Mit 17 habe man noch Träume, heißt es. Mit 79 wohl auch: Er wolle mit dem Rad von Dover nach London fahren, um König Charles zu treffen, sagt Andreas Prinz von Sachsen-Coburg und Gotha. Klingt abwegiger, als es ist: Erstens ist Prinz Andreas passionierter Radfahrer, zweitens ist der englische König sein Vetter. Beide stammen von Queen Victoria und Prinzgemahl Albert ab, Prinz Andreas in der dritten, Charles in der vierten Generation.
Freilich: Ganz selbstverständlich ist es nicht, dass Prinz Andreas, wie er in Coburg meist genannt wird, noch eine Tour von Dover bis zum Buckingham-Palast ins Auge fasst, immerhin rund 140 Kilometer. Nicht nur, weil Prinz Andreas kommenden Dienstag 80 wird, sondern auch, weil ihm seit Jahren eine Parkinson-Erkrankung zu schaffen macht. Doch er klagt nicht, sondern tut, was er kann, um fit zu bleiben. So, wie er sein ganzes Leben lang versucht hat, das Beste aus allen Umständen zu machen.
„Letzten August war ich zweimal mit Flo Sitzmann unterwegs“, erzählt er. „Von Eisfeld nach Coburg und von Weilheim nach Garmisch-Partenkirchen.“ Flo Sitzmann, der „Mann ohne Beine“ und Prinz Andreas haben sich vor einigen Jahren kennengelernt. Prinz Andreas fuhr 2019 in mehreren Etappen von Coburg nach Gotha, eine Benefiztour zugunsten des Rotary-Hilfswerks. Weil sich bei den Rotariern auch der Coburger Max Beyersdorf engagiert, der seinerseits ein Freund von Flo Sitzmann ist, kam der Kontakt zustande. Beide, Prinz Andreas und Flo Sitzmann, fahren mit Spezialrädern: Prinz Andreas im dreirädrigen Flitzer mit Elektrounterstützung, Sitzmann mit Handantrieb.
Aufgewachsen in den USA
Geboren in Berlin, aufgewachsen hauptsächlich in den USA, 1965 nach Deutschland übergesiedelt, 1975 mit der Familie nach Coburg gezogen. 1971 geheiratet, drei Kinder: Das sind wesentlichen Lebensstationen von Prinz Andreas. Schon als Jugendlicher wusste er, dass er einmal Leiter der Stiftungsverwaltung sein würde. Darin sind die Familienstiftung (Grundbesitz) und die Stiftung Herzoglicher Kunstbesitz zusammengefasst. Das hatten seine Großeltern so verfügt.
Um die Stiftungen zu leiten, hätte er nicht nach Coburg ziehen müssen, denn erst 1997 konnte er den Stiftungsdirektor ablösen. Aber er tat es – um der Tradition willen und aus einem gewissen Verantwortungsgefühl. Er habe es für wichtig gehalten, dass die Familie in Coburg ist, sagt er. Die Leitung der Stiftung hat er 2012 an seinen ältesten Sohn Hubertus abgegeben. Aber er verfolgt nach wie vor, was sich tut, auch die Diskussion um Klimawandel, die beste Strategie gegen die Folgen. „Wir bauen unsere Wälder um“, sagt er. „Zu mehr Mischwald, um den Wald insgesamt widerstandsfähiger zu machen.“
Pläne für Elektro-Auto
Privat hat sich der Autofan schon ein Fahrzeug mit Hybrid-Antrieb zugelegt, das nächste wird „wahrscheinlich“ ein Elektro-Auto. Solche Dinge, Waldumbau und Umstieg auf Elektro-Antrieb, seien sinnvoller als „fragwürdige Aktionen“, meint er. „Es ist niemals etwas geändert worden durch Aktionen wie Schule schwänzen um zu protestieren oder sich irgendwo festzukleben.“
Laute Worte waren seine Sache nie. Er versuchte, durch sein Handeln zu überzeugen, Taten sprechen zu lassen. Als 1989 die innerdeutsche Grenze fiel, hätte er – wie viele andere frühere Herzöge – lange Rechtsstreitigkeiten über die Rückerstattung von Vermögen führen können. Er suchte die gütliche Einigung, kaufte zunächst Wald in Thüringen und erhandelte sich weitere Flächen zurück. Dafür verzichtete die Herzogliche Familienstiftung auf Kunstschätze und Schlösser in Thüringen, die in die neu gegründete Stiftung Schloss Friedenstein eingingen. Dass er bei den Aufforstungsarbeiten in Thüringen selbst mit anpackte, brachte ihm den Respekt und die Zuneigung der neuen Nachbarn ein.
Ein echter Europäer
Er selbst sah sich stets als Europäer. Da spielen natürlich die familiären Verbindungen eine Rolle: Mitglieder des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha sitzen auf den Königsthronen in Belgien und Schweden. Auch Bulgariens früherer Ministerpräsident Simeon Sakscoburggotski gehört zur Verwandtschaft wie all die Abkömmlinge von Albert und Victoria.
Nur zur Verwandtschaft in England sei der Kontakt „milde gesagt etwas lau“, sagt Prinz Andreas. Das liegt im Wesentlichen an seinem Großvater, dem letzten regierenden Herzog Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha. Im Ersten Weltkrieg kündigte er als deutscher Fürst die Verwandtschaft mit England auf, denn beide Länder führten gegeneinander Krieg. Das englische Königshaus nannte sich in Windsor um. Nach dem Krieg unterstütze Carl Eduard früh die Nazis, pflegte aber auch engen Kontakt zum englischen Kronprinzen, dem späteren König Edward VIII. Der schien für die nationalsozialistische Ideologie durchaus offen, wollte aber die geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson heiraten und musste deshalb abdanken.
