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Chronische Hängepartie
Prinzip Hoffnung? Kersbacher wollen endlich Hochwasserschutz
Der Kersbacher Rainer Thieme schaut ungläubig auf die Wiese, wo ihn künftig ein Regenrückhaltebecken vor der Flut schützen soll.
Der Kersbacher Rainer Thieme schaut ungläubig auf die Wiese, wo ihn künftig ein Regenrückhaltebecken vor der Flut schützen soll. // Stephan Großmann
Forchheim-Kersbach – Im Sommer soll es endlich losgehen mit dem Bau des Regenrückhaltebeckens in Kersbach. Die aktuellen Bilder der Fluten lassen die Angst von 2007 wieder aufkeimen - und die Wut, dass es nun schon so lange dauert.

Diesmal hatten sie Glück. Zwar ist am vergangenen Wochenende wieder Wasser durch die Kersbacher Pfarrgartenstraße gelaufen, aber nicht der Rede wert. Zumindest nicht im Vergleich zu 2007, als sintflutartige Regenfälle dort 13 Keller haben volllaufen lassen und in den Landkreisen Forchheim und Erlangen-Höchstadt ein Menschenleben und mindestens zehn Verletzte gefordert sowie Sachschäden in Millionenhöhe angerichtet haben. Und damit auch nicht im Vergleich zu den aktuellen Katastrophen im Süden Bayerns und in Baden-Württemberg. Und doch bleibt die Angst. Bei jedem Regen. Denn falls eine neue Jahrhundertflut die Region heimsuchen würde, Kersbach stünde blank da.

Das Jahrhunderhochwasser 2007 richtete vor allem in Kersbach und Baiersdorf  große Schäden an. Eine Person starb.
Das Jahrhunderhochwasser 2007 richtete vor allem in Kersbach und Baiersdorf große Schäden an. Eine Person starb. // Hitschfel/Archiv

Noch immer. Bereits seit kurz nach dem Hochwasser im Juli 2007 wird zwar viel gesprochen über einen besseren Hochwasserschutz. Es wird diskutiert, geplant, verzögert, neu geplant, wieder verzögert. Nur passiert ist nichts. Noch immer nicht.

Sandsäcke und der Kampf für Hochwasserschutz

Die Kersbacher selbst sind seither auf den Ernstfall vorbereitet, so gut das geht. Die meisten haben Sandsäcke im Keller, manche haben sich Vorrichtungen gebaut, um das Wasser gar nicht erst in die dort üblicherweise tiefergelegten Garagen fließen zu lassen. Wie zum Beispiel Rainer Thieme. Der 73-Jährige präsentiert einen kleinen Rollwagen, auf dem Säcke in seinem Keller gestapelt sind. „Vorsichtshalber“, sagt er.

Doch das reicht ihm nicht, gemeinsam mit anderen kämpft er seit Jahren dafür, dass Kersbach endlich mit einem technischen Hochwasserschutz ausgerüstet wird. „Schon dem damaligen Oberbürgermeister Franz Stumpf habe ich Briefe geschrieben“, erinnert sich Thieme. Noch heute besucht er regelmäßig Stadtratssitzungen und Bürgerversammlungen, immer verbunden mit der Hoffnung, es gehe endlich voran.

Sicher ist sicher: Rainer Thieme ist für eine nächste Flut vorbereitet. So gut es eben geht.
Sicher ist sicher: Rainer Thieme ist für eine nächste Flut vorbereitet. So gut es eben geht. // Stephan Großmann

Stadt Forchheim: Bau soll im September starten

Und es geht wohl voran. Das lang ersehnte Regenrückhaltebecken, das zwischen dem Ortsrand Kersbach und Effeltrich bis zu 51.000 Kubikmeter Wasser füllen soll (lesen Sie hier mehr darüber), komme ganz sicher. Sagt zumindest der städtische Bauamtsleiter René Franz. Im Sommer würden die ersten Ausschreibungen laufen, ab September könnten die ersten Baumaßnahmen beginnen, erläuterte Franz neulich im Stadtrat. Würden, könnten. Werden?

„Seit 17 Jahren leben wir schon mit dem Spruch, dass es bald losgeht“, sagt Thieme und blättert durch seine Unterlagen. Einen ganzen Ordner füllen seine Aufzeichnungen der vergangenen Jahre. Bebauungspläne, Gutachten, Zeitungsausschnitte. Es ist die private Chronik einer chronischen Hängepartie, die er in seinem Esszimmer zaudernd in den Händen hält.

