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Umweltminister im Interview
Ist Bayerns Windkraftausbau noch zu retten, Herr Glauber?
Windkraft sei sein Herzensthema, sagt Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) stets. Doch Bayern brilliert noch immer nicht beim Ausbau. An welchen Fehlern der Vorgängerstaatsregierung das liegt, wie es besser werden soll – und warum der neueste Gegenwind ausgerechnet aus Berlin kommt.
Windkraft sei sein Herzensthema, sagt Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) stets. Doch Bayern brilliert noch immer nicht beim Ausbau. An welchen Fehlern der Vorgängerstaatsregierung das liegt, wie es besser werden soll – und warum der neueste Gegenwind ausgerechnet aus Berlin kommt. // Foto: Daniel Karmann/dpa (Archiv)
Forchheim/München – Kosten, Krieg und Berliner Pläne: Gerät unsere Energiewende in Gefahr? Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber erklärt im Exklusiv-Interview, wie der Windkraftausbau trotzdem klappen soll. Und wieso.

Windkraftausbau. Dieses Thema nimmt in der Region gerade Fahrt auf, auch weil der Planungsverband Oberfranken West in dieser Woche entschieden hat, wo zwischen Forchheim und Coburg theoretisch neue Windräder gebaut werden könnten. 

Währenddessen kommen Signale aus dem Bundeswirtschaftsministerium von Katherina Reiche, welche Förderer der Energiewende und lokale Akteure wie beispielsweise im Landkreis Forchheim aufschrecken lassen. Unter ihnen auch der Bayerische Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler). Im Gespräch mit FT-Chefreporter Stephan Großmann spricht er über seine Windkraftziele, Hürden und Herausforderungen und die Frage, wie sich die Akzeptanz der Windenergie erhöhen könnte. 

Thorsten Glauber (Freie Wähler), seit 2008 Mitglied des Bayerischen Landtags, seit 2018 Bayerischer Staatsminister für Umwelt und Verbraucherschutz
Thorsten Glauber (Freie Wähler), seit 2008 Mitglied des Bayerischen Landtags, seit 2018 Bayerischer Staatsminister für Umwelt und Verbraucherschutz // Foto: Stephan Großmann (Archiv)

Thorsten Glauber, Bayerns Minister für Umwelt und Verbraucherschutz, im Interview 

Herr Glauber, wenn Sie in fünf Jahren aus dem Fenster schauen und die Windräder auf der Langen Meile sehen, wären Sie endlich am Ziel?

Thorsten Glauber: Fünf Jahre sind wahrscheinlich ein bisschen zu schnell. Aber ich glaube, das Thema Windkraft nimmt auch im Landkreis Forchheim jetzt Fahrt auf. Trotz aller Herausforderungen, die auf Bundesebene geschaffen werden.

Bevor wir auf die Bundesebene schauen – Sie hatten in einem früheren FT-Interview im Jahr 2022 die Landkreise in die Pflicht genommen. Hat sich da was getan?

2022 war die Ausgangssituation der brutale Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine und dadurch eine extreme Steigerung der Energiekosten. Das hat gezeigt, dass wir erneuerbare Energien in großem Maß brauchen. Wir haben damals gehandelt. Zum Beispiel Energiekonzerne verstaatlicht, Übergewinne abgeschöpft und die 10H-Regel endlich abgeschafft, mit der Horst Seehofer den Windkraftausbau in Bayern praktisch zum Erliegen gebracht hatte. Ich kann gar nicht verstehen, warum die Politik in Berlin jetzt so langatmige Diskussionen führt.

Viel ist aber auch in Bayern noch nicht geschehen. Laut Zahlen der Bundesnetzagentur sind in den ersten drei Monaten in Bayern gerade einmal drei Windkraftanlagen in Betrieb gegangen. 1000 sollen es eigentlich sein bis 2030. Woran liegt’s?

Ein Windrad braucht sechs bis sieben Jahre von der Planungseinreichung bis zur ersten Kilowattstunde Strom. Seit 2023 haben wir im wahrsten Sinne des Wortes den Wind in Bayern komplett gedreht. Allein im vergangenen Jahr wurden hier rund 200 Windräder genehmigt, über 800 weitere Genehmigungsanträge liegen vor. Bayern hat seine Hausaufgaben gemacht. In der Genehmigungszeit liegen wir bundesweit sogar auf Platz 1. Jetzt muss man uns die Chance geben und die Zeit einräumen, die Anlagen zu bauen. Dabei darf man uns in Berlin nicht die Tür zumachen.

