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Flucht vor dem Krieg
Zwischen Ankommen in Forchheim und Heimkehr in die Ukraine
Olena Sergijtschuk ist mit ihren beiden Söhnen Wowa (rechts) und Juri aus der Ukraine geflüchtet.Forchheim & Fränkische Schweiz
Olena Sergijtschuk ist mit ihren beiden Söhnen Wowa (rechts) und Juri aus der Ukraine geflüchtet. // Verena Stephan
Signet des Fränkischen Tags von Liliana Wopkes
Forchheim – Olena Sergijtschuk ist vor einem Jahr mit ihren Kindern aus der Ukraine geflohen. In Forchheim fand sie einen geschützten Raum zum Warten auf die Heimkehr.

Jürgen Leppert sitzt in seinem Garten und pustet Seifenblasen in die sonnige Frühlingsluft. Direkt neben ihm zupft eine junge, schlanke Frau kaum sichtbares Unkraut aus einem Beet, welches sie sorgsam auf die kommende Saison vorbereitet hat. Zwischen den beiden hüpft der kleine Wowa und versucht zumindest eine Seifenblase zu erwischen.

Dieses Bild wirkt nicht nur aus der Ferne entspannt. Die Drei pflegen, auch aus der Nähe betrachtet, einen natürlichen Umgang miteinander, den nur Menschen haben, die sich verstehen.

Die junge Frau ist die Ukrainerin Olena Sergijtschuk, die seit fast einem Jahr mit ihren beiden Söhnen im Haus der Familie Leppert wohnt. Später, am großen Familienesstisch, erzählt sie von der Zeit, als sie und die Kinder ihr Zuhause verlassen mussten.

Sie gehen bereits kurz nach Kriegsbeginn. Ihr Zuhause liegt nahe bei Kiew und die russischen Soldaten sind auf dem Weg dorthin. Olena Sergijtschuks Mann ist zu dem Zeitpunkt 300 Kilometer weit weg von zu Hause, um seinen kranken Vater zu pflegen.

Dort überraschen ihn die ersten russischen Angriffe und er rät seiner Frau mit den beiden Jungen zu fliehen. Wowa – eigentlich Wolodymyr – ist zu dem Zeitpunkt neun Monate, sein Bruder Juri sieben Jahre alt. Olena möchte zunächst zu ihrem Mann fahren, weil sich die Lage dort vorerst beruhigt und weil „es zusammen nicht so schwer ist“. Allerdings gibt es bereits keine passenden Zugverbindungen mehr. Zu ihren Eltern kann sie auch nicht fahren, die Region ist besetzt, vieles zerstört.

Nur wenige Fluchtoptionen bleiben

Olena Sergijtschuk formuliert ihre deutschen Sätze sorgfältig, bei schwierigeren Passagen wechselt sie ins Englische. Ab und zu wirkt sie leicht frustriert über ihre partielle Sprachlosigkeit und der Unmöglichkeit auch das zu erzählen, was nur angedeutet werden kann. Jürgen Leppert hilft, wenn er darum gebeten wird. Ansonsten gewährt er der jungen Frau den nötigen Raum zum Nachdenken und Formulieren.

Während die Fluchtoptionen für die junge Familie abnehmen, fährt Pfarrer Matthias Steffel aus Hallerndorf mit einem Bus voller Hilfsgüter in die Ukraine. Auf der Rückfahrt möchte er so viele Menschen wie möglich mitnehmen.

Darunter sind auch Olena Sergijtschuk und ihre Kinder. Am 15. März 2022 kommen sie hier an. „Wir bekamen die Anfrage, ob wir uns vorstellen können, eine Familie aufzunehmen“, erzählt Jürgen Leppert. Das konnten sie. Und nicht nur, weil sie den nötigen Platz dafür hatten.

Das Paar sieht es als eine Pflicht zu helfen: „Vor 80 Jahren haben wir auch etwas ausgelöst. Und das hier ist wie ein bisschen zurückgeben.“ Ein Glücksfall in allem Unglück, dass sich diese beiden Familien gefunden haben. „Olena und die Kinder sind für uns wie eine Familienerweiterung“, sagt er.

Ein Kind zwischen zwei Welten

Ist Olena Sergijtschuk hier ein bisschen angekommen, innerlich? Ein bisschen schon, sagt sie. Das Bisschen, welches möglich ist, wenn man lieber gestern als heute wieder zurück nach Hause fahren möchte und Angst um seine Lieben hat.

Am Anfang dachte sie, „in ein bis drei Monaten sind wir wieder zu Hause“. Wenn man das denkt, kann jeder weitere Tag sehr lang sein. „An manchen Tagen plagt sie das Heimweh sehr“, erzählt Jürgen Leppert. „Aber sie hat mir einmal gesagt, sie hätte hier eine neue Familie gefunden. Das ist ein bisschen wie ankommen, nicht?“

Die beiden Kinder spiegeln die familiäre Situation und den Gefühlszustand der Mutter ziemlich gut. Dem kleinen Wowa ist die Ukraine fremd, genau wie es sein Vater und seine Großeltern für ihn teilweise sind. Sie kennt er eigentlich nur vom Bildschirm. Auch sein erstes Wort war nicht Ukrainisch, es war „nein“ und dann „tatütata“. Der Alltag mit den Lepperts, die gemeinsamen Ausflüge, das Spielen im Garten – Wowa ist der Teil der kleinen Familie, der angekommen ist.

Der Wunsch nach Heimkehr

Juris Leben ist komplizierter. Er kann sich durchaus an zu Hause erinnern, an die Großeltern und den Vater. Er zählt mit Tränen in den Augen die Monate, seit sie sich nicht gesehen haben, und möchte zurückfahren. Und weil auch die Mutter hofft, dies tun zu können, besucht Juri zwei Schulen – die Martinschule am Vormittag und seine ukrainische Schule online am Nachmittag.

Zeit für Freunde bleibt kaum.Juri symbolisiert wohl eher den Teil der Familie, der noch nicht angekommen ist und die Hoffnung, rasch zurückfahren zu können, um dann nahtlos auch mit der Schule weiterzumachen.

Am Ende des Gespräches holt die Mutter Juri kurz aus dem ukrainischen Unterricht. Er hat gerade Sport. Letzte Woche haben sie tanzen gelernt. Denn die besseren Zeiten werden sicher kommen.

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