0
Interview
Wolfgang Kubicki: mit klarer Sprache gegen die Krise der FDP
Die letzte Hoffnung der FDP? Wolfgang Kubicki will Parteichef werden.   
Die letzte Hoffnung der FDP? Wolfgang Kubicki will Parteichef werden.    // Michael Kappeler, dpa
Berlin – Wolfgang Kubicki will die tief gefallene FDP wieder auf sicheres Terrain jenseits der fünf Prozent führen. Mut für seine Mission macht ihm dabei ausgerechnet die Linkspartei.
Artikel anhören

Sie sind 74 Jahre alt und müssen sich nichts mehr beweisen. Findet die FDP keinen anderen Vorsitzenden?

Wolfgang Kubicki: Wir sind mit Werten von zwei Prozent und weniger unter die Wahrnehmbarkeitsschwelle gefallen. Als Friedrich Merz dann gesagt hat, die FDP sei tot, habe ich mich auch persönlich herausgefordert gefühlt. Ich bin nicht die Zukunft der Partei, das ist klar. Aber ich will, dass diese Partei eine Zukunft hat.

Wie lange haben Sie gebraucht, um sich selbst und Ihre Frau zu überzeugen?

Das war ein Prozess, der in der Woche vor Ostern von Dienstagmorgen bis Freitagnachmittag gedauert hat. Irgendwie hat das auch gut zur Ostergeschichte gepasst. Friedrich Merz sagt, die FDP sei tot, an Ostern aber feiern wir ja die Auferstehung (lacht). Dann hat sogar Peter Harry Carstensen angerufen ...

... der frühere Ministerpräsident von Schleswig-Holstein ...

... und gesagt: Mach es, wir von der CDU haben ein Interesse an einer starken FDP. Irgendwann hat meine Frau dann gemeint: Du weißt, dass ich es eigentlich nicht will, aber es ist besser, du versuchst es.

Ist die Situation schwieriger als 2013, als die FDP schon einmal aus dem Bundestag geflogen ist?

Sie ist anders, weil die Kommunikationsgeschwindigkeit enorm zugenommen hat. Wir hatten 2013 noch etwas mehr Zeit, uns zu sortieren.

Heute haben wir diese Zeit nicht. Wenn Sie länger aus dem Geschäft draußen sind, nimmt Sie keiner mehr wahr. Deshalb ist jetzt Geschwindigkeit gefragt, sonst sind wir in zwei, drei Jahren nur noch ein liberaler Debattierklub, aber keine politisch ernst zu nehmende Größe mehr.

Deshalb geben Sie Interviews im Stundentakt?

Ich wusste gar nicht, wie viele Medien und wie viele Menschen sich plötzlich für die FDP interessieren. Vor Kurzem hat mich der Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft eingeladen, wo ich vor über 1500 Leuten eine launige Rede gehalten habe.

Die kam ziemlich gut an. Einige wollten mich gar nicht mehr aus dem Saal lassen. Das zeigt: Es gibt einen Riesenbedarf nach klarer Positionierung.

Unsere Werte in den Umfragen steigen jedenfalls. Ein Kubicki-Effekt aber beginnt erst bei sechs Prozent.

Sie reden anders als andere Politiker. Braucht die FDP eine klarere Sprache?

Ich weiß schon, worauf Sie hinaus wollen, der Mann, der Klartext redet. Ich finde den Begriff ziemlich komisch. Ich rede mit Ihnen nicht anders als mit Menschen, die ich in der Stadt oder anderswo treffe. Ich bin es gewohnt, vielleicht auch berufsbedingt als Anwalt, präzise zu formulieren. Wir in Norddeutschland können gar nicht so krumm denken, wie viele Politiker sich artikulieren.

Hat der Kanzler der FDP unfreiwillig eine Tür geöffnet? Er hat eine Wirtschaftswende versprochen, wurde aber von der SPD in Geiselhaft genommen.

Offenbar ist der ökonomische Sachverstand des Kanzlers nicht so groß, wie auch ich lange geglaubt habe.

