Mehrere Probleme
Situation der Geflüchteten spitzt sich zu
Julia, Kira, Nikita und Ludmilla, geflüchtet aus der Ukraine, bekommen im Juni Hilfe von der Dolmetscherfamilie Yaroslaw (rechts).
Julia, Kira, Nikita und Ludmilla, geflüchtet aus der Ukraine, bekommen im Juni Hilfe von der Dolmetscherfamilie Yaroslaw (rechts).
Foto: Günther Geiling
F-Signet von Redaktion Fränkischer Tag
LKR Haßberge – Mit einem Krieg in der Ukraine und neuer Zuwanderung hatte im Landkreis Haßberge niemand gerechnet. Ein Runder Tisch erarbeitet Krisenlösungen.

Migration ist seit der Zuwanderung der Ukrainer, die sich vor dem Krieg in ihrer Heimat in Sicherheit brachten, im Landkreis Haßberge wieder ein großes Thema. Aus diesem Grund hat das Landratsamt den Runden Tisch Migration wieder aufleben lassen. Der zeitliche Abstand zum letzten Runden Tisch im Februar 2019 war teils der Corona-Pandemie geschuldet, aber auch dem Umstand, dass die Zuwanderung danach nicht mehr so stark im Fokus stand.

2020 schloss im Landkreis Haßberge die letzte kleine Unterkunft für Geflüchtete

Das Landratsamt konnte die angemieteten Flüchtlingsunterkünfte Zug um Zug abbauen. Die letzte kleine Unterkunft schloss am 31. August 2020 ihre Pforten. Auch hauptamtliches Personal wurde reduziert und die Zahl der ehrenamtlich Engagierten ging deutlich zurück. „Schließlich hatte die Politik das Signal gesetzt, dass sich eine Situation wie 2015 und 2016 nicht mehr wiederholen durfte. Alles deutete darauf hin, dass Zuwanderung wieder in geregelten Bahnen stattfinden würde“, sagte der stellvertretende Landrat Michael Ziegler.

Gleichwohl setzte sich im Landkreis Haßberge aufgrund der Erfahrungen während der Flüchtlingskrise die Erkenntnis durch, dass eine engere Zusammenarbeit anzustreben sei.

So sei ab 1. Januar 2019 das Zuwanderungszentrum Haßberge als Kooperation zwischen dem BRK-Kreisverband, dem hiesigen Caritasverband und dem Landkreis Haßberge entstanden.

„Der Krieg in der Ukraine hat eine historische Zäsur gebracht“

„Niemand hatte damit gerechnet, dass dieser Zusammenhalt bald noch einmal auf die Probe gestellt werden sollte“, verdeutlichte Ziegler. Der Krieg in der Ukraine habe eine historische Zäsur gebracht mit Auswirkungen, die für viele bis dahin nicht denkbar gewesen seien. Die Fluchtwelle aus der Ukraine habe auch die Erfahrenen der Jahre 2015 und 2016 rasch an ihre Grenzen gebracht: Es gab keinen Planungsvorlauf und der Zustrom von Vertriebenen erfolgte in kürzester Zeit.

Migrationsinfrastruktur war aufgegeben oder noch nicht wieder eingerichtet

Nachteilig sei der Umstand gewesen, dass das Landratsamt Haßberge selbst keine Aufnahme- und Unterkunftsverwaltung mehr hatte. Der Neuaufbau dieser Strukturen war erst in Planung, nachdem die Regierung von Unterfranken das Landratsamt Wochen zuvor aufgefordert hatte, doch wieder Unterkünfte für Asylsuchende anzumieten.

Migration als Prüfstein für die Belastbarkeit der Systeme

„Die Menschen aus verschiedenen Regionen dieser Welt kommen auch direkt im Landkreis Haßberge an und sind ein Prüfstein für die Belastbarkeit unserer Systeme“, beschrieb stellvertretender Landrat Michael Ziegler die aktuelle Situation. Dabei gehe es vor allem um die Unterbringung, ärztliche Versorgung, Beratung, Begleitung vor Ort, Sprachkurse, Kita und Schule und nicht zuletzt um die administrative Abwicklung.

Die Teilnehmer des Runden Tisches Migration sind (von links) Dieter Sauer, Leiter des Amtes für Soziales und Senioren, Regierungsrat  Christian Mottl, Maria Antonette Graber, Leiterin des Sachgebietes „Flüchtlingsunterbringung und Integration“ an ...
Die Teilnehmer des Runden Tisches Migration sind (von links) Dieter Sauer, Leiter des Amtes für Soziales und Senioren, Regierungsrat Christian Mottl, Maria Antonette Graber, Leiterin des Sachgebietes „Flüchtlingsunterbringung und Integration“ an der Regierung von Unterfranken, und stellvertretender Landrat Michael Ziegler.
Foto: Moni Göhr, Landratsamt Haßberge

„Deshalb ist es wichtig, diesen Runden Tisch jetzt wieder anzusetzen, um sich zu allen Fragen der Migration auszutauschen und um die Lage einzuschätzen, wo Handlungsbedarf gesehen wird und wie man gemeinsam mit den begrenzten Ressourcen eine gute Betreuung und Integration erreichen könnte.“

Wo sollen die Zugewanderten leben und wohnen?

Maria Antonette Graber ging auf die Zuweisung von Geflüchteten nach Unterfranken und die derzeit sehr hohe Auslastung des ANKER-Zentrums in Geldersheim, Landkreis Schweinfurt, ein. Zusätzliche Plätze für Geflüchtete in den Landkreisen und kreisfreien Städten seien dringend notwendig.

Es gibt zu wenige Sprachkurse und zu wenige Deutschlehrer

Es ging auch um Sprachkurse für die Neuzugewanderten. Holger Weiniger von der VHS Haßberge wies darauf hin, dass aktuell noch 109 Personen, davon 100 Vertriebene aus der Ukraine, auf der Vormerkliste stünden. Ihnen hätte noch kein Sprachkurs angeboten werden können, weil es an Lehrkräften fehle, die die Zulassungsvoraussetzungen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) erfüllten.

Dieter Sauer vom Landratsamt wies darauf hin, dass das Projekt Bildungskoordination für Neuzugewanderte 2020 ausgelaufen sei. Er stellte in Aussicht, dass sich das Landratsamt in Zukunft wieder verstärkt um die Koordinierung und Betreuung solcher Sprachkurse kümmern werde.

Menschen aus der Ukraine finden keinen Hausarzt

Ein brisantes Thema, das den Runden Tisch noch beschäftigte, ist die hausärztliche Versorgung von Neuzugewanderten. Der Flüchtlingskoordinator einer Gemeinde berichtete, dass er für Menschen aus der Ukraine noch keinen Hausarzt habe finden können. Im Krankheitsfall müsste deshalb die ärztliche Bereitschaftspraxis aufgesucht werden. Das sei aber nur eine Notlösung.

Dieter Sauer wies darauf hin, dass man dieses Problem beim Landratsamt auf dem Schirm habe und sich mit Vertretern der Hausärzte im Landkreis dazu austauschen werde. Einen Termin gebe es bereits.

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