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Gutachter am Bamberger Gericht
Mit Gift-Pizza: Es hätte der perfekte Mord sein können
Der Angeklagte sitzt mit gefesselten Füßen im Gerichtssaal - damit er nicht flüchten kann
Der Angeklagte sitzt mit gefesselten Füßen im Gerichtssaal - damit er nicht flüchten kann // Foto: Udo Güldner
Bamberg/Breitengüßbach – Am vorletzten Verhandlungstag am Landgericht Bamberg um mehrere Mordversuche mit Gift werden ein Gutachter und ein Ermittler befragt. Außerdem sind die Plädoyers zu hören. Und der Angeklagte ergreift erstmals das Wort.

Am vorletzten Verhandlungstag wegen mehrerer Mordversuche eines Mannes an seiner Ehefrau und dem Sohn, unter anderem mit einer Gift-Pizza, kommt ein Gerichtsmediziner zu Wort. In den Plädoyers am Landgericht Bamberg gehen die Anträge von einer lebenslangen Freiheitsstrafe über fast 13 Jahre bis hin zu weniger als zehn Jahren. Und dann redet der Angeklagte doch noch – in seinem letzten Wort.

Mann aus Kreis Bamberg versuchte mehrfach seine Frau zu ermorden

Paternoster-Erbse, Schierling, Blauer Eisenhut oder doch lieber Fingerhut? Über Monate hinweg sucht der Mann im Internet nach den passenden Giften. Um seine Ehefrau loszuwerden. Er informiert sich während seiner Arbeitszeit, wie man in Bamberg oder in Online-Shops an die Samen kommt und welche Dosis es braucht, damit es ein tödliches Ende nimmt.

Von der Google-Suche will er wissen, wie schnell Eiben-Gift wirkt, welche sofort wirkenden Haushaltsgifte es sonst noch gibt und ob man Eisenhut überhaupt „als Mordwaffe“ einsetzen kann. Er prüft, ob er die Pflanzenteile mitkochen, in den Tee geben oder unter den Tabak seiner Ehefrau mischen kann. Damit möglichst wenig Wirkung verloren geht und die Ehefrau nicht durch einen bitteren oder scharfen Geschmack gewarnt wird.

Rechtsanwalt Andreas Dräger aus Strullendorf und der Angeklagte
Rechtsanwalt Andreas Dräger aus Strullendorf und der Angeklagte // Foto: Udo Güldner

Und ihn interessiert, ob man die eine oder andere lebensgefährliche Substanz nachweisen kann.

Auch die Zeit danach nimmt er in den Blick. Dann geht es darum, ob er die Kosten für die Beerdigung seiner ermordeten Ehefrau von der Steuer absetzen kann.

Rechtsmedizinisches Gutachten vorm Landgericht Bamberg

Tatsächlich hätte es der perfekte Mord werden können. Das bestätigt auch Dr. Bernd Schwarze vom Institut für Rechtsmedizin in Erlangen. Denn bei einer Obduktion werden solche Pflanzengifte wie das im Blauen Eisenhut nicht vom normalen Screening erfasst. „Es hätte übersehen werden können.“

Lesen Sie hier die Einschätzungen des psychiatrischen Gutachters:

Erst bei den zielgerichteten Überprüfungen aufgrund eines Verdachtes kann der Chemiker im Blut, im Urin, in den Haaren und im Mageninhalt der Ehefrau und des versehentlich mit vergifteten Sohnes, sowie in Essens- und Pflanzenresten im Keller das Aconitin finden.

Bei manchen der anderen verwendeten Giften gibt es nach Aussage des toxikologischen Gutachters europaweit kein einziges Labor, das das Gift nachweisen kann. Wenn man einmal von einer Spezialabteilung des Robert-Koch-Instituts absieht, das sich mit „Terror-Giften“ beschäftigt.

Nur durch Zufall kommen Mordversuche im Kreis Bamberg ans Licht

Dass die Mordversuche doch noch ans Licht kommen, liegt am Zufallsopfer Sohn und an misstrauischen Medizinern.

Wie gefährlich die Lage für die Ehefrau und den Sohn bei jenem letzten Giftanschlag ist, das berichten Rettungssanitäter und Notärzte. Der Sohn überlebt nur deshalb, weil er weniger von der Gift-Pizza gegessen und sich hernach „im Schwall erbrochen“ hat. Dennoch schwebt auch er in akuter Lebensgefahr.

Die Ehefrau hingegen versucht, mit einem Medikament die Übelkeit und den Brechreiz zu unterdrücken. Dadurch verschlechtert sich ihre Lage. Schließlich kommt es zur Krise mit Kammerflimmern und Herzstillstand. Sie muss noch vor Ort und dann im Rettungswagen beatmet und mehrfach wiederbelebt werden. Es ist nicht klar, ob sie die Ankunft im Klinikum Bamberg noch erleben wird. Zumal Medikamente nicht anschlagen.

Erst enorm starke Elektroschocks können das außer Kontrolle geratene Herz wieder auf Kurs bringen.

Wenn es mit der Hilfe nur zehn Minuten länger gedauert hätte, der Plan des Ehemannes wäre aufgegangen. Er behält sein Wissen über die Ursache auch dann für sich, während Ehefrau und Sohn vor seinen Augen mit dem Tode ringen.

Lesen Sie hier das Geständnis des Ehemanns:

Von einem „beängstigenden Verfahren“ spricht Oberstaatsanwalt Michael Hoffmann. Es zeige, wozu Menschen fähig seien. Er fordert für die Mordversuche mit gefährlicher Körperverletzung zwölf Jahre und neun Monate. Strafverteidiger Andreas Dräger aus Strullendorf hat nur das Geständnis und die fehlenden Vorstrafen, um seinen Antrag auf „unter zehn Jahren“ zu begründen. „Ich kann auch nicht zaubern.“

Wollte Angeklagte auch seinen Sohn vergiften?

Für einiges Aufsehen sorgt Rechtsanwältin Mona Antretter aus Bamberg, die den Sohn des Angeklagten vertritt. Sie glaubt nicht, dass ihr Mandant nur zufällig mit vergiftet worden ist. Er habe der neuen Liebe seines Vaters buchstäblich im Weg gewesen. Zudem wäre er nach dem Tod der Ehefrau als Erbe infrage gekommen. Antretter spricht auch von der Abneigung gegenüber dem Sohn, sowie dem Versuch, den Notruf zu verzögern und die Einsatzkräfte in Sachen Krankheitsursache auf eine falsche Fährte zu locken. Die Rechtsanwältin fodert lebenslänglich.

Das eindrücklichste Plädoyer hält Opferanwalt Jochen Kaller aus Bamberg. Er vertritt die Ehefrau, die nur durch ein Wunder und einen unbeugsamen Willen nun nicht mehr im Rollstuhl sitzt. „Ihre Frau will, dass Sie bestraft werden. Sie will nicht Ihre Vernichtung. Sie sollten Ihrer Frau dankbar sein.“ Dennoch seien die wiederholten Mordversuche des Angeklagten planmäßig, hartnäckig und hundsgemein. „Ihre Ehefrau stand praktisch schon mit beiden Beinen im Grab.“

Das Schlusswort des Angeklagten bleibt hingegen blass. Er kann sich nur zu einer weinerlichen Entschuldigung durchringen. Das Urteil der Zweiten Strafkammer wird am Freitag (14.11.) um 9 Uhr verkündet.

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