Wir treffen uns mit Dominik Sauerteig (SPD) in dessen Büro im Coburger Rathaus, das soeben frisch renoviert worden ist. Auch der OB selber wirkt aufgeräumt. Seine betont gute Laune passt auch gut zu unserer Einstiegsfrage.
Herr Sauerteig, nachdem Sie die ersten zwei Jahre ein OB im Dauer-Krisen-Modus waren, ist uns zuletzt etwas aufgefallen. Egal, ob beim Spatenstich für die Trendsportanlage oder bei der Eröffnung des Bildungshauses: Man hat gesehen, wie Sie kräftig lachen! Finden Sie also doch so langsam Freude an dem Posten?
Dominik Sauerteig: Es ist ein großes Privileg, in meiner Heimatstadt als OB Verantwortung tragen zu dürfen, aber natürlich auch eine große Aufgabe. Der Einstieg war mit Corona wirklich kein schöner. War die Pandemie halbwegs überwunden, kam der Ukraine-Krieg mit seinen Herausforderungen auch für uns in Coburg. Nebenbei die schwierige Lage bei Regiomed. Dann kam der Tod von Thomas Nowak dazu, gerade zu einem Zeitpunkt, als wir Bürgermeister gut aufeinander eingespielt waren.
Der Normalmodus bringt mich nun aber immer häufiger auch zu freudigen Ereignissen aus dem Rathaus heraus. Raus können, mit Menschen zusammenkommen, Meinungen anhören, mit ihnen diskutieren, Lob bekommen – , auch das kommt vor! – und Kritik anhören. Gemeinsam Lösungen suchen – das ist genau das, warum ich mich um das Amt beworben habe.
Wie fällt Ihre Halbzeitbilanz aus: Was lief gut, was hätte besser laufen können?
Wenn man den Aufstieg Coburgs in der jüngsten Prognos-Studie als Maßstab nimmt und auch die vielfältigen Investitionen in allen Lebensbereichen anschaut, die wir als Stadt tätigen, dann läuft es trotz aller Krisen und Herausforderungen gut. Wir haben eine sehr hohe Lebensqualität in Coburg, das spiegeln mir auch regelmäßig begeisterte Besucher unserer Stadt wider. Wir Coburger selbst nehmen das leider nicht immer so wahr.
Natürlich haben die besagten Krisen zu Verzögerungen geführt. Aber mein Credo war immer, dass auch in Krisenzeiten Platz sein muss für Stadt- und Standortentwicklung und für das, was man vor der Wahl gesagt hat: Stadtentwicklung aus einem Dreiklang aus sozialer Gerechtigkeit, ökologischer Nachhaltigkeit, basierend auf einem Fundament der wirtschaftlichen Dynamik. Bei all diesen Bereichen bohren wir viele dicke Bretter.
Was waren denn die „dicksten Bretter“?
Beim Neubau des Klinikums sind wir gemeinsam mit dem Landkreis gut vorangekommen. Die Situation der hausärztlichen Versorgung wird in meinem Auftrag durch die Wifög im Rahmen unseres kommunalen Handlungsspielraums intensiv bearbeitet. Sehr wichtig sind mir auch der Aktionsplan zur nachhaltigen und klimafreundlichen Stadtentwicklung, das Integrierte Stadtklimakonzept und das Radwegekonzept. Damit haben wir die Grundlagen für ein klimaangepasstes Coburg gelegt. Außerdem investieren wir weiter stark in den Bildungsstandort. Aber natürlich gibt es auch Dinge, die ich im Nachhinein anders gemacht hätte oder die nicht immer ideal gelaufen sind.
Können Sie dafür Beispiele nennen?
Wir haben viel Aufwand bei der Etablierung einer Freiflächengestaltungssatzung betrieben, waren an der ein oder anderen Stelle vielleicht zu ambitioniert und haben es auch zunächst nicht gut genug erklärt.
