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Historisches
Vor 250 Jahren begann der Tourismus in der Fränkischen
Burg Gaillenreuth, Bleistiftzeichnung von Domenico Quaglio, hier als Lithographie von Karl August Lebschée aus der „Sammlung malerischer Burgen und anderer merkwürdiger Baudenkmale der Bayerischen Vorzeit“, München 1844Forchheim & Fränkische Schweiz
Burg Gaillenreuth, Bleistiftzeichnung von Domenico Quaglio, hier als Lithographie von Karl August Lebschée aus der „Sammlung malerischer Burgen und anderer merkwürdiger Baudenkmale der Bayerischen Vorzeit“, München 1844 // Repro: Franze
Signet des Fränkischen Tags von Manfred Franze
Burggaillenreuth – Burggaillenreuth und Windischgaillenreuth entstanden als getrennte Siedlungen im Schatten einer Ritterburg. Die dortigen Höhlen begründeten den Tourismus in der Fränkischen Schweiz – vor genau 250 Jahren. Sogar Alexander von Humboldt besuchte das „Muggendorfer Gebirg“.

Vor exakt 250 Jahren ist in Nürnberg ein Buch erschienen, das dem Tourismus den Weg in das „Land im Gebirg“ eröffnet hat. Verfasser war der Uttenreuther Pfarrer und Naturforscher Johann Friedrich Esper (1732-1781). Abgekürzt trägt es den Titel „Ausführliche Nachricht von neuentdeckten Zoolithen unbekannter vierfüsiger Thiere“, und zwar im „Obergebürgischen Lande des Marggrafthums Bayreuth“. Neugierig gemacht hat es im ausgehenden 18. Jahrhundert zunächst die Höhlenforscher, nicht nur jene in Deutschland, sondern in ganz Europa bis hin nach England.

In den „Gegenden um Muggendorf und Gaillenreuth“ entdeckte Esper äußerst „Denkwürdiges“. Das „Gebürg“ sei nur „sechs Stunden von Erlang“ entfernt, sehe aber „ungemein sonderbahr aus. Man kommt aus der Gegend von Mockas her an ein fürchterliches Thal, ohne daß man vorhero auf eine Anhoehe gestiegen. Hier öffnen sich schreckliche Praecipissen [Abgründe] und gerade gegenüber heben sich eben so steil als Wände angehende Berge empor. Das Thal ist enge und zwar so, daß in der Tiefe kaum ein Weg für die Reisenden bleibt“.

„Nach vieler Mühe“ konnte Esper, wie er schreibt, in Burggaillenreuth einen Bauern finden, der ihm den Weg zu der Höhle zeigte, die er suchte. Er war nicht der Erste, der in sie einstieg, aber der Erste, der sie wissenschaftlich vermaß, ihre Ablagerungen untersuchte, ihre Entstehung zu erklären versuchte und aus der Unmenge versteinerter Knochenresten (Zoolithen) 13 „Hauptthiere“ aussortierte.

Der ausgestorbene „Höhlenbär“

Am meisten kamen dabei Überreste vor, die Esper der Spezies Bär zuschrieb, die aber nicht dem Knochenbau von Braun- und Eisbären entsprachen, wie er sie kannte. Was er entdeckt hatte, war ein vor über 25.000 Jahren ausgestorbener „Höhlenbär“. So nannte ihn später und erstmals 1794 der Mediziner Johann Christian Rosenmüller (1771-1820) in seiner Doktorarbeit. Höhlenbären waren viel größer als die mit ihm verwandten Braunbären. Sie waren Pflanzenfresser, konnten bis zu 3,50 Meter groß und um eine Tonne schwer werden.

Espers Buch verstärkte den Run auf die vielen Höhlen rund um Muggendorf. Namhafte Forscher kamen von der nahen Erlanger Universität (zum Beispiel Georg August Goldfuß, 1782-1848) oder von noch weiter her – etwa aus Frankreich der Naturforscher Georges Cuvier (1769-1832) oder aus England der Paläontologe William Buckland (1784-1856) – und suchten Erklärungen für die vorzeitlichen Höhlenfunde.

Der Weltreisende Alexander von Humboldt

Für je einen Tag machte sogar der Weltreisende Alexander von Humboldt (1769-1859) in Streitberg und Muggendorf halt, und zwar in seiner Eigenschaft als markgräflicher „Oberbergmeister“, der er von 1792 bis 1796 war.

Muggendorf blühte unter diesem Forscher-Andrang auf. Der Ort zählt zwar nur 360 Einwohner, schreibt Heller 1829 in seinem Wanderführer, aber von den 54 Wohnhäusern waren „17 Wirthshäuser und 5 Gasthäuser“.

Und hier amtierte der vom Bayreuther Markgrafen 1775 eingesetzte Höhleninspektor Johann Georg Wunder (1725-1799). Sein Name sprach sich unter den immer zahlreicher werdenden Besuchern als Expertentipp herum. Er kannte wie kein anderer das „Muggendorfer Gebirg“, konnte lesen, war überaus geschäftstüchtig und wusste viel zu erzählen. Er scheute sich auch nicht, Eigenes zu erfinden, wenn es ihm in den Kram passte. Seine Geschichte von der „Flosseneidexe“ in der Brunnsteinhöhle ist nur ein Beispiel dafür.

