Man weiß nicht wann, man weiß nicht wie. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem es kippt. „Mir geht es um die Kinder“, sagt Carola Kulm. „Die haben neue Fahrräder, aber sie fahren nicht damit rum.“ Die Behringersmühler hätten nur noch Angst. Um ihre Kinder, um ihre Frauen. „Aber mir geht es auch um die Frauen und Kinder, die in dem Flüchtlingsheim leben“, sagt Kulm. „Sind die da wirklich sicher?“
Bei Kulm und ihren Nachbarn Alexander Wolf und Dieter Brandes markiert der 13. Oktober den Wendepunkt, seit dem sie das alles nicht mehr einfach hinnehmen wollen. Am späten Nachmittag geht da eine 39-Jährige an der Wiesent spazieren, als sich von hinten ein Fahrradfahrer nähert.
Laut dem Polizeibericht schlägt der Radfahrer der Frau auf den Hintern, hält an, fasst ihr an die Brüste. Sie fühlt sich sexuell bedrängt, rennt davon, sucht bei den Einwohnern von Behringersmühle Schutz. Die sind entsprechend entsetzt – auch, weil der mutmaßliche Täter immer noch frei im Ort herumläuft.
„Früher standen hier alle Häuser offen“, sagt Alexander Wolf. „Niemand hat sein Auto abgeschlossen.“ Doch früher, das war eine andere Zeit. Seit die Eisenbahn von Forchheim bis Behringersmühle fuhr, wurde der Ort als Ferienziel immer beliebter. Die wilde Wiesent, die Felsen, die im Herbst bunt leuchtenden Wälder: Die Landschaft rund um Behringersmühle erfüllt alle romantischen Klischees mustergültig, manche nannten den Ort auch die „Perle der Fränkischen Schweiz“.
Doch seit wann droht Behringersmühle seinen Glanz verlieren? Seitdem die Deutsche Bahn nicht mehr mit dem Zug hierherfährt? Seitdem Behringersmühle nach Gößweinstein eingemeindet wurde? Seitdem Billigflieger die Menschen für ein paar Euro auf Mittelmeerinseln bringen?
Ehemaliges Gemeindehaus nach Brand nicht saniert
Für Alexander Wolf, der seit Jahren als Selbstständiger in der Immobilienbranche arbeitet, begann der Niedergang mit dem Brand im ehemaligen Gemeindehaus. Dort war früher die Gemeindeverwaltung, später das Tourismusbüro untergebracht. Die Feuerwehr parkte da ihren Spritzenwagen und Beschäftigte aus den umliegenden Hotels und Gaststätten wohnten in von der Gemeinde vermieteten Wohnungen.
Doch nach dem Feuer wurde das Haus von der Gemeinde nicht wieder saniert. Stattdessen wurden die Fenster verrammelt, dann stand es jahrelang leer. Vor gut zwei Jahren hat die Gemeinde das Haus dann für 60.000 Euro verkauft.
Für Wolf ein klarer Fehler. Er rechnet vor: Kaufnebenkosten, Sanierungskosten, Zinsen, die erwartbare Miete: „Da ist doch klar, dass da nicht viel passieren wird und man einen Brennpunkt schafft.“ Seiner Meinung nach hätte die Gemeinde das Haus besser selbst saniert und weiter vermietet.
In einer ehemaligen Pension sind jetzt Bauarbeiter auf Montage die neuen Gäste
Ein paar Meter weiter stehen auf den Fensterbrettern einer ehemaligen Pension leere Bierflaschen. Die Wäsche, die jemand zum Trocken übers Geländer gehängt hat, ist vom Regen längst schon wieder nass. Nebenan wohnt Dieter Brandes. Früher hat er im Ort eine Bäckerei betrieben, gerade gibt er altes Bäckerwissen über fränkisches Brot an Kollegen in Südamerika weiter.
„Links und rechts von mir herrscht nur noch Chaos“, sagt er am Telefon. „Alle paar Tage kommt die Polizei vorbei. Da ist ständig laute Musik.“ Sowohl im alten Gemeindehaus als auch in der ehemaligen Pension seien jetzt immer wieder Bauarbeiter auf Montage untergebracht. Inzwischen fürchtet Brandes auch darum, dass sich seine Feriengäste nicht mehr erholen können. Das Haus ist frisch saniert, im Internet bewirbt Brandes die Wohnungen liebevoll als Feriendomizil mit Vintage-Charme. Die Bewertungen sind ausgezeichnet. Noch?
Bürgermeister weist die Schuld von sich
Gößweinsteins Bürgermeister Hanngörg Zimmermann (Freie Wähler) kann den Unmut ein Stück weit nachvollziehen. „Wenn ich da wohnen würde und die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte beobachten würde, dann wäre ich auch nicht zufrieden“, sagt er am Telefon.
Die Schuld am Niedergang weist er aber von sich. Die Gemeinde habe viel für den Fremdenverkehr getan, doch im Ort seien nur wenige der alten Häuser saniert. Auch das präge das Ortsbild. Bei den aktuellen Problemen sei ebenfalls die Dorfgemeinschaft gefragt: „Sie muss Lösungen finden. Da muss man auch mal miteinander sprechen.“
Er als Bürgermeister könne sich in Nachbarschaftsstreitigkeiten nicht einmischen. Auch sei er schon häufiger mit Vorwürfen konfrontiert worden, die sich dann als unwahr herausgestellt hätten. Bei Facebook habe er sich inzwischen abgemeldet, nachdem ein Shitstorm über ihn hereingebrochen war, als er den Bolzplatz in Behringersmühle Bauunternehmen als Abstellfläche zur Verfügung gestellt hatte. Die sanieren gerade die Straße hoch nach Gößweinstein. Seit dem Unwetter im Sommer ist sie gesperrt.
Extrem konservativ
Doch das, was viele eigentlich störe, wollten sie, so Zimmermann, nicht offen aussprechen. „Die Menschen hier sind extrem konservativ“, sagt er. Die Ampelparteien kamen bei der Landtagswahl im Dorf zusammen auf gerade mal 8,2 Prozent. „Dann heißt es, man sei ja nicht rechtsradikal, aber die Ausländer will man in ganz Gößweinstein nun nicht unbedingt haben.“
Carola Kulm wohnt direkt neben dem Altenheim, in dem jetzt 300 Flüchtlinge leben. Sogar in der ehemaligen Kapelle seien welche untergebracht. Früher ist sie da immer zum Gottesdienst hin, zusammen mit den Heimbewohnern. Jetzt läuten nicht mal mehr die Glocken.
Lesen Sie auch:















