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Mobilität zu Fuß
Warum gibt es Trampelpfade in Forchheim und wohin gehen sie?
Einer der schönsten Trampelpfade in Forchheim führt vom Parkplatz der Firma Weber & Ott zum Eingang des Fabrikverkaufs an der Bayreuther Straße.
Einer der schönsten Trampelpfade in Forchheim führt vom Parkplatz der Firma Weber & Ott zum Eingang des Fabrikverkaufs an der Bayreuther Straße. // Martin Regner
Forchheim – Sie sind unverzichtbar für das Vorwärtskommen in der Stadt und im Wortsinne eine Abstimmung mit den Füßen: Trampelpfade. Wo und warum sie entstehen, ist eine Wissenschaft für sich. Eine Spurensuche in Forchheim.

Ein Paradebeispiel dafür, wie die Planung öffentlicher Plätze und Wege misslingen kann, ist der Pendlerparkplatz auf der Ostseite des Forchheimer Bahnhofs. Zwischen der Parkfläche einerseits und dem Gehsteig an der Bayreuther Straße sowie der Fußgängerunterführung zu den Gleisen andererseits gibt es gleich drei für Fußgänger vorgesehene, schön gepflasterte Wege. Doch ein Blick auf das eigentlich als Grünfläche geplante Rechteck direkt vor dem Eingang zur Unterführung zeigt, wo die Leute zwischen ihren Autos und dem Bahnhof tatsächlich unterwegs sind. 

Eigentlich als Grünfläche geplant erweist sich dieser Bereich vor der Unterführung als faktischer Hauptweg vom Pendlerparkplatz zum Bahnhof.
Eigentlich als Grünfläche geplant erweist sich dieser Bereich vor der Unterführung als faktischer Hauptweg vom Pendlerparkplatz zum Bahnhof. // Martin Regner

Nämlich querfeldein, so dass auf der „Grünfläche“ kaum noch ein Grashalm wächst. Stattdessen handelt es sich faktisch um eine „Braunfläche“ aus nackter Erde, die im Winter und bei Regen aufweicht und schmierig wird. Jetzt könnte man fragen: Warum wird nicht einfach der Weg, den die Leute offensichtlich benutzen wollen, ordentlich befestigt? Darauf antwortet für die Stadt Forchheim, der der Pendlerparkplatz gehört, ihr Oberbürgermeister Uwe Kirschstein: „Hier ist es wichtig, dass Wege durch die Stadt Forchheim barrierefrei hergestellt werden“.

KI hilft schon bei der Wegeplanung

Soll heißen: Wenn sich die Stadt dazu entschließen würde, den direkten Weg zwischen Parkfläche und Unterführung beispielsweise zu pflastern, dann müsste in Folge des vom Oberbürgermeister zitierten Grundsatzes der Randstein abgesenkt werden, damit der neue Weg auch barrierefrei benutzbar wird. Und dann, so Kirschstein weiter, würde der neue Weg vermutlich „aufgrund des hohen Parkdrucks selbst als Stellplatz missbraucht“ werden. Das sei dann auch keine Lösung für die Leute auf dem Weg zum Bahnhof, so Kirschsteins Resümee.

„Weiter gehe ich fest davon aus, dass bei Schnee und Nässe die Menschen (weil sie eben trockenen Fußes zur Bahn kommen wollen) dann doch den vorbereiteten Weg direkt nebenan nutzen“, schreibt der Oberbürgermeister weiter. Denn Trampelpfade seien in der Regel „Schön-Wetter-Abkürzungen“. Nichtsdestotrotz fänden bereits Künstliche Intelligenz (KI) und Simulationen der Laufwege Eingang in die Landschafts- und Stadtplanung und „dies ist ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess, dem auch die Stadt Forchheim offen gegenübersteht“.

