Nun ist es also amtlich. Der Automobil- und Industriezulieferer Schaeffler kündigt einen Monat nach der Fusion mit Vitesco den Abbau von Tausenden Arbeitsplätzen an. 4700 sollen es europaweit sein, wie der Konzern am frühen Dienstagmorgen, 5. November 2024, mitteilt. Davon allein 2800 in Deutschland. Betroffen sind auch fränkische Standorte und der Hauptsitz in Herzogenaurach.
Schaeffler will so 290 Millionen Euro im Jahr einsparen
Insgesamt sollen der Mitteilung zufolge Stellen an zehn deutschen Standorten wegfallen. Was Schaeffler „Maßnahmen in Europa zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit“ nennt, soll dem Konzern ab 2029 etwa 290 Millionen Euro im Jahr einsparen. 4700 Stellen weniger (durch Verlagerungen ergäbe sich laut Schaeffler ein Nettoabbau von 3700 Stellen), das entspricht mehr als drei Prozent der Gesamtbelegschaft, die seit dem Zusammenschluss mit Vitesco im Oktober auf 120.000 Beschäftigte angewachsen ist.
In dem von Schaeffler veröffentlichten Papier sind zwei Standorte explizit als „maßgeblich für die Konsolidierung“ genannt, Homburg und Schweinfurt. In dem unterfränkischen Standort sind laut IG Metall circa 700 Stellen betroffen.
Herzogenaurach massiv betroffen vom Stellenabbau
Doch auch in Herzogenaurach fallen Stellen weg. Die haben vorrangig mit der Vitesco-Fusion zu tun. In der Mitteilung heißt es: „Schaeffler und Vitesco haben im Zuge der Integration eine Größenordnung von 600 Millionen Euro pro Jahr an Synergien vereinbart, die im Jahr 2029 vor allem durch Wachstum sowie Skaleneffekte im Einkauf erreicht werden sollen. Ein nachgeordneter Teil der Synergien soll wie bereits angekündigt auch durch Personalabbaumaßnahmen realisiert werden.“
Produktion außen vor, Zentralbereich betroffen
Davon betroffen seien insbesondere die Funktionsbereiche und die Zentralabteilungen an den Hauptsitzen Regensburg und Herzogenaurach, aber auch der Bereich Forschung & Entwicklung. Regensburg werde demnach zukünftig Sitz des Unternehmensbereichs Powertrain Solutions der Sparte Powertrain & Chassis von Schaeffler. Sitz der neuen Sparte E-Mobility von Schaeffler werde Herzogenaurach, das zugleich Sitz der Konzernzentrale bleibe. So schreibt es Schaeffler an die Medien.
Am Morgen hatte Schaeffler in seiner Mitteilung noch von gut 600 wegfallenden Stellen in Herzogenaurach und Regensburg gesprochen. Wie der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende von Schaeffler in Herzogenaurach, Grigore Beutura, am Telefon erklärt, hat das Management aber sogar 701 Stellen allein in Herzogenaurach im Visier. Dort arbeiten derzeit 8700 Menschen, 6000 davon in den sogenannten Zentralbereichen (alles außer Produktion). Bleibt es beim Abbau-Ziel, wird davon künftig jede achte Stelle wegfallen.
Beschäftigte am Firmensitz erfahren es auch erst am Dienstag
Die infrage kommenden Mitarbeitenden haben es selbst erst am Dienstag um 10 Uhr während eines Townhall-Meetings erfahren, wie Beutura erzählt. „Die sind nun erst einmal überfahren, das ist klar“, sagt er. Zwar sei klar gewesen, dass solche Maßnahmen kommen. Aber das Ausmaß sei den meisten nicht bewusst gewesen.
Immerhin aber spreche die Geschäftsführung laut Beutura davon, dass keine betriebsbedingten Kündigungen geplant seien, vielmehr solle der Abbau über die nächsten Jahre gestreckt und sozialverträglich stattfinden. Auch wolle Schaeffler selbst vorerst nicht aktiv auf die Beschäftigten zugehen, so Beutura, sondern setze zunächst auf freiwilliges Ausscheiden.
Stellenabbau soll sozialverträglich vonstattengehen
Schaeffler selbst formuliert es so: „Für die Umsetzung der Maßnahmen gelte in Deutschland weiter wie bisher die 2018 mit der IG Metall abgeschlossene Zukunftsvereinbarung. Der Abbau von Stellen solle im Wesentlichen über Fluktuation, Freiwilligenprogramme sowie Aufhebungs- und Altersteilzeitverträge erreicht werden“.
