Heute geht es um das Herz-Kreislaufsystem. Interessiert blicken die jungen Leute auf die Abbildungen an der Tafel, die meisten Lerninhalte kennen sie bereits aus ihrer Heimat. Auch das Blutdruckmessen, das Helfen beim Aufstehen aus dem Bett und das Verbinden beherrschen sie aus dem Effeff.
Und doch drücken die neun Männer und drei Frauen aus Tunesien in den nächsten sechs Monaten freiwillig die Schulbank. Ihr Ziel: Dauerhaft auf den Stationen des Forchheimer Klinikums arbeiten.
Fachkräftemangel: Klinikum Forchheim startet neues Projekt
Alle Tunesier haben bereits Pflege-Bachelor in der Tasche
Wie Maram Said. Die 25-Jährige hat wie die anderen in ihrem Heimatland bereits erfolgreich einen dreijährigen Bachelor in „Pflegepraxis und Pflegewissenschaft“ absolviert.
Nun wagt sie das Abenteuer Deutschland. „Ich suche eine neue Herausforderung“, sagt sie und lächelt. Nicht nur sprachlich, auch pflegepraktisch und kulturell. Ähnlich geht es ihren Mitstreitern. Sie alle sind gekommen, um zu bleiben.
Fachkräftemangel in Pflege bleibt größtes Problem
Das ist Balsam in Andreas Schneiders Ohren. Er leitet die Berufsfachschule für Pflege am Klinikum Forchheim-Fränkische Schweiz und ist bisher voll des Lobes für seine neuen Schützlinge.
Von 60 Plätzen sind in seiner Schule aktuell 54 belegt, die zwölf Tunesier kommen in einem ersten Schritt nun hinzu. Wenn alles klappt, soll das Programm im Herbst bereits mit neuen Gesichtern in eine zweite Runde gehen.
Dass dem Pflegebereich die Fachkräfte ausgehen ist bekannt, das ändern auch leicht steigende Zahlen der Ausbildungsverträge nicht.
Statistisches Bundesamt: Ausbildungszahlen in Pflege steigen
Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, haben 2021 etwa 56.300 Auszubildende eine sogenannte generalistische Ausbildung begonnen.
Seit 2020 ist in Deutschland die Ausbildung in einem neuen Berufsbild möglich, die einzelnen Ausbildungen für Krankenhäuser oder Altenheime wurden zur Pflegefachfrau/-mann zusammengeführt.
Um den Fachkräftemangel in den Krankenhäusern Deutschlands zu entkräften, reichen die aber bei weitem nicht aus.
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Klinikum Forchheim setzt nun auch auf ausländische Fachkräfte
Daher haben Klinik-Geschäftsführer Sven Oelkers und Andreas Schneider nun zusätzlich ausländische Pflegekräfte ins Auge gefasst.
Im ersten Schritt sind es eben jene zwölf jungen Menschen aus Tunesien, die seit einigen Tagen die Stationen im hiesigen Klinikum unterstützen.
„Unsere neuen Pflegekräfte aus Tunesien können allein rund 1800 Stunden pro Monat in der direkten Patientenversorgung leisten“, sagt Schneider. Genau dies sei das erklärte Ziel dieses Programmes: „Der Patient will und muss merken, dass sich in der Pflege etwas verbessert.“
Ausländische Berufsabschlüsse müssen erst anerkannt werden
Wer einen ausländischen Berufsabschluss hat und in Deutschland arbeiten möchte, muss diesen oftmals anerkennen lassen. Pflicht ist das beispielsweise für Ärzte und Pflegefachkräfte.
Mitte September müssen die zwölf Neu-Forchheimer eine Kenntnisprüfung absolvieren, in Theorie und Praxis. Darauf vorbereiten können sie sich während des sechsmonatigen Intensivkurses am hiesigen Klinikum.
Schneider sieht in der Prüfung kein Problem: „Sie fangen ja nicht bei Null an. Ganz im Gegenteil.“
Zwar habe die Pflegebranche in der Vergangenheit auch schon negative Erfahrungen mit im Ausland angeworbenen Fachkräften gemacht. Aber alles in allem komme die Branche nicht drumherum.
Professor Matthias Drossel: „Care Migration wichtig gegen Fachkräftemangel“
„Care Migration ist wichtig im Kampf gegen den Fachkräftemangel, muss aber durchdacht stattfinden“, sagt Matthias Drossel, Professor für angewandte Gesundheitsversorgung der Hochschule Hof.
„Eine kulturelle, sprachliche und berufliche Integration sowie Begleitung ist wichtig. Dazu gehören unter anderem die Auswahl des Herkunftslandes, um an das entsprechende Vorwissen anzuknüpfen.
Die Erfahrung zeigt uns, dass diese häufig hoch qualifizierten Personen dorthin gehen, wo ihre Bachelor- oder Masterabschlüsse entsprechend anerkannt werden.“
Hohe bürokratische Hürden hemmen Integration in deutschen Arbeitsmarkt
Im letzten Punkt hat Deutschland noch Verbesserungspotenzial. So steigen die Anerkennungsquoten zwar seit Jahren an, aber nicht stark genug, um den Mangel zu decken.
Oft scheitert es an langen bürokratischen Schleifen. Beispiel Forchheim: Vorigen August sind die Vorstellungsgespräche geführt worden. Bis der Papierkram erledigt war, dauerte es mehrere Monate.
Und ein weiteres Problem kommt hinzu, ein ethisches. „Wir wollen keine Länder durch unsere Abwerbungsoffensiven in Schwierigkeiten bringen“, sagt Andreas Schneider.
250 Pflegekräfte arbeiten am Klinikum Forchheim-Fränkische Schweiz
Sabine Jacob jedenfalls ist heilfroh, nun Unterstützung für ihre knapp 250 Pflegekräfte zu haben. Jeder weiße Fleck auf dem Dienstplan verschafft der Leiterin des Pflegedienstes ein besseres Gefühl.
„Pflegefachkräfte sind das Rückgrat in jedem Krankenhaus. Ohne Pflegefachkraft kann keine Operation und keine Nachsorge stattfinden.“ Und die Anforderungen an das Personal würden in den kommenden Jahren noch steigen, ist sie sich sicher.
„Deswegen brauchen wir noch mehr qualifizierte Mitarbeiter.“
An der Qualifikation dürfte es bei Maram Said und ihren tunesischen Kollegen nicht scheitern. In der Regel sind Sprachbarrieren das größte Hemmnis für eine schnelle Integration in den Arbeitsmarkt.
Deutschkenntnisse sind das A und O – auch in der Pflege
Vor allem in einer Branche, in der richtiges Vokabular über Leben und Tod entscheiden kann. Da sie alle bereits in Tunesien Deutsch lernten, blickt Pflegeschulleiter Andreas Schneider optimistisch auf den Prüfungsherbst.
„Fachlich wissen sie schon viel, drum nutzen wir die kommenden Monate auch dafür, die medizinisch-pflegerische Fachsprache zu vertiefen“, sagt er.
Maram Said freut’s. Sie liebt ihren Beruf und genießt es, diesen nun in Forchheim ausüben zu können. Ab Herbst dann als anerkannte Gesundheits- und Krankenpflegerin.
Ob sie nach der Prüfung bleiben wolle?
„Sehr gerne.“ Sie lächelt. Nicht einmal das deutsche Wetter könne ihr die Motivation verhageln.
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