Wie eine Urgewalt dröhnt der Harvester durch den Wald. Der Hang und das unebene Gelände beeindrucken den Holz-Vollernter kaum. Mittlerweile sind die gigantischen Fahrzeuge nahezu überall im Einsatz. Das liegt unter anderem an der beeindruckenden Achsen-Technik, welche diese Forstmaschinen so flexibel werden lassen. Und die kommt in häufigen Fällen aus dem Landkreis Forchheim. Genauer, von der NAF Neunkirchener Achsenfabrik AG aus Neunkirchen am Brand.
NAF Neunkirchen: Weltweiter Achsen-Spezialist auf 51.000 Quadratmeter
Es ist ein sonniger Novembertag, Norbert Knorren und Sabrina Gugel streifen sich ihre Warnwesten über und laden zum Rundgang über das 51.000 Quadratmeter große Gelände im Neunkirchener Südosten ein. Knorren, Vorstand für Vertrieb und Finanzen, und Marketingchefin Gugel wollen viel erzählen über das Traditionsunternehmen und seine weltweiten Geschäfte. Über die knapp 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, über ihre Kunden vor allem in Skandinavien, Nord- und Südamerika und China. Über die aktuellen Herausforderungen schwankender Konjunkturen und wie sie diesen mit Mut und Innovationsgeist begegnen wollen.
Achsen und Getriebe für spezielle Offroad-Fahrzeuge
Es herrscht emsiges Treiben in den Produktionshallen. Immer wieder muss unsere kleine Rundgangs-Delegation innehalten, kleine Hubwagen und mächtige, tonnenschwer beladene Gabelstapler vorbeilassen. Hier am Stammsitz in Neunkirchen am Brand fertigt und versendet die NAF AG Getriebe und verschiedene Achsentypen vor allem für große Offroad-Maschinen: für den Forst (Harvester, Forwarder), die Landwirtschaft (Mähdrescher, Feldhäcksler) sowie die Bauwirtschaft und das Abbaugewerbe (Muldenkipper, Grader).
„Wir fertigen keine Produkte von der Stange, sondern schneidern relativ kleine Stückzahlen auf die Bedürfnisse unserer Kunden zu“, sagt der promovierte Betriebswirtschaftler Norbert Knorren, während wir vor einer der mehr als 30 verschiedenen BAZs stehen, die sich über die vielen Fertigungshallen verteilen. BAZ ist die Abkürzung für Bearbeitungszentrum und meint eine CNC-gesteuerte und weitgehend automatisierte Maschine, in der die angelieferten Gusselemente bearbeitet werden, bis daraus teils gigantische Achsen montiert werden.
Handarbeit, Roboter und Automatisierung: Vom Einzelteil zur Achse
„Drehen, fräsen, bohren“, sagt Knorren. Etwa drei Tage dauert es, bis die aus bis zu 400 Einzelteilen bestehenden Achsen bearbeitet, per Hand montiert, von modernen Robotern lackiert und versandfertig geprüft worden sind. Pro Jahr verarbeitet die NAF auf diese Weise circa 60.000 Tonnen Guss- und Stahlteile zu Achsen und Getrieben. Dennoch bleibt der An- und Auslieferverkehr mit etwa 30 Lastwagen am Tag relativ überschaubar.
„Unsere Produkte fertigen wir zu 98 Prozent für den Offroad-Bereich“, erklärt Knorren. Also für Spezialfahrzeuge, die sowohl in der Antarktis als auch in Minen in Australien zum Einsatz kommen können. Während die Herstellung von Getrieben in Neunkirchen nur einen kleinen Teil ausmacht, beschreibt Knorren die aktuelle Spezialität des Hauses NAF mit den sogenannten Bogie-Achsen. Diese Doppelachsen erlauben es den Fahrzeugen, selbst bei größten Unebenheiten Bodenkontakt zu behalten.