Dennoch behalte sich der Konzernbetriebsrat in den kommenden Wochen Aktionen vor, um seine Standpunkte in den nun anstehenden Detailverhandlungen zu untermauern. „Wir sind über den geplanten Stellenabbau schockiert und fordern den Arbeitgeber auf, unverzüglich Gespräche mit dem Betriebsrat aufzunehmen“, schreibt Betriebsratsvorsitzende Hanna Köhler. In Herzogenaurach steht am Donnerstag sowieso eine Betriebsversammlung an, diese dürfte unter den neuen Vorzeichen sicherlich hitziger ausfallen als gedacht.
IG Metall Bayern schießt scharf gegen Pläne von Schaeffler
Die IG Metall werde die veröffentlichten Stellenabbaupläne nicht akzeptieren, wie die Gewerkschaft mitteilt. „In unserer Zukunftsvereinbarung mit Schaeffler haben der Erhalt der deutschen Standorte und die Vermeidung betriebsbedingter Kündigungen einen zentralen Stellenwert. Wir pochen darauf, dass diese Zukunftsvereinbarung eingehalten und gelebt wird“, sagt der bayerische IG Metall-Bezirksleiter Horst Ott. „Ich fordere das Unternehmen auf, mit der Arbeitnehmerseite Gespräche über Alternativen zum Stellenabbau aufzunehmen.“
Das sagt Herzogenaurachs Bürgermeister German Hacker
Herzogenaurachs Bürgermeister German Hacker nimmt den angekündigten Stellenabbau vergleichsweise gelassen entgegen. „Klar ist Abbau nie gut“, sagt er auf Anfrage. „Aber ich mache mir um den Standort Herzogenaurach und das Gros der Arbeitsplätze hier keine Sorgen.“ Und das nicht nur, weil Schaeffler vor kurzem erst sein neues, 90 Millionen Euro schweres Technologiezentrum eröffnet hatte. „Wir sind und bleiben immerhin Hauptsitz eines weltweit führenden Unternehmens mit fast 120.000 Mitarbeitenden.“
Gibt es auch Abbau-Pläne in Höchstadt?
Immerhin gibt es auch gute Nachrichten für die Region: Laut Höchstadts Betriebsratsvorsitzendem Roland Holler sei das Werk in Höchstadt nicht von den derzeitigen Konsolidierungsmaßnahmen betroffen. Ein Schaeffler-Sprecher bestätigt das auf Anfrage und schreibt: „Der Abbau betrifft im Wesentlichen zehn Standorte in Deutschland, maßgeblich die Standorte Berlin, Hameln, Herzogenaurach, Homburg, Nürnberg, Regensburg, Schwalbach, Schweinfurt und Steinhagen.“
Trotz Krise: Schaeffler-Vorstand mit Gewinn eigentlich zufrieden
Zwar ging es Schaeffler in den ersten neun Monaten des Jahres 2024 (noch ohne Vitesco) wirtschaftlich vergleichsweise gut, wie der Konzern beinahe gleichzeitig in einer anderen Mitteilung erklärt. Die Umsätze stiegen auf 12,2 Milliarden Euro (währungsbereinigt). Selbst in der Autosparte ging es – wenn auch gering – nach oben. Vor Sondereffekten, Zinsen und Steuern stand ein Gewinn von 713 Millionen für die ersten neun Monate zu Buche. Und doch zu wenig, im Vorjahreszeitraum lag der Gewinn noch bei 964 Millionen Euro.
Vorstands-Chef Klaus Rosenfeld: „Mit den heute angekündigten Maßnahmen packen wir drei Dinge an: Wir bringen unser Lager- und Industriegeschäft zurück auf Kurs. Zweitens realisieren wir Kostensynergien aus dem Zusammenschluss mit Vitesco Technologies. Und drittens setzen wir die Transformation der Sparten Powertrain & Chassis und E-Mobility weiter fort. Das Programm ist in der aktuellen Umfeldlage notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit der Schaeffler Gruppe langfristig zu sichern.“
(Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde um 10.11 Uhr mit den Ausführungen von Höchstadts Betriebsratsvorsitzendem Roland Holler sowie um 12.00 Uhr mit den Ausführungen des Herzogenauracher Betriebsrats Grigore Beutura ergänzt.)
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