Sondern?

Wir brauchen Rückenwind beim Zubau. Bei der letzten Ausschreibung der Bundesnetzagentur wurden bundesweit rund 440 Windkraftprojekte mit einer Leistung von 3,5 Gigawatt vergeben. Davon sind nur fünf Projekte nach Bayern gegangen. Im Süden weht der Wind weniger, was die Kilowattstunde teurer macht. Das darf aber nicht das einzige Kriterium sein. Sonst werden keine Anlagen im Süden gebaut, sondern nur im Norden. Wir haben uns im Bundesrat bereits für eine zusätzliche EEG-Sonderausschreibung für Windenergie eingesetzt. So können wir kurzfristig zusätzliche Ausschreibungskapazitäten schaffen.

Sie halten trotz des Gegenwinds an der Windkraft fest?

Natürlich. Die Zukunft ist erneuerbar. Sonst bleiben nur die Möglichkeiten, teuren Strom zu bezahlen oder gar keinen Strom zu haben. Was die Bundesministerin jetzt macht, ist der völlig falsche Weg. (Wirtschaftsministerin Katherina Reiche von der CDU plant, Betreiber von Wind- und Solaranlagen an Netzkosten zu beteiligen und Förderungen in windarmen Regionen – also auch in Bayern – zu kürzen. Anm. d. Red.)

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Die Zukunft ist erneuerbar. Sonst bleiben nur die Möglichkeiten, teuren Strom zu bezahlen oder gar keinen Strom zu haben. 

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Kreistag Forchheim 26 - Freie WählerKreistag Forchheim 26 - Freie Wähler Thorsten Glauber Bayerischer Minister für Umwelt und Verbraucherschutz

Ungefähr ein Fünftel des deutschen Energiebedarfs kommt aus erneuerbaren Energien. Und die Zukunft muss vorwiegend auf Strom basieren, weil er physikalisch die höchste Effizienz hat, Abhängigkeiten abbaut und nachhaltig ist, auch wirtschaftlich. Deshalb brauchen wir jetzt einen weiteren Ausbau und keine Verhinderungspläne.

Sie meinten, die bayerische 10H-Regel habe den Ausbau lange verzögert. Gab es noch mehr Fehler in München?

Durch die damalige Bundesregierung wurde entschieden, die großen Stromleitungen in der Erde zu vergraben. Das kostet vier- bis fünfmal so viel Geld und ist extrem schwierig in der Umsetzung. Diese Mehrkosten müssen die Bürgerinnen und Bürger mit jeder Kilowattstunde tragen. Am Beispiel meines Heimatortes Pinzberg kann ich sagen: Wir sind umgeben von 220- und 380-kV-Leitungen. Stromleitungen gehören für uns dazu. Ich glaube nicht, dass dort lebende Menschen das als schwierig sehen. Ganz im Gegenteil: Dort, wo Strom ist, ist Arbeit. Dort, wo Arbeit ist, ist Wertschöpfung. Eine Stromtrasse ist immer auch eine Wohlstandsachse.

Diese Einschätzung teilen sicher nicht alle…

Ich verstehe die Vorbehalte. Deshalb ist es wichtig, miteinander zu diskutieren.

Immer wieder auftretende Bürgerproteste und durch Klagen verzögerte Genehmigungsverfahren – oft endet die Akzeptanz vor der eigenen Haustür. Müssen Sie noch mehr tun, um die Leute von der Notwendigkeit zu überzeugen?

Das habe ich immer gemacht und ich lasse nicht locker. Wir brauchen Stromleitungen und wir brauchen eine Stromwende. Das Problem ist: Bei den Windrädern haben wir nun gute Rahmenbedingungen geschaffen, in einigen Jahren wird fleißig gebaut. Nur braucht der nun ebenfalls anlaufende Stromleitungsausbau aber zehn bis zwölf Jahre. Die Energieproduktionsanlagen wachsen also viel schneller als der Netzausbau. Ich verstehe nicht, warum die Bundeswirtschaftsministerin den Energieversorgern nicht sagt, dass sie die Leitungen gleich mitbauen müssen. Hier schlägt die damalige Entscheidung unter der Führung Angela Merkels durch, unsere Hochspannungsnetze zu verkaufen. Wir müssen unseren Energieausbau wieder selbst in der Hand haben.

Beispiel Lange Meile. Zwischen Eggolsheim und Ebermannstadt sollen bis zu elf Windräder entstehen. Was würden denn Katherina Reiches Pläne für das Windparkprojekt im schlimmsten Fall bedeuten? 