25 Prozent ist die entscheidende Zahl

Dazu, wo und warum Trampelpfade entstehen, gibt es tatsächlich wissenschaftliche Untersuchungen. Ein Name, der in diesem Zusammenhang immer wieder auftaucht, ist der des Physikers Dirk Helbing, der das Thema erforscht hat. Laut seinen Erkenntnissen ist die Zahl 25 Prozent maßgeblich dafür, ob ein Trampelpfad entsteht oder nicht. Wenn der offiziell vorgesehene Weg nämlich einen Umweg von weniger als 25 Prozent im Vergleich zur direkten Strecke zwischen zwei Punkten bedeutet, dann wird dieser Umweg zumeist in Kauf genommen. Das heißt umgekehrt: Verspricht die Abkürzung durch die Wiese eine Wegeinsparung von mehr als 25 Prozent, entsteht dort mit großer Wahrscheinlichkeit ein Trampelpfad.

Wegeplaner, die sich trauen, das gerade Lineal zur Seite zu legen, können diese Abstimmung der Leute mit den Füßen sogar für sich fruchtbar machen, wenn es darum geht, ein Gelände neu zu überplanen. So wurde es etwa in den 1970er-Jahren von der Universität von Oregon in den USA erprobt: Damals säte man zu Beginn der Planung den gesamten Campus mit Rasen ein. Mit der Zeit zeigte sich, wo die Studenten tatsächlich unterwegs waren, nämlich da, wo sich Trampelpfade gebildet hatten. In der Konsequenz wurden dann diese quasi auf natürlichem Weg gefundenen Strecken ordentlich befestigt.

Ein Trampelpfad ist Schwarmintelligenz

Aus den Erkenntnissen von Dirk Helbing über Trampelpfade lässt sich – abgesehen von den 25 Prozent Wegersparnis – noch eine weitere Schlussfolgerung für die Stadtplanung ableiten: Wege sollten sich nicht im rechten Winkel kreuzen. Was sie im real existierenden Städtebau aber häufig tun, wenn man sich etwa öffentliche Grünanlagen mit wachem Blick anschaut wie den Park zwischen der Ritter-von-Traitteur-Schule und dem Friedhof in Forchheim. Wenn sich Trampelpfade treffen, dann ergibt sich statt des 90-Grad-Winkels nämlich häufig eine Y-förmige Gabelung. Auch Ecken werden häufig durch kurze Trampelpfade abgekürzt.

Musterbeispiel für die Trampelpfad-Regel "Ecken werden abgekürzt" aus dem Park zwischen der Ritter-von-Traitteur-Schule und dem Friedhof.
Musterbeispiel für die Trampelpfad-Regel "Ecken werden abgekürzt" aus dem Park zwischen der Ritter-von-Traitteur-Schule und dem Friedhof. // Martin Regner

Eine rechtwinklige Kreuzung – das Ideal vieler Städteplaner, weil sie sich leicht zeichnen lässt – entspricht offenbar nicht dem natürlichen Bewegungsdrang des Menschen. Oder um es mit Helbings Worten aus einem Interview im SZ-Magazin zu sagen: Trampelpfade entstehen dann, wenn Menschen das Gefühl haben, dass die vorhandenen Wege nicht gut genug sind. Sie stellen also keineswegs eine Verschlechterung des öffentlichen Raums dar, auch wenn sie zumeist unansehnlich sind. Sondern sie können, wenn man so will, eine effiziente Optimierung der Fußwege durch eine Stadt sein.

An der Einmündung der Hainstraße in die Hainbrunnenstraße hat die Stadt Forchheim (ob willentlich oder nicht) alles richtig gemacht: Der Fußweg nach links zweigt Y-förmig ab, so wird  die Entstehung eines Trampelpfads vermieden.
An der Einmündung der Hainstraße in die Hainbrunnenstraße hat die Stadt Forchheim (ob willentlich oder nicht) alles richtig gemacht: Der Fußweg verzweigt sich Y-förmig - so wird die Entstehung eines Trampelpfads vermieden. // Martin Regner

Heute im digitalen Internetzeitalter ist viel von der Schwarmintelligenz die Rede, also von der Entscheidungsfindung auf Grundlage dezentraler, selbstorganisierter Systeme. Ein Trampelpfad ist genau das: Eine unbestimmte Vielzahl von Menschen sucht sich den für sie optimalen Weg und dieser manifestiert sich dadurch, dass er von vielen Menschen immer wieder benutzt wird. Denn ein Weg, den nur einzelne Menschen sporadisch begehen, wird nicht zum Trampelpfad. Die Natur holt sich selten benutzte Wege schnell wieder zurück. Wo kaum jemand läuft, überwuchern Gräser und Gebüsche schnell wieder alles.

