Mitten im Siemens-Campus in der Günther-Scharowsky-Straße wurde es am Mittwochvormittag laut. Grund hierfür waren die laut Schätzung der Organisatoren rund 450 Mitglieder der IG Metall, die sich hier versammelt hatten, um ihren Tarifforderungen Stimme zu verleihen. Mit dabei waren nicht nur Mitarbeiter der Siemens AG sowie von ihren Töchtern Siemens Mobility Energy und Healthineers, sondern auch rund 150 Mitarbeiter von Schaeffler, die mit mehreren Bussen aus Herzogenaurach anreisten, sowie Angestellte von Thermo Fisher, Sivantos, Framatome und Valeo.
Siemens und Schaeffler Mitarbeiter streiken in Erlangen
„Das ist der erste Warnstreik in dieser Größe in Erlangen seit zehn Jahren“, erklärte Nick Heindl, Geschäftsführer der IG-Metall-Geschäftsstelle in Erlangen. Die deutschlandweit stattfindenden Streiks seien ein Zeichen an die Arbeitgeber, dass sie etwas tun müssten. Das einzig Gute an dem Angebot der Arbeitgeber in der zweiten Tarifrunde sei gewesen, dass es über keine Null vor dem Komma verfügt habe.
Hier gibt es die Bildergalerie vom Mega-Warnstreik in Erlangen:
„Die Unternehmen sagen, sie brauchen Planungssicherheit“, erläuterte er. Aus diesem Grund seien keine höheren Löhne möglich. Das Gleiche gelte in einer Zeit stetig steigender Lebensmittelpreise aber auch für Arbeitnehmer. Aus diesem Grund bräuchten diese mehr Geld. Deshalb bestehe die Gewerkschaft weiterhin auf ihren Forderungen wie etwa sieben Prozent mehr Lohn für Mitarbeiter sowie 170 Euro mehr Vergütung pro Monat für Auszubildende.
Wirtschaft im Raum Erlangen geht es gut
Den Betrieben im Bereich Erlangen gehe es gut. Sowohl bei Siemens als auch in der Medizintechnik laufe es derzeit super. Dies legt auch eine aktuelle Pressemitteilung von Siemens Healthineers nahe, der zufolge das vierte Quartal des Geschäftsjahres offenbar stark ausgefallen ist. So etwa liege der Free Cashflow mit rund 2,1 Milliarden Euro deutlich über dem des Vorjahres.
„Das Wachstum der Betriebe im Bereich Erlangen liegt bei durchschnittlich 6,1 Prozent“, berichtete Heindl. Nur die Autoindustrie schwächele etwas. An dieser Misere seien jedoch nicht die Löhne Schuld, die lediglich rund 15 Prozent der Kosten ausmachten, sondern in erster Linie das Missmanagement in den Führungsetagen. Dies gelte für Volkswagen, wo die Mitarbeiter nun für eine Ausschüttung an Aktionäre zahlen sollen, aber auch für Schaeffler.
Mitarbeiter über Schaeffler-Ankündigung erzürnt
Verantwortlich für die aktuelle Situation der Autoindustrie sei aber auch die deutsche Politik. Diese verunsichere durch ihr Verhalten Unternehmen und hemme folglich Investitionen. Das müsse sich rasch ändern.
„Den Arbeitgebern fällt nichts ein, außer Löhne zu streichen. Wir als Belegschaft haben, um Arbeitserhalt zu gewährleisten, schon viel hergegeben“, erklärte Grigore Beutura, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei Schaeffler Herzogenaurach, zu den geplanten Stellenstreichungen des – Medienberichten zufolge – inzwischen neuntgrößten Automobilzulieferers der Welt. Man habe bereits eine Arbeitszeitverkürzung an vielen Standorten und man sei in Kurzarbeit.
Auszubildende sind die Fachkräfte von morgen
„Wir haben unseren Anteil gegeben, um vernünftige Beschäftigung zu sichern“, betonte er. Und jetzt gehe der Arbeitgeber trotzdem her und kündige einen massiven Stellenabbau an. Jeder dieser Arbeitsplätze, die abgebaut werden sollen, stehe künftig auch nicht als Ausbildungsplatz für die Jugend zur Verfügung.
„Die Unternehmen klagen immer wieder über den Fachkräftemangel“, berichtete Rouben Karwey, Leiter des Ortsjugendausschusses der IG Metall Erlangen. Auszubildende seien jedoch die Fachkräfte von morgen. Wirtschaftliche Probleme seien folglich kein Argument, um genau dort das Geld zu streichen, wo es am dringendsten benötigt werde – und zwar in der Ausbildung.
Steigende Kosten bleiben großes Problem für Auszubildende und Mitarbeiter
Diese müsse sich für junge Leute lohnen. Niedrige Ausbildungsgehälter seien für viele junge Leute ein Problem. Durchfüttern lassen bei Mama sei heute für viele nicht mehr möglich. Hätten Auszubildende früher im Durchschnitt mit 16 Jahren ihre Ausbildung begonnen, liege das Durchschnittsalter zum Ausbildungsstart heuer bei 20 Jahren. Da hätten die meisten jungen Leuten bereits eine eigene Wohnung. Diese verschlinge bereits einen Großteil der Ausbildungsvergütung.
Es sei unglaublich, dass die Forderungen der IG-Metall in der Öffentlichkeit inzwischen zu einer Neiddebatte führen würden, sagte Stephan Emhofer, stellvertretende Vertrauenskörperleitung bei Siemens Healthineers. „Die sieben Prozent entsprechen nicht mal einem Inflationsausgleich“, erläuterte er. Hätten die Arbeitnehmer weniger auf dem Konto, wirke sich das auf den Rest der Wirtschaft aus. „Wir sind die Binnenkonjunktur. Von uns lebt das Handwerk“, betonte er.
Verhandlungen der IG Metall wegweisend für andere Tarife
Warum die Tarifverhandlungen nicht nur für die Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie wichtig sind, erklärte Alexander Eglmaier vom DGB Mittelfranken. Ihm zufolge könne ein Erfolg der IG Metall nämlich auch anderen Berufsgruppen bei ihren eigenen Verhandlungen helfen – etwa dem Öffentlichen Dienst um dessen Tarif es im Januar gehe.

























