Der Notarzt klingt besorgt. Ein Arbeiter habe sich auf der Rathausbaustelle schwer verletzt, gibt er per Funk durch. Ein Armiereisen habe sich durch dessen Schulter gebohrt, er müsse schnellstmöglich versorgt und aus der schwer zugänglichen Baustelle gerettet werden.
Es ist Samstagnachmittag, bestes Spätsommerwetter, als Forchheims Feuerwehrleute kurz nach 13 Uhr am Rathausplatz anrücken. Sofort rennen sie zum Verletzten ins zweite Obergeschoss und versorgen ihn. Schnell ist klar, dass sie ihn nicht gefahrlos über die Gerüsttreppen nach unten bringen können. „Rettung über die Drehleiter mittels Schleifkorbtrage“, gibt der Gruppenführer per Funk durch. Unten am Platz beginnen die Feuerwehrleute sodann, alles für die Drehleiterrettung vorzubereiten, Passanten schauen gebannt zu.
24-Stunden-Übung der Feuerwehr Forchheim
Ein mitunter gefährlicher Einsatz. Auf jeden Fall ein spannender Einsatz. Heute zum Glück nur ein fiktiver Einsatz, der verletzte Arbeiter ist nur eine Puppe. Im Rahmen der Bayerischen Feuerwehraktionswoche, zu der auch die Lange Nacht der Feuerwehr gehört, haben sich die Verantwortlichen der Freiwilligen Feuerwehr Forchheim in diesem Jahr etwas Besonderes überlegt. „Wir führen eine 24-Stunden-Übung durch, bei der zwischen Freitag- und Samstagnachmittag verschiedene Szenarien im Stadtgebiet ausprobieren“, erklärt Stadtbrandmeister Timo Sokol.
So trainieren die Ehrenamtlichen unter anderem klassische Einsätze wie die Rettung einer eingeklemmten Person und das Löschen eines brennenden Autos, üben aber auch, wie sie etwa bei einem atomaren Laborunfall (ausgelaufene Kontrastmittel) in einer Arztpraxis vorgehen müssen, und wie sie der Polizei helfen können, wenn Handschellen nicht mehr aufgehen. „Alle Aktiven haben mindestens die neunmonatige Grundausbildung absolviert, zudem üben wir regelmäßig“, so Sokol. Aber solche Großübungen unter Realbedingungen hätten nicht nur einen größeren Trainingseffekt. Sie dienen überdies für die Bevölkerung als Leistungsschau.
Die besten Bilder des spektakulären Einsatzes am Rathaus
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Zurück zum Verletzten im Rathaus. Die Drehleiter ist mittlerweile ausgefahren, bis zu 23 Meter hoch kann die Hydraulik den Korb heben. So viel ist für den zweiten Stock heute aber nicht nötig, der schwindelfreie Feuerwehrmann übergibt die Schleifkorbtrage an seine Kollegen auf dem Baugerüst. Die schaffen sie zum Verletzten, betten ihn und um machen ihn für den Abtransport bereit. Dies verlangt den Feuerwehrleuten nicht nur Muskelkraft ab, sondern auch Fingerspitzengefühl. Sie müssen ihn durch den Rathaussaal aufs Gerüst bugsieren, dort beengte Treppen überwinden. Es klappt. Sie hieven den Verletzten samt Trage in den Drehleiterkorb, der fährt ihn sachte nach unten, wo er – theoretisch – vom Rettungsdienst abgeholt und ins Krankenhaus gebracht wird.
Lange Nacht der Feuerwehr und Großübung im Wechsel
Bayernweit haben am Samstag Feuerwehren die Menschen zum Beispiel mittels Schauübungen, Besichtigungen und Informationsveranstaltungen über das örtliche Feuerwehrwesen aufgeklärt. Im Landkreis Forchheim hatten sich etwa die Freiwilligen Feuerwehren im Forchheimer Stadtteil Reuth sowie in Kirchehrenbach und Ebersbach ein Programm überlegt. Die Forchheimer Stadtwache hatte im vergangenen Jahr ein großes Besucherprogramm absolviert. Sokol: „Wir haben uns entschlossen, die Lange Nacht der Feuerwehr alle zwei Jahre für die Öffentlichkeit am Feuerwehrgerätehaus im Rahmen einer Leistungsschau durchzuführen und in den Jahren dazwischen selbst eine lange Nacht im Rahmen einer 24-Stunden-Übung zu absolvieren.“
24-Stunden-Übung hat großen Trainingseffekt
Und es steckt mehr hinter der Marathon-Übung, als nur die Einwohnerschaft in Staunen zu versetzen. Es sei schwierig, alle Ausbildungsthemen abzuarbeiten über das Jahr, deshalb sei dies die ideale Ergänzung. Die angeforderten Züge agierten selbstständig, wie sie es bei einem realen Einsatz auch täten. Stets begleitet werden sie darüber hinaus von zwei erfahrenen Beobachtern, mit denen in einer anschließenden Runde besprochen wird, was gut lief und wo es noch hakte.
Die Einsatzleitung für die Drehleiterrettung am Rathaus hat Zugführer Michael Dittrich inne. Er ist zufrieden, seine 25 Kameradinnen und Kameraden hätten einen „super Job gemacht“, sagt Dittrich. Das freut ihn besonders bei dieser Übung, seit einigen Jahren nähmen solche Einsätze vornehmlich in älteren, verwinkelten Wohnhäusern immer weiter zu. Daher könne man solche Szenarien gar nicht oft genug üben, so Dittrich.
Retter im Video: So war die 24-Stunden-Übung in Forchheim
Feuerwehr Forchheim: „Brauchen immer Zuwachs"
Insgesamt rücken die gut 80 aktiven Forchheimer Feuerwehrleute ungefähr 250-mal im Jahr aus. Man sei gut aufgestellt, sagt Stadtbrandmeister Timo Sokol. „Aber wir brauchen immer Leute.“ Es gebe stets Fluktuation, Kameraden zögen weg oder gingen in Rente (man darf nur bis 65 aktiv an Einsätzen mitfahren). „Wir freuen uns immer, wenn sich jemand für den Feuerwehrdienst begeistert. Auch deshalb führen wir gerne solche großangelegten Schauübungen durch.“
Am Rathaus ist es mittlerweile 14 Uhr. Der „Verletzte“ ist längst im Krankenhaus, die Feuerwehrleute packen die letzten Geräte zusammen. Normalerweise würden sie nun zurückfahren, sich von ihrem schweißtreibenden Einsatz erholen. Doch plötzlich schallt es „Schachtrettung auf einem Betriebsgelände“ durchs Funkgerät. Stattdessen ertönt wieder das Martinshorn, sie fahren weiter zum nächsten Einsatz. Zum Glück ist es wieder nur eine Übung. Doch der nächste richtige Einsatz wird nicht lange auf sich warten lassen.
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