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Kriselnde Branche
Schaeffler vor Fusion: Mehr Stellenstreichungen angekündigt
Heikle Übernahmen, massiver Stellenabbau, Einstieg in Robotik und Rüstung. Schaeffler hat sich in den vergangenen Jahren verändert und zum Teil neu erfunden
Heikle Übernahmen, massiver Stellenabbau, Einstieg in Robotik und Rüstung. Schaeffler hat sich in den vergangenen Jahren verändert und zum Teil neu erfunden // Foto: Andreas Scheuerer/ FT-Archiv
Herzogenaurach – Automobilzulieferer Schaeffler vor großen Veränderungen: Fusion und Sparmaßnahmen. Was das für die Belegschaft in Herzogenaurach und Höchstadt bedeutet und warum der Betriebsrat Hoffnung macht.

Roland Holler wirkt entspannt am Telefon. Vielleicht liegt das auch daran, dass der Höchstadter Betriebsratsvorsitzende schon 44 Jahre bei Schaeffler arbeitet, sich dort seit Jahrzehnten für die Arbeitnehmerrechte einsetzt. Den 60-Jährigen schockt so schnell nichts mehr. Auch nicht die aktuellen Schlagzeilen, laut denen der Schaeffler-Vorstandsvorsitzende Klaus Rosenfeld in einem Interview mit der Wirtschaftswoche (Externer Link) weitere Stellenstreichungen nicht ausschließt. Und zwar noch mehr, als durch die seit Jahren bekannte Umstrukturierung sowie durch die bevorstehende Fusion mit Vitesco vorsehen. Die Frage lautet: Was heißt das für die Standorte Höchstadt und vor allem die Hauptzentrale Herzogenaurach?

Wie Pläne im Werk in Höchstadt ankommen

„Wir fahren auf Sicht“, sagt Holler, was pessimistischer klingt als es beabsichtigt ist. Fakt sei, dass es der gesamten Branche derzeit nicht gut gehe, weltweit. Und dass sich dadurch auch ungewollte Veränderungen ergäben. In „seinem“ Werk in Höchstadt, wo derzeit etwa 1600 Menschen arbeiten, sei die Stimmung im Moment noch relativ gut. Daran ändert auch die verordnete Kurzarbeit in einem kleinen Bereich der Industriesparte nichts. Ob sich das ändert, falls die Kurzarbeit eventuell auf weitere Abteilungen ausgeweitet würde, oder doch wider Erwarten Stellenstreichungen in Höchstadt bevorstünden, könne er hingegen nicht sagen.

Autohersteller und Zulieferer in Deutschland unter Druck

Autos zu bauen, macht keinen Spaß in diesen Tagen. Die deutschen Hersteller kämpfen mit schwachen Absatzzahlen und hohen Kosten für den Umstieg auf den E-Antrieb. Zugleich stockt das Geschäft im Ausland, vor allem in China. Mercedes und BMW kappten Gewinnerwartungen für das laufende Jahr. Volkswagen hat die seit Jahrzehnten geltende Beschäftigungssicherung mit den Gewerkschaften in Deutschland aufgekündigt und schließt Werksschließungen und betriebsbedingte Entlassungen nicht mehr aus.

Diese Entwicklung geht auch an den Zulieferbetrieben nicht spurlos vorbei. Nicht nur bei Schaeffler. ZF Friedrichshafen will bis 2028 bis zu 14.000 Stellen streichen, Bosch verliert seit Jahren gewollt an Personal, um nur zwei weitere Beispiele zu nennen. Einer aktuellen Umfrage der Unternehmensberatung Horvath zufolge plane derzeit mehr als jedes zweite deutsche Unternehmen der Automobilzuliefer-Branche, Personal abzubauen. Wegen der angespannten Lage sei bei den Autozulieferern mit weiteren Zusammenschlüssen oder Übernahmen zu rechnen, sagt Frank Göller, Partner und Automotive-Experte bei Horváth.