Rüstung spielt für Neunkirchener Achsenfabrik keine Rolle
Die NAF fertigt ausschließlich Bauteile für Maschinen der Bau-, Forst- und Landwirtschaft. Das Thema Rüstung spiele für die NAF AG derzeit keinerlei Rolle, wie Norbert Knorren erklärt. Das liege unter anderem auch daran, dass die Getriebe und Achsen für langsam fahrende Maschinen mit extrem hohen Drehmomenten konzipiert seien. Kriegsgerät wie Panzer oder ähnliches hingegen erreichten zum Teil vergleichsweise hohe Geschwindigkeiten. „Dafür müssten wir unsere Produkte erst aufwendig anpassen“, so Knorren. „Und bislang haben uns aus dieser Richtung auch noch gar keine Anfragen erreicht.“
NAF AG: Blick in die Geschichte
1960 wurde die Firma durch den damaligen Neunkirchener Bürgermeister und Landtagsabgeordneten Georg Hemmerlein gegründet. Nur vier Jahre später kaufte die Weyhausen-Gruppe 1964 die NAF auf. Hinrich Weyhausen hatte 1919 eine Firma gegründet, die unter dem Namen Atlas bekannt geworden ist und vor allem Bagger und Kräne herstellt. Später trennten sich die Wege wieder, aber die NAF ist bis heute Teil der Weyhausen-Sauer-Gruppe. 2002 erfolgte die Umwandlung zur Aktiengesellschaft, wobei die Anteile zu 100 Prozent bei den Familien der Weyhausen-Sauer-Gruppe liegen.
Hauptteil der Produkte von der NAF gehen ins Ausland
Gut 85 Prozent der in Neunkirchen gefertigten und teils viele Tonnen schweren Getriebe und Achsen werden ins Ausland exportiert. Rechnet man die Exporte hinzu, die wiederum die deutschen Kunden im Nachgang tätigen, wächst die Quote gar auf 93 Prozent an. „Unser Geschäfts- und Vertriebsmodell macht uns natürlich stark vom Weltmarkt abhängig“, sagt Knorren, der sich die Firmenleitung mit Erwin Urban (Produktion und Personal) sowie Bernhard Schnabel (Technik und Qualität) teilt.
US-Zölle und Konjunkturschwankungen merkt auch die NAF
So machen die großen Herausforderungen der schwankenden Weltkonjunktur auch vor dem traditionsreichen Neunkirchener Unternehmen nicht Halt. Knorren erklärt das damit, dass beispielsweise die US-Zollpolitik die Kunden derzeit verunsichere. Das wiederum führe dazu, dass Investitionen zum Teil aufgeschoben oder gar aufgehoben würden. Heißt für NAF: weniger Umsatz.
Noch bis vor wenigen Monaten beschäftigte die NAF in Neunkirchen (und einem Technologie-Standort in München) insgesamt etwa 650 Mitarbeitende. Nun sind es laut Knorren etwas unter 600. Aber, das betont er, man habe bislang keine betriebsbedingten Kündigungen aussprechen müssen und das auch nicht vor. „Wir haben Leiharbeiter abgebaut und bauen wenn überhaupt auf natürliche Fluktuation.“ Und: Kurzarbeit. „Wir müssen auf Sicht fahren und uns den Gegebenheiten anpassen“, so Knorren.
Trotz Krisen: NAF will in Neunkirchen weiter wachsen
Dies geht derzeit vielen Unternehmen vor allem im industriellen Sektor so. Was NAF allerdings von den meisten unterscheidet, ist der auch im Moment kaum zu bremsende Wachstumsgeist. So wolle man weiterhin fleißig ausbilden (derzeit tummeln sich 24 Lehrlinge in der hauseigenen Lehrwerkstatt) und weiterhin modernisieren. Zwei Beispiele: Erst 2023 ist das neue Versuchszentrum in Betrieb gegangen, derzeit baut die Firma mit dem „NAF-Forum“ darüber hinaus neue Büroräume und eine eigene Kantine. Und das ist längst nicht alles.
Trotz konjunktureller Widrigkeiten wolle man nicht nur am Standort Neunkirchen festhalten, sondern dort sogar noch wachsen. „Die Pläne liegen bereits in der Schublade“, sagt Knorren. Wenn alles klappt, solle die Produktionserweiterung „zeitnah“ in die Tat umgesetzt werden. Nicht nur für Neunkirchen am Brand, wo man die NAF als gerne gesehenen Arbeitgeber und Gewerbesteuerzahler ansieht, wäre das eine gute Nachricht. Sondern für die gesamte Region, schließlich pendeln einige Angestellten auch von weiter her in die Weyhausenstraße.




