Eppelein von Gailingen

Ob Wunder auch von Eppelein erzählte, dem fränkischen Raubritter, der unter den Einheimischen einen legendären Ruf besaß? In den Reiseführern, die damals erschienen, darf er jedenfalls nicht fehlen. Joseph Heller rühmt den malerischen Anblick von Burggaillenreuth und schreibt dann: „Nach dem Volksglauben soll auf diesem Schlosse Eppelein v. Gailingen gehauset haben, welcher sich als Raubritter sehr auszeichnete, mit Nürnberg viele Fehden hatte und 1381 zu Neumarkt hingerichtet wurde.“

August Goldfuß gar behauptete 1810 in seinem Muggendorf-Wanderführer ernsthaft, Eppelein habe neben seinem „Stammhaus in Gailing bey Rothenburg“ auch einen „Sitz zu Draimeysel“ gehabt. Auf den Ruinen seines Schlosses stünde jetzt ein Bauernhaus, in dem der „Besitzer … sich noch immer vor einem Besucher dieses Hexenmeisters nicht ganz sicher“ sei. „Hexenmeister“ deswegen, weil man sich von ihm waghalsige Ritte und Sprünge über die Felsabhänge des Wiesenttals erzählte und ihn bewunderte, wie er den Nürnbergern aus der Haft auf der Burg entkommen sei.

Wohl eine Verwechslung

Dass die Heimat des Eppelein nicht die Fränkische Schweiz war, wusste Anfang des 19. Jahrhunderts schon Joseph Heller. „Das Wahrscheinlichste ist, daß zwischen Gailenreuth und der Burg Gailingen bei Rothenburg eine Verwechslung zu Grunde liegt.“ Aber auch das traf nicht zu. Die Burg bei Rothenburg hieß nicht „Gailingen“, sondern „Gailnau“ und gehörte ab 1323 den Grafen von Hohenlohe.

Eppelein selbst wurde als Eckhart von Gailingen um 1310 auf Burg Wald bei Gunzenhausen geboren. Seiner Familie gehörte ein Teil dieser Burg. Aber er konnte sie wie viele andere Adlige nicht halten. Neue Waffen und die Zunahme des Geldhandels führten ab dem 14. Jahrhundert zum Niedergang des Rittertums. Manche von ihnen suchten sich durch Wegelagerei und Überfälle auf Kaufmannszüge über Wasser zu halten. So machte sich Eppelein besonders die Reichstadt Nürnberg zum Feind. Sie verhängte 1369 die Reichsacht über ihn, zerstörte seinen Familiensitz und ließ ihn 1381 mit sechs seiner Kampfgenossen in Neumarkt qualvoll hinrichten.

Die Ortsnamen

In der Fachliteratur gibt es keinerlei Belege für einen Aufenthalt Eppeleins in Gaillenreuth und Trainmeusel. Dass es aber nicht auszuschließen ist, lassen indirekt seine Kontakte zu Fritz von Streitberg und zu einer Seitenlinie derer von Egloffstein vermuten, die von 1359 bis 1682 die Burg in Besitz hatte. Wahrscheinlicher aber ist, dass Eppeleins Verortung in die Fränkische Schweiz auf das mit Gaillenreuth so gleich klingende „Geilingen“ zurückzuführen ist.

Nach der Ortsnamenforscherin Dorothea Fastnacht taucht der Name für die Burg erstmals 1122 als „Geulenruit“ in einer Bamberger Urkunde auf. „Ruit“ oder althochdeutsch „riut“ bedeutet so viel wie „gerodetes Land“. Und darauf – so Dorothea Fastnacht – hat wahrscheinlich ein „Ritter mit dem sehr häufigen althochdeutschen Kurznamen Geilo“ die Burg erbaut.

Um sie herum entstand „Gailenreut“ in zwei getrennten Siedlungen. Zur Unterscheidung erhielt die wahrscheinlich ältere das „Windisch“ vorangestellt. Sie ist vermutlich schon um die Jahrtausendwende durch zugewanderte Slawen (= „Wenden“) entstanden, taucht urkundlich aber erst 1481 auf. Schriftlich früher wird 1372 das an der Burg anliegende Dorf „Burkgeilnreuth“ genannt, ist aber die jüngere Siedlung.

Mit Espers Buch begann 1774 – vor genau 250 Jahren – das Interesse an der Erkundung des „Lands im Gebirg“. Am Anfang waren es die Höhlenforscher, die hier entdeckten, was andere auch sehen wollten. Schon ein halbes Jahrhundert später waren um Muggendorf herum 46 Höhlen bekannt, die Joseph Heller 1829 in seinem Reiseführer vorstellte. Ausgangspunkt war – wie wir gesehen haben – vor 250 Jahren die Gaillenreuther Zoolithenhöhle.

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