0
Bildung
Mit dem Quali zum Hochschuldozenten
alumni
Arsalan Hajian spricht mit den beiden Siebtklässlern Janek und Amir, die über ihren Tag erzählen. // Christiane Lehmann
alumni
Arsalan Hajian spricht mit den beiden Siebtklässlern Janek und Amir, die über ihren Tag erzählen. // Christiane Lehmann
Coburg – An der Coburger Rückertschule kommen täglich ehemalige Schüler, die über ihre Lebensgeschichte sprechen. Sie wollen Vorbild sein und die Jugendlichen bestärken, an sich und ihre Fähigkeiten zu glauben. Ziel ist es, dass alle ihren Quali machen.

Sprungbrett Rückertschule. Vom Mittelschüler zum Hochschuldozenten, zum Projektleiter, Polizisten, Sozialpädagogen oder zum Bürgermeister der Stadt. All das ist möglich. In Coburg ist es Realität. Und trotzdem haben Mittelschulen allgemein ein negatives Image, die Schüler kämpfen mit Vorurteilen und einem schwachen Selbstwert. 

alumni
Bürgermeister Can Aydin unterhält sich mit Matthias Völker und Sören Foerster-Wagner von der Kommunalen Jugendsrbeit über das Projekt. Er selbst war Rückertschüler und unterstützt die Aktion aktiv, in dem auch er den Schülern von sich und seinem Lebensweg erzählt. // Christiane Lehmann

Täglich zwischen 13 und 14 Uhr

Das Alumni-Projekt der kommunalen Jugendarbeit steuert dagegen. Täglich kommen von Montag bis Donnerstag ehemalige Schüler der Rückertschule zwischen 13 und 14 Uhr aufs Gelände der Schule. Als Mentoren bieten sie sportliche Aktivitäten an, teilen ihre Lebensgeschichten und stehen den Schülern als Ansprechpartner für alltägliche Sorgen zur Seite. Das Ziel ist klar: Alle Jugendlichen sollen mit einem Schulabschluss in die Zukunft starten.

Kein Abgang ohne Abschluss

„Wir können es uns nicht leisten, dass Jugendliche ohne Schulabschluss dastehen“, sagt Bürgermeister Can Aydin, dem das Projekt besonders am Herzen liegt. Er selbst ist ehemaliger Rückertschüler. „Ich möchte den Jungen und Mädchen ein Vorbild sein und ehrlich mit ihnen reden. Die Jugendlichen finden es gut, wenn Probleme offen angesprochen werden und man Tacheles mit ihnen spricht“, sagt er aus Erfahrung. Das Glück sei mit den Fleißigen, lautet seine Devise. Das vermittelt er auch: „Wer was erreichen möchte, muss sich auch mal den Hintern aufreißen.“

Man kann alles schaffen

Das sieht auch Sergej Kiman so. Nach der 6. Klasse ist er auf die Realschule gewechselt, hat seine Mittlere Reife gemacht und eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann. Ein paar Jahre später schulte er zum Polizisten um. Sein ehrenamtliches Engagement für das Alumni-Projekt sieht er einerseits als präventive Polizeiarbeit, anderseits möchte er den Jugendlichen vermitteln, dass sie alles erreichen können, was sie wirklich wollen. „Man kann alles schaffen“, sagt der Mann, der mit zehn Jahren aus Kasachstan nach Coburg kam.

alumni
Tobias Seidenstricker undSergej Kiman liegt Integration sehr am Herzen. Sie machen mit den Schülern Sport und besprechen Probleme. // Christiane Lehmann

Nur das Beste ist gut genug

Immer nach dem Besten streben. Nach diesem Motto lebt Tobias Seidenstricker. „Das möchte ich weitergeben“, sagt er. Der Erfolg bestärkt ihn. Der Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik ist mittlerweile Projektleiter eines großen Planungsbüros. Demnächst wird er mit einer 3D-Präsentation für das Berufsbild in der Mittelschule werben. „Normalerweise mache ich mit den Schülern Sport, wenn ich hier bin, aber wir reden auch viel über ihre Pläne und über ihre Zukunftsängste.“

Anstrengen und Verantwortung übernehmen

Ullas Ayvalioglo studiert an der Hochschule in Coburg Sozialpädagogik und steht kurz vor dem Abschluss. Er sagt: „Ich hätte mir früher jemanden gewünscht, der mir Wege aufzeigt, der mein Vorbild ist, zu dem ich hochschauen kann.“

alumni
Von Mann zu Mann: Ullas Ayvalioglo nimmt sich den Problemen des Schülers an und motiviert ihn, Lösungen zu finden. // Christiane Lehmann

Damals gab es so etwas wie ein Alumni-Projekt nicht. Seine Fragen und Probleme verarbeitete er in Texten, die er als Rapper vorgetragen hat. Immer wieder spricht ihn mal ein Jugendlicher darauf an.

