Es geht aufwärts. Steil. Doch das stört Thorsten Glauber nicht. Im Gegenteil, der Anstieg zum Gipfelkreuz auf dem Rodenstein am Walberla ist für den fitten 54-Jährigen Routine. Schnellen Schrittes unterhält er sich an diesem frühlingshaften Märztag mit Naturschützern aus ganz Franken. Ihnen überreicht er offizielle Kleidung, hält eine kurze Rede, plaudert, lächelt fürs Pressefoto. Beim gemeinsamen Umtrunk in der Wirtschaft wird er hiernach nicht mehr dabei sein, auch wenn er glaubhaft versichert, dies zu bedauern. Doch wie meistens zeigt sich der Terminkalender des Pinzbergers unbeeindruckt von den persönlichen Vorlieben des Ministers. Das gehört zum politischen Geschäft.
Thorsten Glauber: Seit 17 Jahren im Landtag, seit sieben Jahren Minister
Ein Geschäft, das Thorsten Glauber kennt wie kaum ein zweiter im Freistaat. Seit 17 Jahren vertritt er den Landkreis Forchheim und den Bezirk Oberfranken schon als Abgeordneter im bayerischen Landtag, seit sieben Jahren mittlerweile sogar als Staatsminister für Umwelt und Verbraucherschutz. Was ihm über die Jahre quer durch (fast) alle politischen Lager Respekt eingebracht hatte, ist der unbedingte Fokus auf seine Themen. Gutachten lesen statt Sektempfänge, Fraktionssitzungen bis tief in die Nacht statt quotenträchtige TV-Talkshows. Thorsten Glauber, 54, Minister, Arbeitstier.
Er selbst lacht, wenn er die Einschätzung gespiegelt bekommt, zu den Fleißigeren in der Staatsregierung zu gehören. Und das, obwohl das Umweltministerium von Beginn an nicht auf seiner Wunschliste stand. „Ich wäre gerne Bauminister geworden, aber das hat nicht geklappt damals“, sagt er heute ohne Groll. Denn dass er, der fußballverrückte Junge aus Pinzberg, einmal überhaupt bayerischer Minister sein könnte, hätte er sich früher nie erträumt.
Aufgewachsen in Pinzberg, eingewachsen in politische Welt des Vaters
Glauber wird 1970 in Forchheim geboren, wächst in Pinzberg auf und lernt früh das politische Geschäft kennen. Sein Vater Reinhardt ist 18 Jahre Pinzberger Gemeinderat, dann Bürgermeister von 1990 bis 1996, hiernach bis 2014 sogar Forchheimer Landrat. „Seit ich denken kann, habe ich meinen Papa und die Freien Wähler bei den Wahlkämpfen unterstützt“, sagt Glauber. 1993 tritt er selbst bei, 2002 erringt er sein erstes Mandat: ebenfalls im Pinzberger Gemeinderat.
Zu dieser Zeit denkt der damals Anfangdreißiger längst nicht an eine eigene politische Karriere. Er möchte beruflich durchstarten, nach der Ausbildung zum Kommunikationselektroniker holt er das Abitur nach, studiert schließlich erfolgreich Architektur. „So hätte ich mir das damals vorstellen können; mein eigenes Architekturbüro und ein Posten im Gemeinderat. Allerhöchstens vielleicht einmal Bürgermeister werden“, sagt er. Und grinst rückblickend. Denn es kommt anders.
2008: Glauber zieht zum ersten Mal in den Landtag ein
2008, kurz vor Pfingsten. Die Freien Wähler rüsten sich für den Landtagswahlkampf, aus dem Kreis Forchheim will aber niemand kandidieren. Große Chancen rechnen sich die Freien Wähler ohnehin nicht aus, nachdem sie 1998 und 2003 an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert sind. Sie fragen Thorsten Glauber, den umtriebigen Wahlkämpfer aus der zweiten Reihe, er willigt ein. Pro forma sozusagen. Denn weder glaubt er selbst daran, in den Landtag einzuziehen, noch will er das eigentlich. „Ich hatte nicht einmal einen Plan B für das Architekturbüro“, sagt er.
Dann kommt der 28. September 2008. Die Wähler strafen die CSU ab, sie verliert massiv an Stimmen, die Freien Wähler hingegen gewinnen so viele Stimmen dazu wie keine andere Partei. Und Thorsten Glauber? Holt im Stimmkreis Forchheim aus dem Stand 23,4 Prozent, zieht wider Erwarten in den Landtag ein. Weil sich die Auszählungen damals hinziehen, erfährt er selbst erst am Dienstagabend davon, beim Joggen. „Meine Schwester hatte mir schon von Weitem zugerufen, ich sei im Landtag. Wir konnten es alle nicht glauben.“
Unter anderem zusammen mit den langjährigen Parteigrößen Hubert Aiwanger, Florian Streibl und Michael Piazolo bezieht Glauber erstmals Räumlichkeiten in München. „Die Büros waren noch leer, wir mussten die Fraktion komplett neu gründen, unsere politische Ausrichtung ausfeilen“, sagt er. Und plötzlich ist er, der fußballverrückte junge Mann aus Pinzberg, mittendrin im hektischen Leben eines Berufspolitikers.