Oder die unnötige öffentliche Diskussionen über die Unterstützung der Stadt gegenüber der Firma Brose bei der Standortsicherung und dem Erhalt der für Coburg wichtigen Arbeitsplätze. Der starke Wirtschaftsstandort ist ein hoher Standortvorteil im Wettbewerb der Regionen. Das ist uns natürlich bewusst. Als gelernter Wirtschaftsjurist mit Tätigkeit als Gewerkschaftsjurist sind mir Industrie und Wirtschaft sehr nahe. Bei meinen Unternehmensbesuchen versuche ich mich immer auch mit dem Betriebsrat auszutauschen und in die Belegschaft hineinzuhören. Erst jüngst habe ich mir mit unserem Baureferenten einiges bei Brose angeschaut und pragmatisch in die Umsetzung gegeben.
Jetzt haben Sie uns neugierig gemacht: Um was ging es bei dem Besuch bei Brose?
Herr Stoschek hatte uns eingeladen. Wir waren auch auf dem obersten Deck des neuen Brose-Parkhauses in der Bamberger Straße. Von dort war sehr zu gut zu sehen, wie viel Grün es auf dem Brose-Areal gibt.
Auch unter meiner Führung ist Coburg eine wirtschaftsfreundliche Stadt. Fakten wie beispielsweise ein niedriger Gewerbesteuerhebesatz und massive Investitionen in die Infrastruktur sprechen eine deutliche Sprache.
Zu einem anderen Thema: Es heißt, dass Sie mit den Regiomed-Strukturen, wie Sie sie vorgefunden haben, nicht besonders glücklich sind. Lässt sich daran aber zeitnah etwas ändern? Und was bedeutet das alles für den Neubau des Klinikums?
Der Neubau des Klinikums ist das zentrale Jahrhundertprojekt von Stadt und Landkreis Coburg. Er wird nicht an den Regiomed-Strukturen scheitern. Denn ohne den zentralen Standort in Coburg funktioniert medizinische Versorgung in den weiteren beteiligten Landkreisen nicht. Das wissen alle Beteiligten. Aber natürlich ist die Struktur mit gleichen Anteilen unabhängig von der Bedeutung des jeweiligen Klinikstandortes ein Geburtsfehler von Regiomed. Diesen zu beheben erscheint mir unumgänglich.
Wird das neue Klinikum Coburg am Tag seiner Eröffnung noch ein Klinikum innerhalb des Regiomed-Konzerns sein?
Stand heute gehe ich davon aus.
Aber Ihre Hand würden Sie nicht dafür ins Feuer legen?
Nein. Aber ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass das neue Klinikum dann noch in kommunaler Trägerschaft sein wird. Die klinische Gesundheitsversorgung gehört aus meiner Sicht nicht in die Hände privater Investoren, die damit Rendite machen wollen.
Zum Theater: Es heißt mitunter, dass Sie kein besonders großer Fürsprecher des Landestheaters wären. Hier hätten Sie jetzt die Gelegenheit, das zu widerlegen!
Klatsch und Tratsch und das bewusste Streuen von Falschmeldungen oder das Ergebnis von stiller Post ist leider auch Realität in Coburg. Vermutlich hat noch nicht jede oder jeder das Ergebnis der Kommunalwahl verkraftet.
Mein Vater war fast 40 Jahre am Landestheater beschäftigt. Ich selbst stand dort als kleines Kind auf der Bühne. Das Landestheater ist insofern ein Teil meiner Biografie. In den Corona-Jahren habe ich versucht, jede mögliche Premiere zu besuchen. Und es war teilweise schon traurig zu sehen, wenn sich Musiker, Schauspieler und Tänzer, aber auch die Mitarbeiter hinter den Kulissen, für 50 Zuschauer abgemüht haben. Aber sie sollten in dieser schweren Zeit Rückendeckung von mir bekommen. Mit dem Ende von Corona und dem damit einhergehenden Nachholeffekt bei Veranstaltungen habe ich es aber leider deutlich weniger ins Theater geschafft.