Freie Wähler kritisieren Stadtverwaltung

Tatsächlich ist im vergangenen Jahr Bewegung in den Fall Kersbach gekommen. Das Planfeststellungsverfahren wurde im Juli 2023 mit Baurecht für die Stadt Forchheim abgeschlossen. Ein Grund zur Freude ist das für viele kommunalpolitisch Aktive nicht. In einer Art Brandbrief wendet sich nun die Stadtratsfraktion der Freien Wähler (FW) an die Öffentlichkeit, in dem sie „das langsame Vorgehen der Stadtverwaltung Forchheim“ kritisiert.

Viele Jahre habe die Stadt unnötig verstreichen lassen, zwischenzeitlich sei gar das gesamte Projekt bedroht gewesen. Allen voran der Oberbürgermeister habe dafür die Verantwortung zu übernehmen. Kersbachs FW-Stadtrat Erwin Held: „Es ist immer wieder die örtliche Feuerwehr und/oder der städtische Bauhof zugange, um das Schlimmste abzuwehren“. Ähnlich heißt es bei CSU-Rätin Martina Hebendanz, selbst Kersbacherin. „Die Menschen haben Angst. Nun darf nicht noch mehr Zeit verstreichen, es muss endlich losgehen.“

Verzögerungen nicht allein der Stadt anzulasten

Zur Wahrheit gehört auch, dass die Stadt selbst nicht allein für Verzögerungen verantwortlich ist. So zogen sich die Versuche zum Erwerb nötiger Grundstücke über viele Jahre hin, weil Eigentümer nicht verkaufen wollten. Auch sorgten jüngst die Aussagen des zuständigen Wasserwirtschaftsamts Kronach für Verwirrung, nach denen eine erneute Wirtschaftlichkeitsprüfung nötig sei. Eine Ente, wie sich zeigen sollte. Umweltminister Glauber (FW) stellte kurz darauf auf FT-Nachfrage klar: „Das Rückhaltebecken Kersbach kommt ohne weitere Verzögerung. Der Freistaat steht zu seinen Zusagen.“ Und doch ein weiterer Punkt einer langen Verzögerungsliste.

Umweltminister kontert Kritik an Staatsregierung

Kersbach steht nicht allein da. Mit der aktuellen Flutkatastrophe äußern Landtagsopposition und Umweltverbände Kritik, die Staatsregierung habe über viele Jahre zu wenig getan. Falsch, entgegnet Glauber am Mittwoch, Hochwasserschutz genieße „oberste Priorität“. Vier Milliarden seien seit 2001 investiert worden, weitere Gelder sollen folgen. Auch das bis zu sechs Millionen Euro teure Regenrückhaltebecken in Kersbach würde ohne die Münchner Finanzmittel in Höhe von gut zwei Drittel wohl nicht realisiert werden können.

Hochwasserschutz Kersbach: Plan des RegenrückhaltebeckensForchheim & Fränkische Schweiz
Hochwasserschutz Kersbach: Plan des Regenrückhaltebeckens // Stephan Großmann

Flutpolder an der Donau, Becken in Kersbach – Naturschützern gehen solche Bauten nicht weit genug. „Der Hochwasserschutz in Bayern beginnt beim renaturierten Bach um die Ecke und im eigenen Garagenhof, den man besser nicht versiegelt“, sagt der Vorsitzende des Landesbundes für Vogel- und Naturschutz Norbert Schäffer. „Für effektiven Schutz braucht es eine Vielfalt an Maßnahmen, die vom wiedervernässten Moor bis zum Rückbau des Schottergartens reicht“, betont er.

Baustart Kersbach: Noch viele Fragen offen

Für Kersbach zählt nun in erster Linie aber der Bau des Regenrückhaltebeckens. Wie genau der Baustart im September aussehen soll, bleibt offen. Dass bereits Bagger rollen würden, stellte Franz neulich nicht in Aussicht. Auch die Nachfrage bei OB und Stadtverwaltung bleibt erkenntnisarm. Sprecherin Britta Kurth teilt lediglich mit, dass der Hochwasserschutz ausführlich im Planungsausschuss am 9. Juli behandelt werden solle. Nur so viel: „Es geht weiter wie geplant.“

Stand jetzt rechnet die Stadt mit Fertigstellung bis Ende 2026. Rainer Thieme und seine Nachbarschaft müssen bis dahin hoffen, dass sie weiterhin Glück haben.

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