Kopfschütteln. Naserümpfen. Abwinken. Ein sichtbar aufgebrachter Spaziergänger läuft an diesem lauwarmen Junitag durch die Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße. Rechts die Wiesent, links eine Müllhalde. Statt roh gebauter Steinriesen, die sich zum gigantisch geplanten Philosophenviertel auftürmen sollten, wachsen dort am Rande des ehemaligen ATSV-Geländes lediglich die Müllberge stetig an.
Philosophenviertel Forchheim: Die wichtigsten Fragen im Moment
Das Philosophenviertel, einst als Forchheims Vorzeige-Wohnbauprojekt gefeiert, bleibt ein fragiles Seifenblasengebilde. Und doch tut sich im Hintergrund derzeit viel. Je nachdem, wen man fragt, unterscheidet sich der aktuelle Stand stark. Versuch einer Einordnung.
1. Wie ist der aktuelle Stand?
Von einem Baubeginn der im Bebauungsplan festgeschriebenen 286 Wohnungen scheint das Gelände noch weit entfernt zu sein. Äußerlich zumindest ist aktuell weder eine Baugrube noch andere Anzeichen für einen baldigen Beginn erkennbar. Einzig Teile des alten ATSV-Gebäudes sind abgetragen worden. Auch stapeln sich seit einiger Zeit rund um die beiden ausrangierten Funktionsgebäude in Richtung Theodor-Heuss-Allee dutzende sogenannte Big Bags, spezielle Müllbeutel für allerlei Bauschutt. Darin lagern: asbesthaltige Deckenplatten.
2. Warum ist die Wasserschutzpolizei plötzlich auf dem Gelände aktiv?
Dass der Asbest-Müll dort nach wie vor ungeschützt und zum Teil sogar lose auf dem Gelände herumliegt, entwächst nun einer rein ästhetischen Ebene. Wie Forchheims Bauamts-Chef René Franz den Stadtratsmitgliedern sichtlich genervt erläutert, habe man diesen Umstand der unsachgemäßen Asbest-Lagerung bereits zur Anzeige gebracht. Die für solche Umweltvergehen zuständige Wasserschutzpolizei Bamberg bestätigt auf FT-Anfrage eine solche Anzeige, wolle aber zum jetzigen Zeitpunkt zu den aktuell laufenden Ermittlungen noch nichts sagen.
Auch die Ende Februar eilig gefällten Bäume haben ein juristisches Nachspiel. Weil die Bäume im Bebauungsplan als schützenswert deklariert werden, könnten auf Claus Krenstetter, den Geschäftsführer der Philosophenviertel Forchheim Beteiligungsgesellschaft sowie den Geschäftsführer und Partner des österreichischen Investors WT 80 aus Wien, Geldstrafen oder die Anordnung von Ersatzpflanzungen zukommen.
3. Wie reagiert die österreichische Investorengesellschaft?
Claus Krenstetter hebt den Hörer mit gewohnt guter Laune ab. Wie es vorangehe? „Bis zum Sommer wollen wir alles vorbereitet haben“, sagt er. Wann er mit dem Baustart rechne? Darüber sei man im Austausch mit den Behörden, das müsse man noch klären.
Erst auf Nachfrage nimmt Krenstetter den Disput mit Stadtrat und Verwaltung der Stadt Forchheim in den Mund. Es sei nicht immer einfach für ihn. Auch könne er die „Befindlichkeiten der Stadt nicht abschätzen“, man spreche ja nicht mit ihm.
Zu den aktuellen Vorwürfen zu mutmaßlichen Umweltvergehen nimmt Krenstetter dagegen Stellung. Die Baumfällungen seien abgesprochen gewesen. Außerdem müsse „man das praktisch sehen“, selbst wenn man die Bäume hätte stehen lassen, hätten sie die „unmittelbare Nähe zum Baukörper nicht lange überlebt“. Tenor: Dann pflanze man halt neue.
Offensiver wird Krenstetter bei der Anzeige wegen des Asbestschuttes. „Wir haben eine Fachfirma beauftragt und müssen davon ausgehen, dass die ihren Job erledigt“, sagt er. Dass er dies aus Wien heraus nun auch noch kontrollieren müsse, wundere ihn sehr. Für etwaige Strafzahlungen oder Sanktionen sieht er daher nicht seine Gesellschaft, sondern den beauftragten Unternehmer als den richtigen Adressaten.
Gebetsmühlenartig schiebt er beschwichtigend hinterher: „Es läuft, in einigen Wochen sollen die Gebäude rückgebaut sein“.
4. Warum sind die Fronten so verhärtet?
Sowohl die Stadträte als auch Oberbürgermeister Uwe Kirschstein haben schon lange keine Geduld mehr. Seit Jahren gibt es teils öffentlich, teils hinter verschlossenen Türen ausgetragene Streitigkeiten zwischen Stadt und dem österreichischen Investor Friedrich Scheck, der hinter dem gesamten Projekt steckt. Verzögerte Baustarts, eigenmächtige Veränderungen der Wohnungszahl, jetzt die Bäume und der Asbest. „Diese sogenannte Partnerschaft lässt mich nur schwerlich in die Zukunft schauen“, sagt Kirschstein.
Philosophenviertel - was seit 2021 geschah
5. Wie geht es nun weiter?
Wenn es nach der Stadt geht, endet die gemeinsame Zukunft sowieso bald. Wie im Oktober 2023 beschlossen, soll die Einleitung zur Aufhebung des Bebauungsplans nun starten. Weil das Verfahren dem normalen Prozedere gleicht, nur eben rückwärts, müssen im nächsten Schritt die Öffentlichkeit eingebunden und Stellungnahmen eingeholt werden. Hierfür gibt es nun einen Zeitraum: vom 24. Juni bis zum 24. Juli. Erst am Ende des gesamten Verfahrens kann das Ratsgremium laut Baugesetzbuch – vereinfacht gesprochen – eine sogenannte Aufhebungssatzung erlassen, mit der die Stadt „auch die dem Vorhabensträger erteilte und mangels Baubeginns nicht ausgenutzte Baugenehmigung widerrufen“ kann.
Es ist zu erwarten, dass auch die Philosophenviertel Beteiligungsgesellschaft ihr Recht auf Stellungnahme nutzen und ihren Bauwillen erneut bekräftigen wird. Ob sie das in Hinblick auf ein drohendes Gerichtsverfahren nur aus taktischen Gründen tut, bleibt indes Spekulation. Bauamtsleiter René Franz kann das Aufhebungsverfahren jedenfalls nicht erwarten: „Wir wollen zügig aufheben.“
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