Es dürfte eine Entscheidung von seltener wirtschaftlicher Strahlkraft sein: Nach monatelangen Spekulationen hat die Siemens AG am Mittwoch, 12. November, verkündet, weitere 30 Prozent ihrer Anteile an Siemens Healthineers und damit auch die Mehrheit am Tochterunternehmen abgeben zu wollen.
Für Forchheim, wo Healthineers Computertomographen produziert und mit 4000 Angestellten mit Abstand größter Arbeitgeber ist, könnte diese Entscheidung weitreichende Folgen haben. Aber auch die weitere Region ist von Siemens und Healthineers abhängig, wenn man bedenkt, dass Siemens mit 25.000 Stellen Erlangens größter Arbeitgeber ist und der neue Bau von Healthineers für acht Millionen Euro ordentlich Gewerbesteuern in Röttenbachs Kassen spülen wird.
Forchheims größter Arbeitgeber: Siemens stößt Healthineers ab
Wie also blickt die Region nun auf die neue Entwicklung? „Wir haben das im Vorfeld sehr stark diskutiert“, sagt Nick Heindl von der IG Metall auf Nachfrage von fraenkischertag.de. Doch Siemens stelle sich neu auf und die Abspaltung sei ein „plausibler Schritt“ in der neuen One-Tech-Strategie des Unternehmens. Die Arbeitnehmervertretung habe sich „intensiv damit auseinandergesetzt“.
„Der Grundsatz ist plausibel. Aber wir haben der Trennung nur unter tragfähigen Bedingungen zugestimmt“, so Heindl weiter. „Uns war es wichtig, dass im Trennungsprozess die Interessen der Belegschaft berücksichtigt werden.“
IG Metall: Abspaltung soll Mitarbeitern nicht schaden
Auch Dorothea Simon, Mitglied der Aufsichtsräte der Siemens AG und der Siemens Healthineers AG sowie Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats der Siemens Healthineers AG, schätzt die Situation ähnlich ein. „Wir können der Argumentation des Siemens-Vorstandes zwar folgen, ihr aber als unmittelbar Betroffene eigentlich emotional nicht zustimmen, denn wir würden es lieber sehen, dass die Siemens AG Mehrheitsaktionär bleibt“, so Simon. Da dies nicht umsetzbar sei, habe man sich „voll dafür eingesetzt“, „optimale Bedingungen für die Beschäftigten und ihre Mitbestimmung zu gewährleisten“.
Die IG Metall habe laut Heindl also ein Eckpunktepapier aufgesetzt, das zwar noch final verhandelt werden müsse, dem die Siemens AG aber grundsätzlich zugestimmt habe. Das Papier soll unter anderem die Tarifbindung bei Healthineers sowie deren Sitz in Deutschland sichern. Auch ein Standort- und Beschäftigungsschutz, ähnlich der für die Siemens AG geltenden Vereinbarung „Radolfzell II“, soll für Healthineers umgesetzt werden.
Healthineers sieht neue Selbstständigkeit positiv
Healthineers selbst „begrüße“ die Entwicklung, wie eine Sprecherin des Unternehmens auf Nachfrage mitteilt. Noch bei der eigenen Jahrespressekonferenz Anfang November hatte Healthineers-CEO Bernd Montag auf eine Entscheidung gedrängt und Klarheit gefordert. Diese schätze das Unternehmen nun. „Das ist eine gute Nachricht für Siemens Healthineers. Wir setzen damit unseren Weg zu einem vollkommen unabhängigen Unternehmen fort, den wir mit unserem Börsengang im Jahr 2018 begonnen haben“, so Montag.
Auch die Belegschaft von Healthineers habe die Neuigkeit am Mittwochabend erfahren. Auf die Frage nach der Stimmung im Betrieb schreibt die Unternehmenssprecherin: „Die Neuigkeit ist noch frisch.“ Die ersten Reaktionen seien jedoch durchaus positiv. „Wir haben zudem eine Intranetseite eingerichtet, in der wir Mitarbeitende auf dem Laufenden halten und Fragen beantworten.“
Sorgen um ihre Jobs müssten sich Healthineers-Mitarbeiter in der Region erst einmal nicht machen, heißt es. Weder werde es Änderungen im Tagesgeschäft geben, noch seien die Standorte in Erlangen, Forchheim und Röttenbach in Gefahr. „Anlässlich der geplanten Entkonsolidierung sind keine Personalanpassungen geplant“, so die Sprecherin weiter. Auch die Strategie des Unternehmens bleibe unverändert.
Siemens: „One-Tech“-Strategie soll Wachstum beschleunigen
Bleibt noch eine weitere Frage: Werden die Medizintechniker den Mutterkonzern künftig auch aus dem Namen streichen? „Die Frage, ob wir die Marke Siemens weiterhin verwenden, muss sorgfältig abgewogen werden. Es gibt Argumente dafür und dagegen. Es ist keine einfache Entscheidung“, heißt es von Seiten des Unternehmens.
Dass die Siemens AG, die für 2025 zum dritten Mal in Folge einen Rekordgewinn verkündet hat, sich von der Tochterfirma trennt, hängt auch damit zusammen, dass der Konzern sich künftig neu aufstellen, mehr in Künstliche Intelligenz und Märkte wie China und USA investieren will. Das neue Programm „One Tech Company“ bezeichnet Siemens-CEO Roland Busch als nächste Wachstumsphase. Prozesse sollen vereinfacht, das Wachstum beschleunigt, der Umsatz im Digitalgeschäft gar verdoppelt werden.
67 Prozent hielt die Siemens AG bisher noch an Healthineers, 30 Prozent sollen nun in Form einer Direktabspaltung an eigene Aktionäre abgegeben werden. Wie Busch beim Marktkapitaltag von Siemens am Donnerstag erklärt, müssen nun beide Hauptversammlungen der Abspaltung zustimmen. Neue Details soll es im zweiten Quartal 2026 geben.
