Wenn die Pläne so kommen, hätten erneuerbare Energien nicht mehr automatisch Vorrang im Netz. Dann kann ein Netzbetreiber entscheiden, ob er den produzierten Strom nimmt – oder eben nicht. Für die Zukunft könnte das heißen: Weitere Projekte könnten dann gar nicht erst entstehen.

Aber sehen Sie die Lange Meile gar in Gefahr?

Ich glaube, dass das, was wir dort an Vorarbeit geleistet haben, jetzt nicht gefährdet werden darf. Aber die entstehenden Unsicherheiten durch die politische Debatte sind für kein geplantes Projekt hilfreich.

Wie geht es insgesamt nun weiter?

Wir müssen schauen, dass wir die Punkte, an denen Sonnen- und Windenergie entsteht, schneller verbinden können. Nur so kann am Ende der Strom wirklich lokal transportiert und dann sogar lokal verwertet werden. Und nicht erst in zwölf Jahren. Ansonsten ist der Ausbau der Erneuerbaren volkswirtschaftlich schwer darzustellen. Es müssten weiterhin immer wieder Anlagen abgeregelt werden, um das Netz vor Überlastung zu schützen (sogenannter Redispatch, Anm. d. Red.).  Und das kostet viel Geld.

Also doch wieder über Atomkraftwerke reden, wie es Jens Spahn (CDU) neulich angeregt hatte?

Das sind keine hilfreichen Pläne. Denn wir reden hier nicht über zehn Jahre, sondern über 25. Das Gedankenspiel hilft deshalb aktuell nicht weiter. Die Ampelregierung hat den Fehler gemacht, das Kernkraftwerk Isar 2, eines der modernsten in Europa, abzuschalten. Haken dahinter. Jetzt damit wieder anzufangen, funktioniert nicht, schon allein weil es keine gesetzliche Grundlage mehr gibt und kein ausreichendes Personal.

Hand aufs Windkraft-Herz: Wünschen Sie sich manchmal Robert Habeck (Grüne) im Bundeswirtschaftsministerium zurück?

Mir sind erneuerbare Energien wichtig. Wer die in Berlin im Wirtschaftsministerium vertritt, ist mir im Ergebnis egal. Entscheidend ist, dass wir aufhören, immer wieder die gleichen Fehler zu machen. Dass in Berlin ständig auf die Bremse getreten wird, macht einen wirklich mürbe.

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Wer die in Berlin im Wirtschaftsministerium vertritt, ist mir im Ergebnis egal. Entscheidend ist, dass wir aufhören, immer wieder die gleichen Fehler zu machen. Dass in Berlin ständig auf die Bremse getreten wird, macht einen wirklich mürbe.

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Thorsten GlauberForchheim & Fränkische Schweiz Thorsten Glauber Bayerischer Minister für Umwelt und Verbraucherschutz

Müssen Sie vielleicht mehr auf Werbetour gehen – in Berlin, in den anderen Bundesländern und bei den Bürgern? Auch in „Ihrem“ Landkreis Forchheim wollen nicht alle den Windkraftausbau mitgehen.

In einem freien Land darf jeder seine Meinung äußern. Klar sieht nicht jeder die Energiewende wohlwollend, gleichzeitig beklagen wir aber, dass Energie enorm teuer geworden ist. Fragt man die Leute, ob sie für erneuerbare Energien in Deutschland sind, sagen sehr viele Ja. Erneuerbare Energien in Bayern? Auch ja. Im eigenen Landkreis? Ja. Sobald aber der konkrete Ort feststeht, treten Vorbehalte auf. Hier müssen wir Argumente entgegensetzen. Wir dürfen keine Angst vor einer erneuerbaren Zukunft haben. Dafür werbe ich.

Über den Geldbeutel dringt man oft am ehesten zu den Menschen durch. Wäre es ein Weg, ein Bürgerwindparkmodell wie in Eggolsheim flächendeckend vorzuschreiben?

Wir haben die Ertragsbeteiligung der Kommunen in Bayern schon eingeführt. Wenn der Windpark den Bürgern der Gemeinde gehört, ist die Akzeptanz viel höher, davon bin ich überzeugt. Und wir müssen es politisch schaffen, dass der Strom am Ende lokal auch günstiger wird. Dort, wo Strom produziert wird, soll auch ein wirtschaftlicher Vorteil liegen.

Herr Glauber, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

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