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Interview
Forchheims Klinik-Chef Sven Oelkers zur Lage
Sven Oelkers ist Geschäftsführer des Klinikums Forchheim-Fränkische Schweiz.Forchheim & Fränkische Schweiz
Sven Oelkers ist Geschäftsführer des Klinikums Forchheim-Fränkische Schweiz. // Ronald Rinklef
Forchheim – Die Kliniken schrammen nach wie vor an ihren Belastungsgrenzen entlang. Und teilweise darüber hinaus. Wie Forchheims Klinik-Chef die Lage einschätzt und was er von der großen Krankenhausreform hält.

Corona, Grippe, Fachkräftemangel, Kostenexplosion: Das klinische Gesundheitswesen gerät bundesweit an seine Grenzen. Wie die Lage im Landkreis ist, erklärt der Geschäftsführer des Klinikums Forchheim-Fränkische Schweiz im exklusiven FT-Gespräch.

Herr Oelkers, das Gesundheitswesen kommt nicht zur Ruhe: Corona, Personalmangel, Energiekosten, Medikamentenmangel. Warum ist es so schwer geworden, den Menschen zu helfen?

Sven Oelkers: Es ist nicht schwer geworden. Die Rahmenbedingungen verschärfen die Lage im Gesundheitswesen. Es fängt in den Notaufnahmen an, wo viele Fälle sind, die dort gar nicht hingehören. Aber wo soll ein Bürger hingehen, wenn beim Hausarzt und der Bereitschaftspraxis keiner zu erreichen ist?

Er weiß spätestens seit Corona, was Krisenmanagement heißt.Forchheim & Fränkische Schweiz
Er weiß spätestens seit Corona, was Krisenmanagement heißt. // Ronald Rinklef

Wie schaut es aktuell aus in Ihrem Klinikum: Können Sie alle so versorgen, wie Sie es sich wünschen?

Wir hatten zum Beispiel durch das Glatteis neulich viele Patienten zu versorgen. Zeitgleich läuft eine riesige Krankheitswelle durch den Landkreis und natürlich auch durch unsere Mitarbeiterschaft. Das Problem ist: Immer, wenn die meisten zu versorgen sind, stehen die wenigsten Mitarbeiter zur Verfügung. Dann müssen aufschiebbare Fälle warten, dass wir akute Fälle schnell behandeln können. Das war auch während der Corona-Phasen so. Dadurch haben wir Übung und können unser Personal auf den Stationen clustern, um die Versorgung sicherzustellen.

Welche Rolle spielt denn Corona noch?

Wir haben noch Corona-Fälle, meist aber als Nebendiagnose. Überdies läuft eine große Influenza-Welle. Die müssen auch isoliert werden, was enormen Aufwand bedeutet. Wenn ich in einem Zweibettzimmer nur einen Patienten unterbringen kann, verknappt das die Bettensituation zusätzlich. Die Regeln sind inzwischen so, dass Corona-Patienten ja mittlerweile Besuch empfangen dürfen. Die Zugangsvoraussetzungen (Maske, Test) sind geblieben. Das ist nachvollziehbar; nicht immer lässt sich auf die Eigenverantwortung der Menschen bauen. Zum Beispiel nehmen die meisten die Maske in den Patientenzimmern ab.

Spielt die Bettenverknappung, zynisch gesagt, dem Fachkräftemangel in die Karten?

Wir haben Untergrenzen in der Pflege. Fällt zu viel Personal aus, kann es passieren, dass man Stationen nicht mehr betreiben kann oder Betten sperren muss.

Geschieht das aktuell?

Ja. Das ist immer mal wieder nötig. Krankheit ist nicht planbar, sie geschieht unvorhergesehen. Im Durchschnitt haben wir Krankheitsquoten beim Personal von 10 bis 12 Prozent. Alleine jetzt im Dezember sind wir bei über 30 Prozent. Das ist wohl ein bundesweites Thema. Immer in den Infektionswellen sind auch die Klinik-Mitarbeiter betroffen. Wichtig ist, dass wir immer einen Grundbetrieb aufrechterhalten.

Immer mehr Patienten, immer weniger Fachpersonal vor allem in der Pflege. Die Klinik-Chefs fordern Planungssicherheit –   auch vom Bund.Forchheim & Fränkische Schweiz
Immer mehr Patienten, immer weniger Fachpersonal vor allem in der Pflege. Die Klinik-Chefs fordern Planungssicherheit – auch vom Bund. // Matthias Hoch

Wie wollen Sie verhindern, dass die Geburtshilfe wieder teilweise schließt oder Operationen verschoben werden?

Die Geburtshilfe war ein Sonderfall. Dort ging es um die Impfpflicht im Gesundheitswesen. Zwei Hebammen hatten im Sommer recht kurzfristig gekündigt; diese sofort nachzubesetzen, war nicht leicht. Mittlerweile ist das Problem gelöst und wir stehen seit September wieder voll zur Verfügung. Dabei sieht man aber, was selbst kleine Themen im Gesundheitswesen bewirken. Ob die Impflicht dort richtig oder falsch war, darüber ließe sich streiten. Aber sie hat zumindest vorübergehend Einschränkungen in der Versorgung mit sich gebracht. Es herrscht ohnehin Fachkräftemangel – immer mehr Bedingungen machen es nicht leichter.

Die Kliniken bundesweit arbeiten an der Belastungsgrenze – und teils darüber hinaus. Sie auch?