Thorsten Glauber macht sich bei Freien Wählern schnell einen Namen
Er erarbeitet sich schnell einen Namen, besetzt unter anderem den Ausschuss für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie, wird später Fraktionsvize und generiert bis heute großen Rückhalt in seiner Partei. Dass dieser eher wächst als schrumpft, bezeugen sowohl politische Weggefährten als auch neutrale Beobachter aus München. Glauber sei keiner, der polarisiert, sagen sie. Wohl aber einer, der für seine Überzeugungen und Ideale einstehe. Der sich für einen partei- oder fraktionsinternen Haussegen nicht verbiege.
So ist es auch nicht verwunderlich, dass der als fleißige und stets gut vorbereitet beschriebene Glauber immer wieder mit seinem eher intuitiv getriebenen Parteichef Hubert Aiwanger aneckt. Zuletzt bei den Irrungen um das vermeintliche Aussetzen der bayerischen Klimaziele. Aber auch wenn die beiden wohl keine besten Freunde mehr werden, betont Glauber, Aiwanger nie im Stich zu lassen. „Es ist wie beim Fußball: Da kann es auch mal lauter werden. Aber man gewinnt zusammen und man verliert zusammen.“
Wobei Glaubers persönliche Kurve nach wie vor nach oben zeigt. Aus dem anfangs überrumpelten Oppositionspolitiker wird über die Jahre ein Rückhalt der Bayerischen Staatsregierung. Die bisherige Krönung ist gar nicht die Ernennung zum Staatsminister für Umwelt und Verbraucherschutz im Jahr 2018, sondern dass er diesen Posten auch 2023 noch einmal bekommt. „Ich habe mich gut in die Themen einarbeiten und viele Projekte anstoßen können“, sagt er heute.
Ganz ohne Kritik gelingt auch Glaubers Amtszeit nicht
Ganz ohne Dämpfer verläuft aber auch Glaubers Biografie nicht: 2019 etwa sieht er sich großer Kritik der Forchheimer Landwirte gegenüber, weil unter seiner Verantwortung im Rahmen des Volksbegehrens Artenvielfalt große Streuobstwiesen unter Biotopschutz gestellt worden sind. Seit Jahren kritisieren bayernweit Gemeinden und Landkreise eine ministeriale Untätigkeit beim Hochwasserschutz. Und – jüngstes Beispiel – weil auch Glaubers Ministerium aus finanziellen Gründen einen vorläufigen Stopp für neue Naturschutzprojekte verkünden musste.
Widerstand aus eigenen Reihen: Glauber, Aiwanger, Söder
Dass er seit 2018 trotz großer inhaltlicher Differenzen mit der CSU eine Regierung bildet, scheint Glauber mehr auszuhalten als zu genießen. Zwei mindestens bürgerliche bis konservative Parteien am Ruder, da gibt es wenig Raum für Glaubers im Vergleich zu seinem Kabinett progressiv verstandene Umweltschutzpolitik. Bei einigen seiner Ideen, etwa einer schon früheren Abschaffung der 10-H-Regel oder die Einführung des Wassercents, muss sich Glauber lange wegen Aiwanger und Ministerpräsident Markus Söder zurücknehmen.
Manchmal gelingt Glauber das zähneknirschend, manchmal geräuschlos. Ob er nicht denke, als Umweltminister einer anderen Partei mehr bewirken zu können? Nein, sagt er. „Die Freien Wähler sind meine politische Heimat. Lieber würde ich aufhören, als die Partei zu verlassen.“
Wenig Schlaf, viele Termine: Viel Zeit für Privates bleibt nicht
Umweltschutz ist kein Selbstläufer, vor allem in Bayern. Wahrscheinlich erklären auch diese Widerstände aus den eigenen Reihen mitunter die enorme Arbeitsbelastung des Pinzbergers. „Mehr als fünf Stunden schlafe ich selten. 4.30 Uhr stehe ich auf, oft komme ich erst zwischen 20 und 24 Uhr nach Hause.“ Dazwischen Termine, Sitzungen, Lesestunden, Interviews, wieder Termine.
Auch deshalb, weil für Privates an diesen Mammuttagen nicht allzu viel Zeit bleibt, hält sich Glauber in diesem Punkt traditionell bedeckt. Nur so viel, der ledige Minister versuche, so oft wie möglich, joggen zu gehen und Rad zu fahren und Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Für seinen geliebten Fußball bleibt indes gar keine Zeit mehr.
Umso mehr freut er sich, wenn ihn sein digitaler Terminkalender ab und an in heimische Gefilde führt. Wie an diesem Märztag aufs Walberla. Weit ab der Münchner Schickeria, weit ab von den anstrengenden Verwerfungen des politischen Spitzenbetriebs fühlt er sich sichtlich am wohlsten. Auch wenn er harte Debatten im Landtag genauso wenig scheut wie den Tanz mit den Medien.
Sein politisches Geschäft betreibt er am liebsten vor Ort, draußen, bei den Menschen. Viel zu selten, aber am allerliebsten daheim rund um „sein Walberla“.




















