Bahnausbau, Tarifkonflikte, Verspätungen - über den Zugverkehr in Deutschland lässt sich viel sprechen. Einer, der das gerne tut, ist Siegfried Lemmer. Der Elektroingenieur engagiert sich seit Eintritt in den Ruhestand beim Fahrgastverband Pro Bahn, ist Mitglied im Vorstand des Landesverbandes Bayern und Sprecher für das nördliche Mittelfranken.
Interview mit Siegfried Lemmer, Vorstandsmitglied Fahrgastverband Pro Bahn Bayern
Herr Lemmer, wer reist, kann was erleben. Das gilt besonders für den Zugverkehr, langjährige Schienenpendler wissen das. Sie sind heute mit der Bahn gekommen. Erzählen Sie mal.
Siegfried Lemmer: Meine S-Bahn war pünktlich, also volle Punktzahl. Aber: Es hätte einen Regionalexpress gegeben, sieben Minuten früher. Bis kurz vor der planmäßigen Abfahrt wurde er als pünktlich angekündigt. Nach einigen weiteren Minuten kam die Ansage: 20 Minuten später. Das gehört leider immer dazu. Ich habe heute aber Glück gehabt.
Viele Zugreisende haben das Gefühl, dass eine reibungslose Bahnfahrt Glückssache ist. Haben sie recht?
Das System ist bedauerlicherweise über die Jahre schlechter geworden. Das wird jetzt noch mit Winterproblemen und Streiks überdeckt. Wenn ich als Privatmann nun einen Urlaub plane, muss ich mich aktuell schon fragen, ob ich die Bahn dafür nehmen kann. Diskutiert werden immer Verspätungen, das ist auch ein großes Thema. Ein Drittel der Fernverkehrszüge sind unpünktlich. Dazu kommt noch: es fallen auch viele Züge aus. Und die tauchen in dieser Statistik gar nicht auf.
Marode Schienen und die vielen Baustellen gelten als die Haupttreiber der vielen Verspätungen. Wie ließe sich das Problem auflösen?
Baustellen sind die Folge von vernachlässigter Infrastruktur. Der Bund als Eigentümer des Schienennetzes hat der Bahn viel Freiheit im Wirtschaften gelassen und keine klaren Ziele gesetzt. Das Unternehmen Bahn hat im Sinne seiner wirtschaftlichen Randbedingungen das Schienennetz vernachlässigt. Kürzlich gab es die Diskussion über nachträgliche Bonuszahlungen für 2022 für die Top-Manager. Auch Ronald Pofalla, damals zuständig für die Infrastruktur, hat wohl eine Zielerreichung von 200 Prozent bestätigt bekommen. Da fragt man sich, welches Ziel der Aufsichtsrat vorgegeben hat. Und wie wurde dies verifiziert? Wir haben also einen erheblichen Nachholbedarf bei der Infrastruktur, was zu vielen Baustellen führen wird.
Wir bei Pro Bahn sehen das Problem nicht nur in der Zahl der Baustellen, sondern auch im Management der Baustellen. Fahrgäste müssen sich viel zu oft auf kurzfristig verkündete Baustellen einstellen. Es ist übel, dass wir erstens mehr Baustellen haben, und zweitens feststellen, dass die Organisation dieser Baustellen schlechter wird.
Vor den Haustüren in Forchheim tut sich seit ein paar Jahren immerhin etwas: Die Arbeiten des Mammutprojektes VDE 8, der Ausbau von 515 Kilometern Schiene zwischen Nürnberg und Berlin, gehen voran. Wie bewerten Sie den aktuellen Fortschritt?
Es ist schön, dass wir durch den Ausbau bessere Verbindungen haben – im Fernverkehr und im Nahverkehr. Zwischen Nürnberg und Bamberg fahren zwei Regionalexpress-Züge pro Stunde, die S-Bahnen fahren weitgehend pünktlich. Der Ausbau hat sich über lange Zeit hingezogen, in der Zeit hat es viele Probleme gegeben. Das alles steht der Region um Bamberg nun bevor, wo der viergleisige Ausbau erst beginnen wird. Auch der zweigleisige Abschnitt zwischen Eltersdorf und Fürth wird noch lange so bleiben.
Fachkräftemangel – auch ein Problem für die Bahn?
Personalengpässe, etwa bei der Instandhaltung und in den Stellwerken, sind große Probleme. In manchen Gegenden, zum Glück noch nicht in Franken, fahren wegen unbesetzter Stellwerke ab 18 Uhr oder am Wochenende keine Züge mehr. Fehlendes Personal verschlimmert auch die Lage bei der Baustellenorganisation weiter.
Was, denken Sie, kommt auf Bahnreisende in diesem Jahr noch zu?
Das ist eine gute Frage. (lacht) Wir müssen diesen Tarifkonflikt endlich lösen. Wobei ich gerade nicht sehr optimistisch bin. Der Bahnkonzern hat der GDL ein paar gute Vorlagen gegeben, die GDL wiederum lehnt eine Schlichtung ab und der neue Streikaufruf ab dem 24. Januar für sechs Tage, der bewusst auch ein Wochenende einschließt und damit auf Privatreisende zielt, ist nicht gerade ein Zeichen von Verhandlungsbereitschaft.
Bei wem würden Sie hier die Hauptverantwortung sehen?