Natürlich. Die Leute leisten Großartiges. Es sind immer Wellen, die extrem belasten. Die Leute sind über ihre Grenzen gegangen während der Pandemie. Nach der ersten Welle hofften alle, es sei vorbei. Ebenso nach der zweiten und so weiter. Es ist ein ständiges Arbeiten im Krisenmodus, was alle anstrengt. Und es lässt nicht nach: Man hat das Gefühl, eine Belastung dockt an die andere an. Ein normales Arbeiten wie vor Corona ist gar nicht mehr möglich. Zum Durchschnaufen kommt keiner mehr. Und die Pläne von Herrn Lauterbach lassen nicht erahnen, dass es leichter wird.

Wie meinen Sie das?

Wir müssen wieder anpassen und die Mitarbeiter müssen mitgehen. Es kommt also wieder keine Routine.

Also sehen Sie in Karl Lauterbachs Krankenhausreform nicht die beschworene „Revolution“, sondern…

Ich weiß ja noch gar nicht, was er genau vorhat. Grundsätzlich klingt es gut, Medizin vor Ökonomie zu stellen. Da sind alle dabei. Aber bisher werden 100 Prozent der Erlöse über die Fallpauschalen generiert. Nun sollen die nur noch knapp die Hälfte ausmachen, die andere Hälfte soll über die Vorhaltekosten gedeckt werden. Klingt theoretisch gut. Aber das Problem bleibt gleich, weil nicht mehr Geld ins Gesundheitssystem fließen soll. Die Verknappung der Mittel wird also wie seit Jahren schon weiter stattfinden. Und die Vorhaltekosten werden dadurch finanziert, dass die Kliniken für ihre erbrachten Leistungen nur noch die Hälfte bekommen.

Würde Ihre Klinik profitieren?

Sicher würde die Deckung der Vorhaltekosten etwas Druck rausnehmen. Ein Krankenhaus muss funktionieren, auch wenn die Leute gerade einmal nicht Schlange an der Notaufnahme stehen. Aber diese Finanzierung müsste zusätzlich zur jetzigen Vergütung kommen. Seit 2016 arbeiten immer mehr Kliniken nicht mehr kostendeckend, gleichzeitig steigen die Strukturvorgaben immer mehr. Hinzu kommt die Inflation. Die gibt es auch im Krankenhaus: Medikamente, Küche, Materialien – alles kostet mehr. Auch die Personalkosten werden enorm steigen. Wir werden 2023 etwa vier Prozent mehr durch unsere Leistungen erlösen können. Das reicht nicht.

Müssen sich Forchheimer fürchten, einmal keine Klinik mehr zu haben?

Nein. Wir werden kommunal getragen über Landkreis und Stadt Forchheim und würden notfalls die Defizite ausgeglichen bekommen. Bisher mussten wir das noch nicht in Anspruch nehmen. Aber es gibt schon Insolvenzwellen im Klinikbereich, die Angst ist real. Wenn es so weiter läuft wie bisher, wird irgendwann kein Krankenhaus mehr existieren können. Große wie kleine Häuser. Was die Reform betrifft, brauchen wir endlich Planungssicherheit.

Waren die Fallkostenpauschalen nicht von Beginn an der Sargnagel einer patientenorientierten Versorgung?

Schwierig. Die ersten Jahre waren nicht problematisch. Aber es ist ein lernendes System, was über die Jahre jegliche Reserven aus den Häusern genommen hat. Nun ist alles sehr eng kalkuliert. Das Ziel war, die Verweildauer in den Kliniken zu verringern. Das ist gelungen. Vielleicht sind wir jetzt in einer Phase, in der es über die Menge nicht mehr funktioniert. Der Bund muss sich Gedanken machen.

Können Sie vor Ort die Rahmenbedingungen verbessern – zumindest fürs Personal?

Wir haben die Kapazitäten in der Krankenpflegeschule ausgebaut. Viele Bedingungen sind fest, aber wir schauen natürlich, dass wir zusätzliche Leistungen anbieten, um attraktiv für die Mitarbeiter zu sein. Und zu bleiben. Beispielsweise führen wir im neuen Jahr ein Angebot fürs betriebliche Gesundheitsmanagement ein, um unseren Mitarbeitern wieder etwas zurückgeben zu können.

 Ließen sich noch Kosten einsparen?

Geld sparen lässt sich etwa über die Energiekosten. Wir haben ein Blockheizkraftwerk, auch das 2006 neu gebaute Gebäude ist auf einem guten Stand. Klar ließe sich noch mehr umsetzen, aber auch das sind Finanzierungsthemen. Gleichzeitig können wir nicht einfach in unseren Patientenzimmern die Heizungen herunterdrehen.

Themenwechsel: Der Umbau des Klinikums schreitet voran: Wo stehen Sie gerade?

Wir liegen gut im Zeitplan. Die Innenhöfe sind schon fertig, da werden schon die ersten Räume bezogen. Der restliche Rohbau soll bis Ende Februar stehen, dann geht es innen weiter. Fertigstellung ist Ende 2023, spätestens im ersten Quartal 2024 geplant. Aber es wird ja nicht alles zeitgleich in Betrieb gehen.

Ein vierter OP-Saal war im Gespräch. Gibt es Neuigkeiten?

Der Antrag liegt bei der Regierung von Oberfranken. Die Planer haben erste Rückmeldungen, aber es gibt noch keinen offiziellen Bescheid, ob und was gefördert werden wird. 

Ihr Fazit: Wenn Sie 2023 selbst betroffen wären – würden Sie ins Forchheimer Klinikum gehen?

Natürlich. Das nächste Jahr wird wieder herausfordernd und durch die Krankenhausreform sehr spannend. Wir werden uns wie immer den Gegebenheiten anpassen. Im Moment weiß leider keiner, wo die Reise hingeht.

 

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