„Wie viele Monate gehören zum Frühling?“
(alle) „Dreihei!“
„Könnt ihr noch einen ganzen Satz daraus machen?“
Ein Junge im gestreiften Pulli meldet sich, kommt dran: „Zum Frühling gehören drei Monate, der März, der April und der Mai.“
Susanne Roth nickt zufrieden. Das Thema Jahreszeiten kommt gut an in ihrer 2a. Die Kinder wirken interessiert, sind aufmerksam, ruhig. Ob das am Pressebesuch liegt oder daran, dass an diesem kalten Januarmontag viele Schüler erkrankt zu Hause liegen, weiß Susanne Roth nicht. Was sie aber weiß: So ist es nicht immer.
Pisa-Studie: Jeder vierte Jugendliche „besonders leseschwach“
Susanne Roth arbeitet seit etwa 15 Jahren als Grundschullehrerin an der Forchheimer Adalbert-Stifter-Schule, hat schon einige Grundschulklassen kommen und gehen sehen. In diesen Jahren hat sich einiges getan an den Grundschulen im Land. Zum Besseren. Zum Schlechteren. In Schulnoten ausgedrückt läuft es beispielsweise in Deutsch maximal ausreichend. Laut aktueller Pisa-Studie aus dem Jahr 2022 gilt jeder vierte Jugendliche als „besonders leseschwach“. Gleiches gilt für Mathematik: Gerade einmal 70 Prozent der Schülerinnen und Schüler erreichen die Mindestkompetenzen.
Dass diese Defizite nicht allein den Jugendlichen vorbehalten sind, sondern bereits in der Grundschule zum Problem werden, untermauern die Ergebnisse der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU 2021). Der zufolge erreicht ein Viertel der Kinder beim Lesen nicht den international festgelegten Mindeststandard, der für das weitere erfolgreiche Lernen nötig wäre.
Adalbert-Stifter-Schule Forchheim: „Fehlende Grundvoraussetzungen“ werden zum Problem
Barbara Schaubert runzelt die Stirn. Sie arbeitet ebenfalls als Grundschullehrerin an der Adalbert-Stifter-Schule und betreut derzeit eine vierte Klasse. Sie kennt die Problematik. Bei vielen Schülern fehle es an Wortschatz und Grammatik, in Mathe an entscheidenden Grundlagen, die normalerweise schon im Kindergarten gelegt würden.
Die Gründe für die fehlenden Grundvoraussetzungen seien vielfältig, sagt sie. Mangelnde bzw. unzureichende Unterstützung aus dem Elternhaus, Sprachbarrieren, Traumatisierungen, generell ein niedriger sozioökonomischer Status. Und es gebe Lernorte, an denen diese Faktoren sichtbarer zutage treten als anderswo.
Viele Eltern würden wollen, aber nicht alle können
Die Adalbert-Stifter-Schule ist solch ein Ort. Auch wenn das erst kürzlich sanierte Gebäude und die motivierten Lehrkräfte wie Susanne Roth und Barbara Schaubert nicht darauf schließen lassen, müssen sie im Schulalltag im Forchheimer Norden mit besonderen Herausforderungen klarkommen. „Die meisten Eltern wollen ihre Kinder wirklich bestmöglich unterstützen“, sagen Schaubert und Roth gleichlautend. „Doch nicht alle können, wie sie wollen.“
Manche hätten mehrere Jobs, um finanziell über die Runden zu kommen, viele können kaum Deutsch, manche seien gar Analphabeten, hinzu kämen fluchtbedingte Traumatisierungen. Der Migrationsanteil der 185 Schülerinnen und Schüler liege bei fast 70 Prozent, auch einige inklusive Kinder gebe es zu betreuen. Gleiche Bildungschancen für alle, heißt der Wunsch. Herkunft und Glück, lautet die Wirklichkeit.
Dass die Grundschule ein heterogener Ort ist, also Menschen aus verschiedenen Kulturen und Schichten vereint, ist eine Errungenschaft. Aber es birgt auch große Herausforderungen. Die (Lern-)Bedürfnisse der Kinder trotz der ihrer so unterschiedlichen Voraussetzungen individuell fördernd zu erfüllen, sei kaum machbar, sagen die beiden Lehrerinnen. Und doch schauen sie stolz auf ihre AST-Schule, die schon seit Jahren weiterdenke und so gut wie möglich versuche, die Schieflage durch gezielte Projekte auszugleichen.
Startchancen-Programm: AST-Schule einzige im Landkreis Forchheim
Neu seit diesem Schuljahr ist das sogenannte Startchancen-Programm. Damit sollen bundesweit zunächst gut 2100 (später bis zu 4000) Schulen in sozial schwierigen Lagen eine spezielle Förderung bekommen, bis zu einer Million Schüler sollen profitieren. Bis 2034 wollen Bund und Länder dafür 20 Milliarden Euro bereitstellen. Aufgeteilt wird das Geld in drei Säulen (Säule I: Investitionen in eine zeitgemäße und förderliche Lernumgebung, Säule II: Chancenbudgets für bedarfsgerechte Lösungen in der Schul- und Unterrichtsentwicklung und Säule III: Personal zur Stärkung multiprofessioneller Teams.)
Dabei ist auch die Adalbert-Stifter-Schule, als eine von 100 Schulen in Bayern. Rektor Martin Horn freute sich riesig, als er den Brief erhielt. Und er freut sich noch immer, sieht sich aber auf den Boden der bürokratischen Tatsachen zurückgeholt. Die Konzepte sind geschrieben, die Ideen für multiprofessionelle Teams konkret geworden. Fachkräfte für Psychomotorik, Erzieherinnen, Logo- und Ergotherapeuten und einen Coach für seine Lehrkräfte hätte er gerne.
Schulen in Bayern warten noch auf Auszahlung der Startchancen-Gelder
62.000 Euro soll es jeweils für die Säulen II und III geben. Hinzu kommen in Säule I noch pro Schule in Bayern durchschnittlich bis zu 830.000 Euro für die Gesamtlaufzeit von zehn Jahren. Eine Menge Geld, selbst wenn die Förderungen zum Teil auf bereits bestehende Programme angerechnet werden könnten. Doch noch ist sowieso nichts überwiesen worden, noch hängen Horn und seine 99 Rektorenkollegen in der Warteschleife fest.
Immerhin, die Plakette hängt bereits. Etwas versteckt unter all den anderen. Das bedeute aber nichts, sagt Horn schnell. Mit der bangen Warterei ist er nicht allein. Wie ein Sprecher des Bayerischen Kultusministeriums auf Anfrage erklärt, wolle man den Schulen eine „bürokratiearme Verwaltung“ mithilfe eines speziellen Programms ermöglichen. Hierfür würden derzeit die Schulungen laufen. „Im Anschluss daran können die Mittel des Chancenbudgets von den Schulen in den nächsten Wochen abgerufen werden“, schreibt er.
Wohl frühestens im zweiten Schuljahr 2024/25
Martin Horn schaut daher täglich in sein Postfach und hofft auf schnelle Nachrichten aus München. Für die Lehrerinnen Susanne Roth und Barbara Schaubert heißt das, dass sie wohl allerfrühestens in der zweiten Schuljahreshälfte mit Verbesserungen durch das Startchancen-Programm rechnen können. Bis dahin müssen sie auf ihr eigenes Engagement und das ihres Kollegiums vertrauen. Und nach der Grippewelle in volleren Klassen nicht ihre Zuversicht verlieren.

