Es ist schwierig, mit dem Finger auf einen zu zeigen. Es gibt auf der einen Seite einen wenig kompromissbereit auftretenden Vorsitzenden der GDL, für den dieser Tarifkonflikt ein Endspiel ist, einen Kampf um Mitglieder zwischen zwei Gewerkschaften und einem Bahnkonzern, dessen Verhalten der Gewerkschaft Argumente liefert, die die Streikbereitschaft befeuern. Aber es muss ja trotzdem eine Lösung gefunden werden.
Frustriert zurück bleiben die Bahnkunden …
… weil da ein Machtkampf auf dem Rücken der Fahrgäste ausgetragen wird, ja. Helfen könnten verlässliche Streikfahrpläne, wie es in anderen Ländern üblich ist. Problematischer wird es noch, wenn auch Fahrdienstleiter auf den Stellwerken, die der GDL angehören, streiken. Fällt eins aus, sperrt das womöglich die gesamte Strecke.
Nun wird bei der Bahn laut dem neuen Haushalt der Bundesregierung wieder eingespart. Heißt?
Es gibt zwei Töpfe, auf die man schauen muss. Für unseren Nahverkehr hier interessant sind die Regionalisierungsmittel. Also das Geld, das die Länder vom Bund bekommen, um den Nahverkehr zu finanzieren. Jetzt wird das Vorhalten des Bahnbetriebs teurer, Energiekosten, Tariferhöhungen und so weiter. Die Regionalisierungsmittel steigen aber nicht im gleichen Maße, werden sogar noch gekürzt. Bayern muss jetzt also überlegen, wo es das Geld herbekommen will: Entweder eigenes Geld zuschießen oder das Zug-Angebot im Freistaat reduzieren. Das würde sich natürlich mit dem Ziel einer Verkehrswende beißen.
Was könnte das für unsere Region konkret bedeuten?
Auf schwächer genutzten Strecken könnten die Takte an Sonntagen ausgedünnt werden oder es führen abends keine Züge mehr. Im schlimmsten Fall könnten manche Strecken ganz wegfallen.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden bereits viele Strecken stillgelegt, etwa zwischen Forchheim und Hemhofen und zwischen Gasseldorf und Heiligenstadt. War das ein Fehler?
In dünn besiedelten Gebieten ist Schienenverkehr schwierig. Er muss mindestens im Stundentakt fahren, besser im Halbstundentakt, dass er auch genutzt wird. Es mag sicher ein paar Kandidaten für eine Reaktivierung geben; aber unter anderem wegen fehlender Finanzmittel steht der Freistaat da aktuell auf der Bremse.
Sie sprachen von zwei Finanzierungstöpfen. Was meinen Sie noch?
Erneuerung der Infrastruktur. Es gibt das Problem, dass es immer nur kurzfristige Zusagen gibt, das setzt auch die Bauunternehmen unter Druck. Die brauchen Planungssicherheit über längere Zeiträume, damit sich zum Beispiel Investitionen in Baumaschinen rechnen. Zu tun wäre genug, aber bei der Finanzierung denken wir leider maximal in Legislaturperioden.
Also brauchen wir ein Sondervermögen Bahn.
Das wäre vielleicht eine Lösung. (lacht)
Stichwort Finanzierung: Ab Mai könnte das Deutschlandticket teurer werden, sollten Bund und Länder sich nicht auf eine gemeinsame Finanzierung einigen. Wie geht es da weiter?
Das wird sich auf den letzten Drücker zeigen. Das Deutschlandticket ist in dieser Diskussion um die Regionalisierungsmittel finanziell eine Belastung. Auf der Ausgabenseite ist es schwieriger geworden, zugleich sind durch dieses Ticket erheblich Einnahmen weggefallen. Das kann dazu führen, dass dieses Ticket dann teurer wird.
Teurer? Hatten wir in Deutschland nicht einmal über kostenlosen ÖPNV diskutiert?
Angesichts der Haushaltslage steht das aktuell nicht zur Diskussion. Wenn ich jemanden frage, ob er Freibier möchte, sagt er Ja. Das ist beim kostenlosen ÖPNV genauso. Es wird aber eine Leistung in Anspruch genommen, die Geld kostet. Man sollte sich überlegen, wofür man das Geld ausgeben will: Zur Senkung der Preise oder zum Ausbau von Infrastruktur und Angebot.
Stellen Sie sich vor, sie wollen auf einer Grillfeier einen Gast davon überzeugen, dass ÖPNV trotz allem die Mobilitätsform der Zukunft ist. Was würden Sie ihm sagen?
Wir müssen schließlich unsere Klimaziele erreichen: Der Energieverbrauch, einen Menschen Forchheim nach Berlin zu bringen, ist im Zug deutlich geringer, als im Auto. Zusätzlich kann in Städten eine verbesserte Lebensqualität erreicht werden, wenn der Individualverkehr reduziert wird.
Abschließend sollte gesagt werden: Wir reden viel über Probleme. Aber es gibt auch vieles, das bei der Bahn funktioniert. Engagiertes Personal zum Beispiel. Wir sind weit vom Idealfall weg, aber es ist nicht alles schlecht bei der Bahn, wie es manchmal klingt.
Herr Lemmer, wir danken Ihnen für das Gespräch.
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