Was das Thema Sanierung des Gebäudes am Schlossplatz betrifft, sind wir zwischenzeitlich in den Verhandlungen mit dem Freistaat gut vorangekommen. Aber ja, die Sanierung erreicht wohl Dimensionen, die für eine Stadt mit gut 41.000 Einwohnern ein gewaltiger Kraftakt würde. Bestehendes angesichts der vielfältigen Herausforderungen der Zukunft auch mal zu hinterfragen, und transparent zunächst mit der Stadtpolitik und anschließend mit der Stadtgesellschaft zu diskutieren und zu entscheiden, das muss daher basierend auf Fakten in allen Bereichen immer möglich sein.
Ein richtiges Bekenntnis zur Sanierung des Landestheaters war das jetzt nicht.
Wie gesagt: Entscheidungen von dieser Tragweite muss meines Erachtens die gesamte Stadtgesellschaft diskutieren und nicht von oben bestimmt werden.
Coburg hat sehr viel Geld auf der hohen Kante. Im Stadtrat kam jüngst die Forderung, sich doch auch mal was zu gönnen. Wie stehen Sie dazu, und wie würde Ihre Prioritätenliste aussehen?
Wichtig ist mir persönlich, dass wir die Themen, für die wir in den vergangenen Jahren das Feld bestellt haben, jetzt in die Umsetzung bekommen. Das sind unter anderem das Globe und das Güterbahnhofsareal – hier wird ein tolles neues Quartier entstehen mit Kultur, Veranstaltungen, Forschung und Gründergeist. Weitere Projekte sind der Klinikneubau und die Regiomed-Konsolidierung, die hausärztliche Versorgung, die Sanierung der Schulen, Straßen und Brücken, die Energiewende, der Glasfaserausbau und die Digitalisierung – und das Aquaria.
Außerdem will ich gemeinsam mit meinem Bürgermeisterkollegen Can Aydin das Thema Kinderbetreuung wieder ganz nach oben auf die Agenda heben. Denn Kinder sind Zukunft. Wir waren hier in der Vergangenheit lange bayernweit Spitzenreiter. Andere haben aufgeholt und überholt. An die Spitze wollen wir, was Qualität und Quantität betrifft, wieder hin. Den Masterplan zur Kinderbetreuung, der in der vergangenen Stadtratsperiode von mir als Stadtrat für die SPD-Fraktion beantragt wurde, gilt es umzusetzen und fortzuschreiben.
Wenn ich persönlich einen Wunsch frei hätte, der aus einem Füllhorn bedient werden könnte, dann wäre das sicher kostenfreie und qualitativ hochwertige Bildung und Betreuung auf allen Ebenen und für alle Generationen vom Neugeborenen bis zum Hundertjährigen. Auch wenn das wohl eher eine Aufgabe von Land und Bund wäre.
Apropos Landespolitik: Ihr Bruder Stefan Sauerteig möchte am 8. Oktober in den Landtag gewählt werden. Wenige Tage vorher bekommt CSU-Chef Söder bei der Eröffnung des Globes in Coburg nochmal eine große Bühne. Ärgerlich, oder?!
Nach der Landtagswahl wird die Region mit Stefan Sauerteig endlich einen Abgeordneten in München haben, der sich hartnäckig über fünf Jahre intensiv für die Stadt Coburg und die Region einsetzt. Und wer weiß, vielleicht wird es ja auch ein Abschiedsbesuch von Herrn Söder. Der wird dann ähnlich freundlich wie der Empfang beim Festakt zu 100 Jahre Coburg zu Bayern.
Hintergrund
Dominik Sauerteig (SPD) ist seit 1. Mai 2020 Oberbürgermeister der Stadt Coburg. Nachdem er im ersten Wahlgang auf 27,9 Prozent der Stimmen gekommen war, setzte er sich in einer Stichwahl mit 57,1 Prozent gegen Christian Meyer (CSU) durch. Sauerteig hat angekündigt, sich 2026 zur Wiederwahl zu stellen.
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