Die deutsche Industrie glänzt derzeit nur selten mit guten Nachrichten. Entlassungen, Übernahmen, der Rückruf zur Präsenzpflicht im Büro – auch Firmen aus der Region landen beinahe täglich mit mindestens bemerkenswerten Nachrichten in der Öffentlichkeit. Nun taucht erneut ein prominenter Name in der News-Spalte auf: Siemens Healthineers.
Siemens AG will Anteile an Siemens Healthineers abstoßen
„Siemens will Healthineers abstoßen“, titelt die Wirtschaftswoche in dieser Woche online [externer Link]. Eine Schlagzeile mit dem Potenzial der Durchschlagskraft. Vor allem in einer Gegend, in der ein solcher Konzern derart den Arbeitsmarkt dominiert wie der Medizintechnik-Riese aus Erlangen. Siemens Healthineers beschäftigt allein in Forchheim 4000 Menschen, weltweit sind es 72.000 Menschen. Müssen die sich der Meldung wegen nun Sorgen machen?
Um die Frage zu beantworten, lohnt sich ein kurzer Exkurs in die Unternehmensstruktur. Die Siemens Healthineers AG in ihrer heutigen Form gibt es erst seit 2018, als der Mutterkonzern Siemens AG seinen Medizintechnik-Bereich eigenständig an die Börse gebracht hatte. Laut eigenen Angaben hält die Siemens AG derzeit 75 Prozent der Aktienanteile, was sie zur unangefochtenen Mehrheitsanteileignerin der Tochtergesellschaft Healthineers macht.
Auch Siemens Energy von Verkaufsplänen betroffen
Auf Nachfrage bestätigt ein Sprecher der Siemens AG, dass man wahrscheinlich ein großes Stück der Anteile abstoßen wolle. Genau festlegen könne und wolle man sich noch nicht, aber es könnten fünf Prozent sein. Darüber hinaus plane man damit, weitere sechs Prozent der Anteile der anderen Tochterfirma Siemens Energy AG zu verkaufen. Das Geld braucht der Weltkonzern mit Sitz in München und Berlin, um die zehn Milliarden Dollar schwere Übernahme des US-Industriesoftwarespezialisten Altair Engineering zu finanzieren.
Aber: „Wir haben bisher keine strategische Entscheidung angekündigt, uns vorerst zurückzuziehen“, fügt der Siemens-Sprecher hinzu. Nur so viel: „Wir bewerten die ökonomischen Möglichkeiten für die Siemens AG im Gesundheitswesen. Daraus werden wir dann ableiten, wie instrumentell die Healthineers als eine Beteiligung dafür sind.“
Müssen sich Siemensianer in Forchheim Sorgen machen?
Also sind in Forchheim und Erlangen doch Sorgenfalten angebracht? „Nein“, heißt es vonseiten der Siemens Healthineers AG. „Grundsätzlich kommentieren wir natürlich die strategischen Entscheidungen unserer Anteilseigner nicht“, sagt Healthineers-Sprecher Heiko Jahr. Auch und gerade dann nicht, wenn es nicht um den eigenen Mutterkonzern handelt. „Jedoch sollte der Rückzug der Siemens AG keine Auswirkungen auf unsere Standorte haben.“
Was er nicht explizit sagt, was aber mitschwingt: Um seinen Job muss sich keiner Sorgen machen. Ganz im Gegenteil halte man weiterhin an der Weiterentwicklung vor allem an Forchheim fest. Das zeige unter anderem der 350 Millionen Euro teure Neubau des „High Energy Photonics Center“ (Hep-Center) in der Königsstadt. Entwarnung also aus der Chefetage. Wie aber kommen Verkaufsabsichten bei der Belegschaft an? Laut dem Betriebsratsvorsitzendem Stephan Büttner spiele das Thema bei den Mitarbeitern keine große Rolle. „Wir sind ein gesundes und innovatives Unternehmen, Sorgen machen wir uns deswegen keine", sagt er.
Expertin fordert: Beteiligung völlig auflösen
Sorgen mache man sich nicht, so heißt es laut der Wirtschaftswoche firmenintern. Weder in München noch in Erlangen. Ganz im Gegenteil seien demnach nicht wenige sogar froh, dass sich die Healthineers endlich vom Mutterschiff lösten. Zumindest Schritt für Schritt. Für alle einzelnen Konzerne bringe mehr Eigenständigkeit auch mehr Transparenz und Konzentration, heißt es. Das Fachmagazin zitiert die Branchenkennerin Vera Diehl von Union Investment, der Fondsgesellschaft der Genossenschaftsbanken, sogar folgendermaßen: „Die Beteiligung an Siemens Healthineers sollte so schnell wie möglich reduziert – und am besten völlig aufgelöst werden“.
Geschichte der Siemens-Medizinsparte reicht ins 19. Jahrhundert zurück
Zumal der Erfolg der Siemens AG historisch bedingt zu einem großen Teil auf Medizintechnik beruht. Die ältesten Wurzeln von Siemens Healthineers reichen laut Unternehmensangaben bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts – und zwar in die Firmen Siemens & Halske (Werner Siemens und Johann Georg Halske gründen 1847 die Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske, kurz S&H, in Berlin), Reiniger, Gebbert & Schall und die Veifa-Werke. Nachdem Wilhelm Conrad Röntgen 1895 die X-Strahlen erfunden hatte, entwickelte sich das Geschäft stetig weiter.
Nach einer wechselvollen Geschichte im 20. Jahrhundert gründet sich im Jahr 1966 die Siemens AG, welche die einzelnen Firmen zusammenfasst. Spannend wird es im Mai 2014: Der damalige Vorstandsvorsitzende der Siemens AG, Joe Kaeser, meldet das Ziel, den Medizintechnikbereich auszugliedern. Ein Jahr später wird die Siemens Healthcare GmbH gegründet, seit 2016 bekommt die Marke den heutigen Namen: Siemens Healthineers. Am 16. März 2018 wird das Unternehmen an der Frankfurter Börse notiert.
Siemens AG: Entscheidung soll erst Ende des Jahres fallen
Aus München meldet die Siemens AG unterdessen, dass eine endgültige Entscheidung noch ausstehe. „Bezüglich der Anteilshöhe an Siemens Healthineers werden wir uns sehr transparent und rational nachvollziehbar äußern, sobald die entsprechenden Überlegungen abgeschlossen sind. Dies wird im Rahmen unseres Kapitalmarkttages im Dezember 2025 erfolgen.“
