Schaeffler spart derzeit viel Geld - und Personal

Zurück zu Schaeffler. Dort passiert derzeit viel. Da ist zum einen das wegen eines „veränderten Marktumfelds und des sich beschleunigenden Wandels im Bereich der Antriebstechnologien“ notwendig gewordene Ziel, Geld zu sparen. Viel Geld. Bis Ende 2026 sollen es ungefähr 100 Millionen Euro jährlich sein, wie Schaeffler im November 2022 vorrechnete. Seither wurden und werden weiterhin Fixkosten reduziert und Stellen abgebaut. Knapp 1300 Stellen wurden seinerzeit genannt, die meisten davon in Deutschland. Auf Nachfrage nach dem aktuellen Stand heißt es aus der Herzogenauracher Konzernzentrale lediglich: „Die Maßnahmen werden wie ursprünglich formuliert und seinerzeit kommuniziert umgesetzt“.

Fusionierung mit Vitesco auf der Zielgeraden

Und da ist die sich auf der Zielgerade befindende Übernahme des Regensburger Automobilzulieferers Vitesco. Ist die Fusionierung mit dem Spezialisten für Elektroantriebe vollzogen, soll Schaeffler dann zur Top Ten der größten Automobilzulieferer der Welt aufsteigen, weltweit werden dann knapp 120.000 Menschen in mehr als 100 Werken für den Mega-Konzern tätig sein. Durch die Fusionierung erhofft sich Schaeffler zudem jährliche Einsparungen von etwa 600 Millionen Euro. Das meiste davon solle zwar nicht beim Personal eingespart werden. Aber nur das meiste.

Vitesco Regensburg
Zusammen mit Vitesco beschäftigt Schaeffler dann 120.000 Menschen weltweit. // Armin Weigel/dpa

Klaus Rosenfeld sprach in dem bereits zitierten Interview davon, dass weitere Streichungen möglich seien. „Das hat auch damit zu tun, dass wir noch prüfen, was sich - unabhängig vom eigentlichen Zusammenschluss - aus dem aktuellen Marktumfeld ergibt“, sagte er dem Blatt. Und: „Wir brauchen keine zwei Hauptquartiere. Auch bei bestimmten Funktionen sind wir doppelt besetzt. Wir werden also auch ausgewählte Stellen streichen müssen.“

Stellenabbau auch in Herzogenaurach? Das sagt der Betriebsrat

Die Belegschaft in Herzogenaurach ist mindestens alarmiert. Aber die Betriebsratsvorsitzende am Standort Herzogenaurach Hanna Köhler kann Entwarnung geben. „Wir haben die neue Struktur präsentiert bekommen“, sagt sie. Stellenabbau sei nicht vorgesehen. Der Tag der Fusionierung ist laut Köhler der 1. Oktober, bis Januar 2025 solle die neue Struktur in der Zentrale am Herzogenauracher Industrieweg komplett umgesetzt sein. „Wir als Betriebsrat sind mit dem Arbeitgeber im intensiven Austausch dazu. Unser größtes Ziel ist es, dass die bestehenden Kolleginnen und Kollegen gut informiert und die neuen Kolleginnen und Kollegen von Vitesco gut integriert werden.“

„Herzogenaurach ist und bleibt unser Hauptstandort" - ein wichtiges Versprechen von Schaeffler-Chef Klaus Rosenfeld.
„Herzogenaurach ist und bleibt unser Hauptstandort" - ein wichtiges Versprechen von Schaeffler-Chef Klaus Rosenfeld. // Schaeffler

Ob es nicht doch schon Pläne für einen weiteren Stellenbau gibt? Wo und wie viel Mitarbeitende davon sein könnten? All diese Fragen bleiben vorerst unbeantwortet, Konzernsprecher Axel Lüdeke schreibt auf Anfrage nur, dass man sich „über die Aussagen von Herrn Rosenfeld in dem Interview mit der Wirtschaftswoche hinaus zum jetzigen Zeitpunkt nicht äußern“ werde. Hoffnung aber machen die Aussagen Rosenfelds auf der Jahrespressekonferenz im März, wo er sich „positiv eingestellt“ über den Standort Herzogenaurach äußerte. „Herzogenaurach ist und bleibt unser Hauptstandort“, sagte er damals.

Ein Satz, den nicht nur Herzogenaurachs Bürgermeister German Hacker hört und laut eigener Aussage dementsprechend „entspannt" auf den aktuellen Fusionsprozess blickt. Auch der Belegschaft - vor allem in der Zentrale - machen solche Zeilen Mut. Wohl auch deshalb wirken die Betriebsratsmitglieder derzeit noch entspannt.

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