“, sagte Stadtrat und Landtagsabgeordneter Rainer Ludwig (WGK/Freie Wähler). Stadt, Landkreis und Freistaat müssten dafür an einem Strang ziehen.
Ludwigs Fraktionskollege und WGK-Vorsitzender Ralf Hartnack sah den Antrag aus seinen Reihen als wichtiges Bekenntnis zum Unistandort Kulmbach. „Es muss sichtbar sein, dass alle einheitlich hinter dem Projekt, der Entwicklung und der Einbindung der Uni in die Stadt stehen. Ich finde, das kann noch eine Spur intensiviert werden.“ Dem stimmte Thomas Nagel (FDP) zu: „Alle sind angehalten, die Hochschule sichtbar zu machen und mehr in die Stadt zu holen. Dazu gehört auch, das Umfeld der Uni sicher und attraktiv zu gestalten.“
Hartnack sprach insbesondere die Wohnungssituation an. Die sei zwar gut, aber ausbaufähig. Derzeit steht ein privat geführtes Wohnheim in Petzmannsberg (Alte Ziegelei) mit rund 70 Plätzen bereit, dazu bietet „Kulmbach-Living“ in der Langgasse mehrere Dutzend Appartements für Studierende an. In der Hugo-Hesse-Straße plant das Studierendenwerk Oberfranken den Bau eines Wohnheims mit weiteren 70 Plätzen, in der Hofer Straße sollen in einem Wohnheim rund 100 Einheiten entstehen. „Was ist mit den 156 potenziellen Appartements der ehemaligen Mälzerei Müller? Das wäre eine weitere Chance, die Wohnungsnot zu lindern“, warf Hartnack als Frage ein.
„Wir kennen alle die Machbarkeitsstudie, es war dem Investor letztlich zu teuer“, entgegnete OB Lehmann. Die Stadt habe immer wieder den Kontakt gesucht. „Mein letzter Stand ist: Der Eigentümer will das Objekt wieder veräußern und eben nicht weiter darin investieren.“
Meußgeyer: Kulmbach könne dank Uni Gründerzentrum werden
„Es war eine schwere Geburt, mit einer Zangengeburt vergleichbar - aber das Baby kam gesund zur Welt“, verglich SPD-Fraktionsvorsitzender Matthias Meußgeyer die Unientwicklung mit der Menschwerdung. Das Baby sei auf dem Weg vom Kind zum Weltbürger. „Ein solches Kind braucht ein stabiles Umfeld, das ist Aufgabe der Stadt.“ Dazu zähle auch, die wirtschaftlichen Chancen zu nutzen. „Kulmbach kann Gründerzentren, Co-Working-Spaces und Netzwerke fördern.“
Wann das Kind in seines neues Zuhause einzieht? Eine Frage, die CSU-Stadtrat Frank Wilzok stellte und damit auch die Diskussion um die Verkehrstangente anstieß. Zur Erinnerung: Diese Verbindung soll den innerstädtischen Verkehr auf neue Wege führen, von der Heinrich-von-Stephan-Straße über das frühere Güterbahnhofsgelände in Richtung Lichtenfelser Straße. Um die neue Straße bauen zu können, benötigt die Stadt Flächen, die im Besitz der Kulmbacher Brauerei sind. Die will den Grund zu veräußern, wenn im Gegenzug ein Teilstück der Lichtenfelser Straße eingezogen und Betriebsgelände des Unternehmens wird.
Uni-Kanzlerin Nicole Kaiser bekundete dazu: „Wir als Universität brauchen eine strukturierte Zufahrt zur Baustelle, da sind die nötigen Vorarbeiten zu machen.“ Nach der Erschließung des Geländes am abgerissenen Güterbahnhof könne der Hochbau der Gebäude erfolgen. „Wir sprechen hier von einem hochkomplexen Ablauf, es geht um die Einrichtung von Laboren und vielem mehr.“ Die Grundsteinlegung terminierte sie „auf das Ende der 2020er-Jahre“.
„Ich bin ein bisschen enttäuscht“, fasste Dagmar Keis-Lechner (Grüne) aus ihrer Sicht den Sitzungsverlauf zusammen. „Ich dachte, wir würden gemeinsam Dinge erarbeiten, so in einer Art Workshop, bei dem man gemeinsam zu Ergebnissen kommt. Vieles war mir hier zu sehr mit Wahlkampf gewürzt.“
In diese Kerbe hieb auch Georg Hock. Der AfD-Stadtrat bekundete, für solche Erkenntnisse bedürfe es keiner Sondersitzung. „Das waren doch viele Schaufensteranträge und Wahlreden dabei.“
Hock stört sich an hoher Zahl ausländischer Studenten
An einer anderen Sache störe er sich, und das sei die Zusammensetzung der Studierenden; die Quote weise 63 Prozent aus, die aus dem Ausland kommen. „Ich kann mich nicht recht darüber freuen, dass es am Campus Kulmbach nur 37 Prozent deutsche Studenten gibt. Vielleicht würden mehr deutschsprachige Studenten kommen, wenn man auch mehr Seminare in deutscher Sprache abhielte? Wir sind hier mit unseren Steuergeldern schließlich nicht für Entwicklungshilfe zuständig.“
Ein Redebeitrag, der in der Stadthalle hörbar auf Unmut stieß. Ausrufe wie „erbärmlicher Schwachsinn“ waren zu vernehmen. Ingo Lehmann konstatierte: „Wir, Herr Hock, öffnen jungen Menschen eine Perspektive und sind offen für alle, egal ob sie aus Hollfeld stammen oder aus Hanoi. Sie alle bereichern unsere Stadt.“
Und auch Uni-Präsident Leible wollte die Einlassung des AfD-Vertreters so nicht stehen lassen. „Erstens: Wer als Uni erfolgreich sein will, der muss heutzutage international sein. Zweitens habe ich die Erfahrung gemacht: Etwa 60 Prozent der ausländischen Studentinnen und Studenten bleiben für mindestens zehn Jahre hier in Deutschland, 40 Prozent sogar für immer. Sie zahlen in unsere Sozialsysteme ein und helfen uns sehr mit Blick auf den Fachkräftemangel, gerade auch auf der akademischen Ebene.“
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