In Coburg läuft vieles gut. Die Stärken-Schwäche-Analyse der Instituts IW Consult zeigt: Die Stadt punktet in Sachen Kinderbetreuung, Wirtschaftsstruktur und Lebensqualität. Doch sie zeigt auch Schwachstellen auf: Überdurchschnittlich viele Schulabgänger ohne Abschluss, weniger Baugenehmigungen, eine hinterherhinkende Glasfaserversorgung. Wie geht der Oberbürgermeister mit den Fakten um? Was resultiert aus dem Gutachten? Wir haben den Oberbürgermeister dazu befragt:
Herr Oberbürgermeister, vorneweg: Welche Vision haben Sie für Coburg?
Dominik Sauerteig: Ich habe eine klare Vorstellung von der Zukunft unserer, meiner, Heimatstadt. Kürzlich hatte ich wieder einmal Viertklässler mit großen Augen und neugierigen Fragen zu Besuch im Rathaus. Da geht mir das Herz auf. Diesen Kindern in Coburg einen guten Start ins Leben zu ermöglichen, treibt mich bei meiner Arbeit als Oberbürgermeister an.
“Wir müssen Coburg noch „enkeltauglicher“ machen. Fit für die Zukunft und lebenswert auch noch in vielen Jahrzehnten.
”
Meine Agenda zur Wahl 2020 war ja eine langfristige Vision für unser Coburg. Ich habe die Chance erhalten, diese Ziele für alle anzugehen. Ich trete ein für ein soziales und ökologisches Coburg, basierend auf einem Fundament der wirtschaftlichen Stärke und Dynamik. Dieser Dreiklang wird für mich weiterhin stets im Vordergrund stehen.
Wie sehen Ihre politischen Ziele konkret aus?
Meine politischen Ziele sind klar: Coburg ist auch in den 30er Jahren eine moderne, spannende, lebenswerte Stadt ist – auf der Höhe der Zeit und auf der Höhe der notwendigen Veränderungen. Trotz zunehmender Hitze und Starkregenfällen lässt es sich gut in unserer Stadt leben.
Der Wirtschafts- und Industriestandort Coburg brummt.
Wir haben eine lebendige Innenstadt mit noch größerer Aufenthaltsqualität. Es gibt ein gutes Miteinander von Fußgängern, Fahrrad- und PKW-Fahrern, exzellente Rahmenbedingungen für Betreuung aller Generationen und weiterhin erstklassige Schulen.
Wie steht es um die zeitliche Umsetzung?
Ich freue mich, dass vieles von dem, was ich in den vergangenen vier Jahren selbst auf den Weg gebracht oder unterstützt habe, nun anfängt zu greifen. Leider dauern politische Prozesse länger als beispielsweise in Unternehmen. Corona und der Ukraine-Krieg mit seinen Folgen haben ihr Übriges getan.
Aber jetzt können wir „ernten“: Coburg ist bayernweit die Stadt mit der höchsten Kitaplatzquote. Wir haben vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) bundesweit den hervorragenden dritten Platz im Regionenranking erhalten.
Die Steuerkraft der Stadt liegt vor München und Erlangen, die Hochschule rückt näher an die Stadt. Das erstellte Klimaschutz- und Klimafolgenanpassungskonzept mit mehr Grün auch für die Innenstadt kommt in die Umsetzung, eine wichtige Studie zum Umgang mit Starkregenereignissen wird bald vorgestellt, der Hochwasserschutz ist sehr weit fortgeschritten. Das Radwegekonzept wird Stück für Stück umgesetzt.
Die Sportlandschaft in der Stadt sucht ihresgleichen, die Rückertschule wird derzeit generalsaniert. Regenerative Energien und das Ladenetz werden ausgebaut, die Digitalisierung der Stadtverwaltung und der Coburger Schulen ist auf einem Toplevel. Der vollständige Glasfaserausbau und der Ausbau der Fernwärme durch die SÜC läuft auf Hochtouren. Alles in allem kommen wir bei vielen Zukunftsthemen gut voran. Und das wird außerhalb Coburgs auch sehr deutlich wahrgenommen.
Nachdem Coburgs Stärken-Schwächen-Analyse durch IW Consult vorliegt: Wie geht die Stadt damit um? Was passiert damit?
Der Wirtschaftsstandort Coburg ist stark dank vieler weitsichtiger und herausragender Unternehmerpersönlichkeiten sowie engagierter Beschäftigter.