Die Queen blieb auf Distanz
Nachfolger wurde sein jüngerer Bruder, George VI. Dessen Gemahlin Elizabeth, die „Queen Mum“, „war eine Deutschen-Hasserin, und unter diesem Umstand war für mich schwierig, einen Kontakt zu bekommen.“ Auch Georges Nachfolgerin, die 2022 verstorbene Queen Elizabeth II., blieb zur deutschen Verwandtschaft auf Distanz. „Mit König Charles III. ist es leichter, da ich ihn bereits einige mal getroffen habe. Es könnte sein, dass vielleicht in der Zukunft Besuch aus England nach Coburg kommt“, hofft Prinz Andreas.
Wenn er zurückblickt auf sein Leben, „würde ich zu 90 Prozent wieder machen, was ich getan habe“, sagt er selbst. „Es ist mir gelungen, das Haus Sachsen-Coburg und Gotha zum anerkannten Mitglied des deutschen Adels zu machen, unter Namen wie Habsburg und Hohenzollern, und ich bin stolz und glücklich, dass es mir gelungen ist, einen Teil unseres Besitzes zurück zu bekommen“. Bliebe nur noch die Radtour von Dover nach London, „um meinen Vetter zu treffen“. Wer Prinz Andreas kennt, weiß: Wenn er es sich zutrauen kann, wird er es versuchen. Aber unnötige Risiken eingehen wird er nicht.
Großer Empfang am Dienstag in der Ehrenburg
Termin Aus Anlass des 80. Geburtstags von Andreas Prinz von Sachsen-Coburg und Gotha gibt es am kommenden Dienstag einen Empfang im Riesensaal von Schloss Ehrenburg in Coburg.
Geladen sind mehr als 200 Gäste, darunter auch sehr viele Mitglieder aus deutschen Adelshäusern.
HINTERGRUND: Kleines Adels-Abc
Hoheit, Herzog, Prinz?
Der Adel in Deutschland wurde 1918 abgeschafft. Herzöge, Könige, Kaiser hatten nichts mehr zu sagen. Aber sie konnten die Titel zumindest in die Namen retten, wenn auch nicht mehr vererben. Carl Eduard war der letzte Coburger „Herzog“, seine Nachkommen nennen sich „Prinz“ oder „Prinzessin“. Den entscheidenden Unterschied macht die Wortstellung: Korrekt ist Andreas Prinz von Sachsen-Coburg und Gotha, weil „Prinz“ Teil des Nachnamens ist. Anreden wie „Prinz Andreas“ oder „Erbprinz Hubertus“ sind sozusagen Volksmund und sparen Zeit und in der gedruckten Zeitung auch Platz.
Orden und Ehrenzeichen?
Es gibt ihn noch, den Sachsen-Coburg-Gotha’schen Hausorden. Den kann der Chef des Hauses verleihen, wem er will. Eine offizielle Auszeichnung wie das Bundesverdienstkreuz ist der Orden aber nicht.
Plötzlich Prinzessin?
Kelly Prinzessin von Sachsen-Coburg und Gotha ist von der Herkunft eine bürgerliche Amerikanerin. Aber: Als Chef des Hauses konnte Prinz Andreas sie zur Prinzessin machen. So, wie es sein Vater Friedrich Josias mit Karin Dabelstein tat, das ist der Mädchenname von Prinz Andreas Frau. Dann ist die Anrede „Prinzessin“ möglicherweise für andere Adelige verpflichtend, wenn sie denn diese Tradition noch pflegen. Aber „Prinzessin“ sagen muss keiner.
Hausgesetz?
Es regelt unter anderem, wer Chef des Hauses werden darf. Bei Sachsen-Coburg und Gotha ist das der älteste männliche Nachkomme des Chefs. Mädchen sind noch außen vor. Prinz Andreas könnte das Gesetz ändern, hat es aber noch nicht getan. Dass er nun Chef des Hauses ist, liegt an einer älteren Version des Hausgesetzes. Es schloss Nachkommen von der Erbfolge aus, die nicht standesgemäß heirateten, wie den ältesten Sohn von Carl-Eduard, Leopold. Weil der zweite Sohn Hubertus im Zweiten Weltkrieg fiel, wurde der jüngste Sohn, Friedrich Josias, Chef des Hauses, der Vater von Prinz Andreas. Der nutzte seine Position als Chef des Hauses unter anderem dafür, seine beiden weiteren Eheschließungen für standesgemäß zu erklären.
Königliche Hoheit?
Diese Anrede hätte Herzog Carl Eduard noch zugestanden, schließlich war seine Großmutter Königin. Aber schon Herzog Ernst II. hatte die Anrede „Seine herzogliche Durchlaucht“ in „Seine Hoheit“ ändern lassen, „um so besser am englischen Tisch platziert zu werden“, sagt Prinz Andreas. Die höfische Etikette nimmt auf Titel Rücksicht, und als älterer Bruder von Prinzgemahl Albert wollte Ernst II. gewiss nicht irgendwo sitzen. Seit 1918 gibt es keine „Hoheit“ mehr. „Mich nennt man Prinz Andreas oder „Prinz Coburg“. Ich bin Bürger der Bundesrepublik Deutschland und damit nicht mehr oder weniger als Herr Meier oder Schmidt“, sagte Prinz Andreas einmal in einem Interview.
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