“

 Ich sage den Kids: Wenn ihr euch richtig anstrengt, Verantwortung übernehmt und wisst, was ihr wollt, wird es auch klappen.

”
Ullas Ayvalioglo ehemaliger Rückertschüler, jetzt Studierender an der Hochschule Coburg

Nie aufgeben – immer weiter machen

Bestes Beispiel dafür ist Arsalan Hajian. Der 23-Jährige stammt aus dem Iran. Er schloss an der Rückertschule mit dem Quali ab, machte an der Heiligkreuzschule als bester Schüler Oberfrankens seine Mittlere Reife. Er besuchte die Fachoberschule, dann die Fachhochschule. Einem Einser-Fachabitur folgte die Hochschulreife am Gymnasium, die er ebenfalls mit einem Einser-Schnitt abschloss. Er studierte zunächst Mathematik an der Technischen Universität München, wechselte allerdings aus finanziellen Gründen an die Hochschule Coburg, um Maschinenbau mit Schwerpunkt Wirtschaft und Ingenieurwesen zu studieren. Sein Ziel: „Ich möchte promovieren und als Dozent an einer Hochschule arbeiten. „Nie aufgeben, immer weitermachen", ist sein Antrieb, den er beim Boxen oder Selbstverteidigungskursen vermitteln möchte. 

Verbindlichkeit ist wichtig

Matthias Völker, der als Sozialpädagoge das Projekt leitet, sieht in der Initiative einen enormen Mehrwert für die Schule. Die Glaubwürdigkeit und das Vorbild der Alumni wirken besonders motivierend auf die Schüler.  Die Verbindlichkeit, dass die Männer täglich Ansprechpartner sind, sei ein großes Plus. Schulleiter Norbert Trütschel stimmt dem zu: „Das Schulklima hat sich deutlich verbessert!“

Es sei einfach zwanglos, wenn die Mentoren mit den Jugendlichen reden, meint Ullas  Ayvalioglo. „Schule ist ein Muss, wir nicht“, sagt der junge Mann. Wann hätten die 13- und 14-Jährigen schon mal die Chance, mit einem fremden Erwachsenen über ihre Gedanken zu sprechen? „Sie spüren, dass wir einen gemeinsamen Nenner haben, dadurch, dass auch wir auf diese Schule gegangen sind. Das verbindet und schafft Vertrautheit.“

Vorbild und Vertrautheit

Draußen auf dem Pausenhof tummeln sich die Schüler. Kaum tauchen die Mentoren auf, bilden sich rund um sie einzelne Gruppen. Janek und Amir, die beide in die 7 g gehen, sprechen mit Arsalan Hajion über ihre Klassenarbeit und wie die Mathestunde heute so war. „Der Arsalan ist cool. Mit ihm können wir auch über Probleme sprechen“, sagt Janek. Und er habe schon mal einen Streit, ja sogar eine Schlägerei geklärt. „Ich kenne diese Situationen, das war ja früher auch nicht anders“, erläutert der angehende Maschinenbauer. Tobias Seidenstricker und Sergej Kiman werden von Mädchen umringt, die ebenfalls über ihren Tag erzählen. Sie sind in der Sportgruppe und finden es toll, dass es dieses Projekt gibt. 

Bitte nicht stören, scheint auf der Stirn von Ullas Ayvalioglo zu stehen. Er ist im intensiven Gespräch mit einem Schüler, der ein Problem hat. Bis vor ein paar Monaten kannten sich Schüler und Mentoren nicht. Mittlerweile haben sie einen vertrauten Umgang. Es macht sichtlich Spaß Vorbild zu sein und ein Vorbild zu haben.

Schüler stärken

Das Alumni-Projekt läuft im Rahmen des Modellprojekts „Jetzt ihr!“, das im November gestartet ist. Es zielt darauf ab, die rund 330 Schülerinnen und Schüler in ihren sozialen Kompetenzen zu stärken, ihre Talente zu fördern und sie in der konstruktiven Konfliktlösung zu unterstützen.

Wer Interesse hat, mitzuwirken und Teil dieser inspirierenden Gemeinschaft werden möchte, ist eingeladen, sich bei der Koordinierungsstelle unter der Telefonnummer 09561-894945 oder per Mail matthias.voelker@coburg.de zu melden. Dringend werden Frauen gesucht, die ebenfalls an der Rückertschule waren und sich jetzt gern als Mentorinnen und Vorbilder engagieren möchten. 

Lesen Sie dazu auch

Inhalt teilen
  • kopiert!