Als Stadt Coburg flankieren wir diese Dynamik mit wirtschaftsfreundlichen Rahmenbedingungen wie einem sehr niedrigen Gewerbesteuerhebesatz und vielen anderen Bausteinen wie beispielsweise hervorragender Kinderbetreuung oder dem flächendeckenden Glasfaserausbau. Wir setzen uns daher grundsätzlich mit Rankings dieser Art für die Stadt Coburg auseinander. Wir differenzieren dabei selbstverständlich, wie aussagefähig diese Untersuchungen sind. Eines der aussagekräftigsten Rankings in Deutschland ist das Ranking der IW Consult.
Um das genauer zu betrachten, waren wir jüngst mit dem Verfasser der Umfrage und wichtigen Akteuren der Coburger Wirtschaft im direkten Austausch und wir sind aktuell dabei, dieses Ranking in unterschiedlichen Szenarien unter möglicherweise geänderten Voraussetzungen zu betrachten. Daraus wollen wir ableiten, was passieren würde, wenn sich Ausgangslage oder Stellschrauben für uns ändern.
Wichtig ist für uns dabei, dass wir uns nicht auf den diesjährigen guten Ergebnissen ausruhen wollen. Sie sind Ansporn und auch Herausforderung, diese Werte zu halten, gegebenenfalls zu verbessern. Und sie sind auch Grundlage dafür, Risiken frühzeitig zu erkennen und Handlungsoptionen für ein gemeinsames Gegensteuern zu entwickeln.
Welche Rolle spielen dabei Ökologie und Nachhaltigkeit als Aspekte der Lebensqualität?
Ökologie und Nachhaltigkeit sind inzwischen wichtige Entscheidungskriterien sowohl für die Attraktivität eines Wohnstandortes als auch für die Attraktivität eines Wirtschaftsstandortes.
Die Stadt Coburg setzt sich seit vielen Jahren, nicht erst seit es Mainstream Trend ist, damit auseinander. Nehmen Sie unsere Grün- und Frischluftschneisen oder sehen Sie sich einmal die Coburger Gewerbegebiete an, dies insbesondere im Vergleich mit Gewerbegebieten benachbarter Städte. Sie werden dabei viel Grün, großzügige Freiräume und auch Möglichkeit zur Erhaltung der Artenvielfalt finden, während in Vergleichsstädten Gewerbegebiete in den meisten Fällen frei von Grün und nur graue Zonen sind. Insofern glauben wir, dass eine ideologiefreie Betrachtung von Ökologie und Nachhaltigkeit ein wichtiges Ansiedlungsargument sowohl für Menschen als auch für Unternehmen ist.
Konkret möchte die Wifög neue Gewerbegebiete ausweisen bzw. neu entwickeln, um die Ansiedlungs- und Immobilienentwicklung der Stadt zu fördern und neue Räume zu schaffen. Wo sollen neue Gewerbegebiete ausgewiesen werden und von welcher Zeitschiene muss ausgegangen werden?
Das Thema Gewerbegebiete ist aktuell in Deutschland ein sehr spannendes. Seit der Baurechtsnovelle vor ungefähr zehn Jahren gilt in der gesamten Bauleitplanung der Vorrang der Innenentwicklung. Das bedeutet, dass man ohne den Nachweis der Revitalisierung von Altflächen keine Genehmigung mehr bekommt, um neue Gewerbeflächen auszuweisen.
Die Stadt Coburg hat dazu sowohl das Können als auch das Glück, dass die Revitalisierung schon immer eine große Rolle spielt. Nehmen Sie Gewerbestandorte wie in der Karchestraße oder urbane Zonen wie die Flächen des ehemaligen Schlacht- und Güterbahnhofs, oder betrachten Sie die vielen umgewidmeten Flächen für moderne Wohnbebauung in Coburg.
Darüber hinaus haben wir siedlungsstrukturelle Rahmenpläne, die es uns tatsächlich noch möglich machen, insbesondere im Coburger Norden Gewerbegebiete auszuweisen und anzubieten. So beispielsweise in den Bereichen Bertelsdorf und Glend als auch östlich des Gewerbegebiets Lauterer Höhe.
So können wir sicher nicht alle, aber viele Anfragen ortsansässiger Unternehmen und teilweise auch von Unternehmen von außerhalb mit Angeboten bedienen. Die Stadt Coburg hat sich aber auch selbst aufgrund von Nachhaltigkeits-Anforderungen das Ziel gesetzt, ungenutzte respektive unter genutzte Flächen neu in Wert zu setzen. Dazu zählt das ehemalige BGS-Areal.
Allerdings hat das Stadtgebiet seine Grenzen. Weitere langfristige Entwicklungen wären deshalb nur durch Umgemeindungen oder gemeinsames kommunales Vorgehen möglich.
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