Ich bin kein Fan von Angela Merkel. In einem Punkt aber hat sie wahrscheinlich recht gehabt: Sie hat Friedrich Merz nie für kompetent gehalten.

Immerhin versucht die Koalition, etwas gegen die hohen Spritpreise zu unternehmen.

Aber was denn? Die Idee, dass die Arbeitgeber ihre Beschäftigten mit einer steuerfreien Prämie entlasten sollen, ist doch irre. Das ist, als würde ich Ihnen einen BMW versprechen und sagen: Gehen Sie zum Nachbarn, der bezahlt.

Viele Unternehmen sind am Limit. Meine Friseurin fragt mich: Sind Sie bereit, 100 Euro für Ihren Haarschnitt zu bezahlen, damit ich meinen Mitarbeiterinnen 1000 Euro extra zahlen kann? Wie kommt man auf so eine Schnapsidee?

In Deutschland erwartet jeder, dass der Staat möglichst alles regelt.

Es gibt auch viele Menschen, die in Ruhe gelassen werden wollen. Die haben bisher nur keine klare Ansprache bekommen. Jeder erklärt mir, dass ich kein Fleisch essen oder mich schämen soll, wenn ich in ein Flugzeug steige. Was soll das?

Wie halten Sie es denn mit Marie-Agnes Strack-Zimmermann?

Wir sind beide Teil der liberalen Familie. Aber wir passen nicht zusammen in der Führung. Ihre wunderbare Idee einer Doppelspitze, bei der sie die meiste Zeit in Brüssel ist und die Arbeit bei mir läge, fand ich besonders amüsant.

Wir beide nehmen uns nichts, aber ich halte Streit, der sich nicht in persönlichen Nichtigkeiten erschöpft, für sehr produktiv. Er führt dazu, dass verschiedene Blickwinkel eingenommen werden und man zu besseren Lösungen kommt. Bedauerlicherweise verlernen wir das.

Wann würden Sie sagen, dass Ihre Mission erfüllt ist?

Das Ziel ist es, die FDP bei Meinungsumfragen über fünf Prozent zu bringen und zu garantieren, dass wir auch wieder bei Landtagswahlen gewinnen. Wenn ich das nicht schaffe, kann ich sagen: Ich habe es versucht, aber leider auch nicht geschafft.

Bei den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Berlin sind die Aussichten trüb ...

Ich will mich damit nicht abfinden. Das wäre so, als wenn Sie sagen, niemand muss mehr gegen Bayern München auflaufen. Dann ist die Bundesliga hin.

Die Linken haben es vor der Bundestagswahl geschafft, innerhalb von drei Wochen von drei Prozent auf neun Prozent emporzuschnellen. Es ist möglich, wenn man es will und es geschickt anfängt.

Die Linke ist bei jungen Menschen sehr beliebt. Wie wollen Sie junge Leute künftig wieder zur FDP holen?

Ich hatte mal eine Schulklasse hier, von denen war die große Zahl überzeugt, dass wir 2050 wegen des Klimawandels alle verbrennen auf der Erde. Ich habe denen als netter, älterer Herr erklärt, dass sie 2050 nicht verbrennen werden.

Aber wie wollen Sie Menschen mit dieser Furcht ermuntern, eine Ausbildung zu machen, eine Familie zu gründen und fröhlich durchs Leben zu gehen? Sie müssen ein Lebensgefühl verbreiten. Sie müssen erklären, dass wir alles anbieten als Gesellschaft, damit sie aus ihrem Leben das Beste machen können.

Und dafür brauchen wir hervorragend ausgebildete junge Menschen. Leider sind unsere Schulen in einem teilweise katastrophalen Zustand. Wir brauchen daher einen nationalen Gipfel für die Schulbildung. Fünf Prozent der Wirtschaftsleistung sollen in die Schulen fließen.   

Das Interview führten Christian Grimm, Rudi Wais und Pauline Held

Inhalt teilen
  • kopiert!