Thomas Hartl ist sauer. Ein Wochenenddienst als Notarzt ist immer anstrengend; ganz gleich, wie viel los ist, ganz gleich, wie schlimm die einzelnen Fälle sind. Hartl, eigentlich niedergelassener Gynäkologe in Mittelfranken, macht es dennoch gerne. Nebenbei. Kurzzeitig die Lust vergangen ist ihm aber am vorvergangenen Wochenende.
Sein Pager piepst, Einsatz. Verdacht auf Schlaganfall, Hartl macht sich mit seinen Kollegen vom Rettungsdienst auf den Weg nach Egloffstein. Aber statt die Patientin wie üblich in solchen Fällen in die nächstgelegene Klinik – in diesem Fall nach Forchheim – bringen zu können, muss er Ersatz finden. Und trotz akuter Notlage bis nach Bamberg fahren. Denn die Integrierte Leitstelle (ILS), die die Notrufe annimmt und die Rettungsdienste koordiniert, meldet für das Klinikum Forchheim keine Kapazitäten für Schlaganfallpatienten. Es ist abgemeldet.
Hartl und sein Team betreuen die Patientin im Rettungswagen. Sie nehmen den weiten Umweg nach Bamberg in Kauf. Was wollen sie auch tun? Schnelle Entscheidungen in Extremsituationen zu treffen, gehört zu seinem Alltag. Aber sowas? Beim Notarzt staut sich der Frust. „Diverse Patienten mussten in kritischem Zustand und zeitaufwendig in maximal weit entfernte Kliniken eingeliefert werden“, schreibt er der Forchheimer Klinik-Leitung in einer Mitteilung, die unserer Redaktion vorliegt.
Klinikum Forchheim abgemeldet von Rettungsleitstelle: Das sind die Gründe
Was ist passiert? Wie Klinikums-Geschäftsführer Sven Oelkers im Nachgang bestätigt, sei das Krankenhaus über das besagte Wochenende zum Teil von der ILS abgemeldet worden. „An dem Wochenende war ein Laborgerät zur Bestimmung der Gerinnung defekt“, schreibt Oelkers auf Anfrage. Ohne Gerinnungsbestimmung könne beim akuten Schlaganfall keine Lyse (Thrombolyse: Infusion eines Enzyms, das Blutgerinnsel in den Hirnarterien auflösen kann) durchgeführt werden, erklärt er. „Da für uns die Patientensicherheit an erster Stelle steht, wurde die Schlaganfalleinheit abgemeldet.“
Tatsächlich wurde das defekte Gerät erst am Montag wieder in Betrieb gebracht. Oelkers: „Leider kommt es auch bei regelmäßiger Wartung vor, dass ein Gerät ausfällt. Die Firma hat am Wochenende einen Techniker vor Ort geschickt. Zur Reparatur wurde aber ein Ersatzteil benötigt, welches erst am Montag geliefert werden konnte.“
Zum Verständnis: Ein solches Laborgerät lässt sich nicht mit einem defekten Thermostat im Wohnzimmer oder einer nicht funktionierenden Spülmaschine vergleichen. Das Klinikum Forchheim verfügt über eine komplexe Laborstraße, mit hoch technologisierten und speziell angefertigten Einzelmaschinen. Rund um die Uhr werden dort Hunderttausende Einzelproben pro Jahr verarbeitet. Und Oelkers versucht zu beruhigen: „Das Gerät wurde umgehend repariert und die Schlaganfalleinheit am Montag, 22. Januar, wieder angemeldet.“
Krankenhäuser in Deutschland treiben viele Sorgen um
Thomas Hartl reicht diese Erklärung nicht aus. „Verständlich ist das in unserer heutigen Zeit nicht. Auch ein Heizungsnotdienst ist am Wochenende einsatzbereit. Hier geht es um die Gesundheit.“ Zwar richtet sich seine Kritik, wie er betont wissen will, nicht gegen die Mitarbeitenden und auch gar nicht gegen das Klinikum selbst. Vielmehr sieht er diesen Fall als Symptom eines viel größeren Problems des gesamten Gesundheitswesens. „Wir hatten einmal eins der besten Gesundheitssysteme der Welt – und richten es weiterhin zugrunde.“
Zu den strukturellen Problemen wie dem beinahe chronischen Personalmangel im gesamten Gesundheitswesen sowie klammeren Kassen denn je gesellen sich für viele Krankenhäuser vor allem in ländlichen Gebieten die Sorgen wegen der aktuell diskutierten Krankenhausfinanzierungsreform von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach. Hinzu kommt, dass vor allem die Notaufnahmen unter immer größeren Druck geraten.
Wie eine Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) aus dem vorigen Jahr ergab, mussten 2022 77 Prozent der Krankenhäuser ihre Notfallambulanzen mindestens einmal komplett abmelden. „Die wirtschaftliche Lage der Notfallambulanzen ist desaströs und trägt zusammen mit einer fehlenden Patientensteuerung maßgeblich zur massiven ökonomischen Schieflage vieler Krankenhäuser bei“, sagte der DKG-Vorstandsvorsitzende Gerald Gaß damals.
Landkreis Forchheim: Notfallpatienten müssen immer weitere Wege in Kauf nehmen
Auch in unserer Region werden Ambulanzen oder Teile davon immer wieder von der Rettungsleitstelle abgemeldet, sagt Notarzt Hartl. Was zu immer weiteren Wegen führt. Der Leiter der ILS Bamberg-Forchheim Dietmar Willert bestätigt das zwar. Ein gravierendes Problem könne er aber nicht erkennen, zumeist handele sich um einige Stunden. Aber auch er sagt: „Die Überlastungen ergeben sich zumeist durch das Behandeln von Patienten, die eigentlich auch der Bereitschaftsdienst der Kassenärzte (Telefon: 116 117) hätte übernehmen können.“ Doch zu viele gingen ohne Not dennoch in die Notaufnahme.
Anders die Dame aus Egloffstein. Sie war ein wirklicher Notfall – und hatte Glück, an couragierte Retter wie Notarzt Thomas Hartl und sein Team geraten zu sein. Er wünscht sich, dass fortan Vorkehrungen getroffen werden, dass so etwas nicht mehr vorkommen wird. Er wird sich überraschen lassen müssen; jedes Mal, wenn sein Pager wieder piepst.
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