Nicht zuletzt haben Trampelpfade auch eine rechtliche Dimension. Denn es ist die Frage, wer dafür zuständig ist, wenn dort zum Beispiel jemand stolpert, stürzt und sich verletzt? Und die Wahrscheinlichkeit dafür ist auf Trampelpfaden besonders hoch, denn sie können bei Nässe nicht nur schnell rutschig werden. Es lauern auf ihnen auch aus dem Boden ragende Steine oder Wurzeln als Stolperfallen und sie sind für gewöhnlich buckelig und uneben.

Für Verkehrssicherung ist der Eigentümer zuständig

„Es gibt keine grundsätzliche Regelung zum rechtlichen Status von Trampelpfaden. Es handelt sich hier nicht um eine öffentliche Straße im Sinne des Bayerischen Straßen- und Wegegesetzes“, teilt das Bayerische Verkehrsministerium dazu auf Nachfrage mit. Und weiter in schönstem Bürokratendeutsch: „Trampelpfade können aber durch die tatsächliche Ermöglichung der Nutzung für den allgemeinen Fußgängerverkehr zu einem sogenannten tatsächlich-öffentlichen Weg werden“.

Für die Verkehrssicherung, so das Ministerium weiter, sei grundsätzlich der Eigentümer der Fläche zuständig, auf der sich ein Trampelpfad befindet. Im Falle des Forchheimer Pendlerparkplatzes auf der Ostseite des Bahnhofs ist das also die Stadt Forchheim. Auch dazu, ob man Trampelpfade im Nachhinein legalisieren sollte, indem man sie befestigt, hat das Verkehrsministerium eine Meinung: „Ganz grundsätzlich ist in Bayern bei Bau und Unterhalt von Straßen mit Grund und Boden sparsam umzugehen. Die Flächeninanspruchnahme ist in Abwägung insbesondere mit den Notwendigkeiten der Sicherheit und Leichtigkeit des Verkehrs sowie der Schonung von Natur und Landschaftsbild so weit wie möglich zu begrenzen“.

Heißt also in logischer Konsequenz: Im Zweifelsfall könnte man einen einmal entstandenen Trampelpfad durchaus später befestigen. Wenn man dann versiegelte Flächen sparen will, bräuchte man nur den vorher gepflasterten Weg daneben, den ja doch keiner benutzt, wieder herausreißen und begrünen.

Corona machte Baupläne zunichte

Diesen Weg will allerdings die Firma Weber & Ott, auf deren Außengelände der im Titelbild gezeigte Trampelpfad zwischen dem Parkplatz des Unternehmens und dem Eingang zum Fabrikverkauf an der Bayreuther Straße verläuft, nicht beschreiten. Wie eine Sprecherin des Unternehmens auf Nachfrage erklärt, habe man das Thema zwar bereits in Erwägung gezogen und es habe schon vor Corona Planungen und Kostenvoranschläge für das Pflastern des Weges gegeben.

Die Realisierung der Wegbefestigung sei dann aber in der Coronakrise verschoben und auch danach nicht mehr verwirklicht worden. Einen frommen Wunsch äußert die Unternehmenssprecherin in diesem Zusammenhang allerdings noch: „Es gibt ja einen ordentlichen Weg außen herum“, diesen könnten die Kunden gerne benutzen. Eine womögliche Absperrung des Trampelpfads verspräche übrigens keine Lösung. Denn – und auch das ist eine Erkenntnis aus der Praxis – wenn ein Trampelpfad abgesperrt wird, entsteht meistens ein neuer. Neben der Absperrung. 

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