Professor Marc Redepenning leitet den Lehrstuhl für Kulturgeografie an der Universität Bamberg. Die Forschungsschwerpunkte des 50-Jährigen liegen unter anderem auf ländlichen Zukünften, lokale Kulturen und der Geografie des Wohlbefindens.
Mit dem Fränkischen Tag hat er exklusiv über das Thema Lebensqualität auf dem Land, speziell in der Region rund um Forchheim gesprochen.
Professor Marc Redepenning im FT-Interview
Herr Redepenning, fühlen Sie sich wohl, wo Sie leben?
Professor Marc Redepenning: Im Großen und Ganzen schon. Ich denke aber auch, dass man sich nie komplett an einem Ort wohlfühlt, letztlich wird es immer Dinge geben, die einen stören.
Ich wohne jetzt seit zehn Jahren in Oberfranken, wir sind damals aus Leipzig zugezogen und schon in eine andere, nicht mehr großstädtische Welt gekommen. Aber das gibt es viel zu entdecken, um sich dann auch wohl zu fühlen.
Lässt sich unsere empfundene Lebensqualität objektiv einfangen?
Ja, wenn es gelingt, der jeweils eigenen Definition und Vorstellung von Lebensqualität auf den Grund zu gehen. Dabei geht es um einen Dreiklang: Mensch als Individuum, soziale Zusammenhänge und der Ort.
Nun könnte man als Mensch sagen, so bin ich und so möchte ich bleiben. Egal, wo ich wohne. Das könnte man tun, aber dann wird es mit dem „wirklich wohlfühlen“ schwierig. Es gibt nur wenige Orte, die genau das bedienen, was ich mir vorstelle.
Ein anderer Weg zu mehr Lebensqualität wäre auch denkbar: Man lässt sich auf die Ortsqualitäten (Naturräume, Gesellschaft, Kultur) ein und passt sich ein Stück weit an. Auch, um den Ort mitzugestalten. Diese Grundhaltungen sind sozialgeografisch wichtig, um das Verhältnis Mensch-Ort-Lebensqualität gut hinzubekommen.
Den für mich richtigen Ort finden: Glückssache oder harte Arbeit?
Selbstreflexive Einsichten sind wichtig. Wer bin und was brauche ich wirklich?
Es gibt unterschiedliche Orte, die jeweils gut in meine Lebensphase reinpassen, zum Beispiel wenn ich als Single gerne weggehe, wenn ich mir als Familie mit Kindern eine mobilitätsinnovative Stadt oder mir als älterer Mensch die Stadt der kurzen Wege wünsche.
Ich habe mein Bedürfnisspektrum und mein Ich – dann muss ich mich erkundigen, wo das am besten umgesetzt wird. Dabei geht es gar nicht zwingend um Stadt oder Land.
Und es ist wichtig, dass dabei immer Unbekannte existieren. Dieses Modell legt zugrunde, dass ich mir meinen Wohnort aus freien Stücken aussuchen kann. Das geht zurzeit ein bisschen einfacher, etwa durch den Fachkräftemangel und den dadurch arbeitnehmerfreundlicheren Arbeitsmarkt.
Aber in vielen Umzugsentscheidungen folge ich dem Jobangebot oder muss mich einem Mietniveau anpassen – das ist mindestens genauso wichtig wie der Ort. Daher ist das nicht mehr eine ganz so freie Entscheidung.
Mobiles Arbeiten und digitale Vernetzung, steht uns modernes Nomadentum bevor?
Das ist ein harter Ausdruck, aber die Daten zeigen deutlich, dass die Häufigkeit von Umzügen steigt. Wir sehen es auch bei unseren Studien: Immer weniger Leute bleiben ein Leben lang an ihrem Ort, die Mobilität hat sich insgesamt vereinfacht und intensiviert.
Wir müssen nur eine oder zwei Generationen zurückschauen: Unsere Eltern und Großeltern sind relativ stabil geblieben. Diese neuen Umzugsmuster bedeuten nicht immer automatisch einen Wegfall von Heimatbindungen, weil wir immer mehr digitale Möglichkeiten haben: Auch aus der Ferne Verbindung in die Heimat halten, ist möglich; es könnte allerdings noch intensiver sein.
In den vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten lag unser Fokus durch die neoliberale Ausrichtung stark auf Arbeitserfolg und dem Aufbau von Vermögen.
Die Generation Z zum Beispiel ist anders – vielleicht lässt die das Nomadentum sogar wieder ein Stück hinter sich. Vielleicht erfahren junge Leute wieder eine engere Ortsbindung, die negative und positive Seiten mit sich bringt.
Vor allem kleinere Orte müssen hoffen, dass Bewohner dableiben. Können die nun wieder hoffen?
Im Dorfleben geht es stark um Engagement und Ehrenamt. Ehrenamtliches Engagement wird wichtiger, weil der Staat sich von vielen freiwilligen Angebote zurückzieht, wie Freibäder oder kultureller Leistungen.
Wir sehen, dass dort, wo dieses Engagement stärker ist, auch die Bindung an den Wohnort tendenziell intensiver ist. Das korreliert auch mit der Wohndauer: Man kennt sich und hat seine Netzwerke. Es entsteht ein Kreislauf. Je länger sie mit einem Ort verbunden sind, desto höher ihre Bereitschaft, sich einzubringen. Das heißt aber nicht, dass sie nicht wegziehen dürften.
Wie meinen Sie das?
Wenn unsere Kinder studieren wollen und können, dann sollten sie wegziehen dürfen, und sie müssen es auch. Gerade für ländliche Räume wäre es hilfreich, wenn man in diesen Zeiten Bande halten kann, so dass sie möglicherweise wieder zurückkommen.
Vielleicht ist dann, gerade mit den doch insgesamt gelungenen Homeoffice-Strukturen, auch eine Rückkehr möglich. Und das kommunale Engagement kann profitieren: Die Zeit, die ich auf der Straße einspare, kann ich beispielsweise ins Ehrenamt investieren.
Haben Kommunen das selbst in der Hand?
Sie können die Rahmenbedingungen setzen. So sind Kümmererstrukturen zu etablieren und frühzeitig Kontakt zu jungen Leuten aufzunehmen.
Das geht zum Beispiel über die Vereine. Und in Kontakt bleiben, zum Beispiel über Social Media oder digitale Vereinstreffen. Die Gemeinde muss sich auf jeden Fall proaktiv verhalten und sich schon früh um die Jugend kümmern.
Auch in Hinblick auf das politische Gemeinwesen, Jugendparlamente einrichten oder zumindest niederschwellige Sprechstunden für Jugendliche etablieren. Da gibt es noch Luft nach oben. Das wird auch nicht auf Knopfdruck funktionieren.
Gute Beziehungen machen glücklich, haben Harvard-Forscher jüngst herausgefunden. Gilt das auch für unsere Lebensqualität?
Laut OECD hat unser Wohlbefinden zwei Säulen, die Lebensqualität (Gesundheit, Work-Life-Balance, Ausbildung und soziale Kontakte) und materielle Dinge (Haus, Jobs, Einkommen).
Wir sehen das in vielen Forschungen, dass dort, wo es gute Unterstützungsnetzwerke etwa für ältere Menschen gibt, die Lebensqualität signifikant höher ist. Aber Glück oder das Glücklich-Sein sind nicht nur an soziale Beziehungen geknüpft, es sind auch andere Faktoren entscheidend, gerade auch die materielle Absicherung oder Gesundheit.
Franken gelten gemeinhin als mufflig. Wieso fällt es uns so schwer, zufrieden mit unserem Umfeld zu sein?
In jeder Region gibt es ein Klagebewusstsein, vieles hängt von unseren Erwartungen und Einstellungen ab. In Franken gibt es objektiv gar nicht so viel Anlass zum Klagen.
Es gibt keine flächendeckenden einschneidenden Krisenerfahrungen wie etwa in den Neuen Bundesländern oder dem Ruhrgebiet. Die Perspektive zählt: Sehe ich die Zukunft als ein Verlust von Vergangenheit oder als Möglichkeitsraum, den ich mitgestalten kann? Und dann können auch Traditionen und Identitäten, von denen man glaubt, dass sie verschwinden, dort ihren Platz finden, angepasst und fit gemacht für zukünftige Herausforderungen. Ich denke da auch an ein nachhaltiges Agieren von uns allen.
Daneben gilt für Franken, dass wir in den vergangenen Jahren durch zahlreiche Marketingmaßnahmen ein klares touristisches Profil aufgebaut haben. Dieses ist vor allem an die Kleinteiligkeit der Region ausgerichtet, manche würden es vielleicht abwertend Provinzialität nennen. Aber ich empfinde das nicht als negativ, ganz im Gegenteil.
Genuss und Handwerk etwa sind in Oberfranken oft noch sehr lokal, es gibt ein breites Angebot relativ kleiner Betriebe. Das mag für manche als rückständig gelten. Wenn wir aber genau diese Rückständigkeit bewahren, haben wir vielleicht einen Schlüssel für Zukunftsfähigkeit. Wir setzen oft auf kleinere Lieferketten und machen uns weniger abhängig als andere Tourismusregionen.
Also leben wir hier tatsächlich so, wie andere gerne Urlaub machen?
Es gibt viele Leute, die hier nie Urlaub machen würden, weil das Angebot hier für deren Erwartungen nicht passend ist.
Es gibt auch viele Leute, die kurze Urlaube machen, aber das Angebot nur bedingt wertschätzen. Aber es gibt auch viele, die genau das wertschätzen, was es hier gibt. Unser Tourismus hat den Vorteil, dass er auf authentische Strukturen aufbauen und in diesen Nischen qualitativ sehr hochwertig entwickelt werden kann.
Zu beachten ist aber, Einheimische nicht gegenüber Touristen zu benachteiligen, denn auch sie treten als Nachfragende auf.
Herr Professor Redepenning, wir danken Ihnen für das Gespräch.
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