Zum Glück hat es geregnet. So müssen die Kleinen den Matschberg nicht mit Wasser aus den kleinen Gießkannen fluten. Mit Steinen und Stöcken stauen drei von ihnen das in ihrer Fantasie zum reißenden Strom stilisierte Rinnsal. Platsch. Ein Mädchen mit langen Haaren und Stirnband hüpft plötzlich in die matschige Pfütze, das Wasser spritzt. Platsch. Eine andere tut es ihr gleich. Währenddessen fährt ein Junge mit seinem Spielzeugtraktor („Das ist ein Fendt“, sagt er gleich.) durch die Fluten.
Sie spielen. Sie spielen im Matsch. Klar, es sind Kinder. Aber so klar ist das gar nicht, denn während sie an diesem Vormittag so hingebungsvoll am „Matschberg“ toben, verbringen Hunderte andere Kinder ihren Vormittag in beengenden Innenräumen. Sie hier draußen tragen Gummistiefel statt Filzpantoffeln, wasserdichte Regenhosen statt Einhornkleidchen.
Waldkindergarten: „Bewusste Entscheidung"
Mittendrin steht Sandra Eckel. Sie schaut sich das bunte Treiben sichtlich zufrieden an. Eingreifen oder gar schimpfen muss sie kaum. Hier eine Hilfestellung geben, dort eine Nase putzen. „Die Kinder brauchen das, so viel Zeit wie möglich draußen an der frischen Luft zu verbringen“, sagt sie. Seit vier Jahren arbeitet Eckel schon hier oben, seit zwei Jahren ist sie die Leiterin der Forchheimer Waldstrolche.
„Ich habe mich bewusst für den Wald entschieden“, erzählt sie. Ihren Beruf liebe sie, aber abgeschreckt hätte sie das Arbeiten in den meisten Regelkindergärten, in denen die Gruppen ihrer Meinung viel zu selten nach draußen gingen. Dabei trage gerade die Enge der Räume und das fehlende Bewegungspotenzial dazu bei, dass Konflikte vorprogrammiert seien. Oft ist es laut, für die Erzieherinnen und die Kinder. Oft kämen alle platt nach Hause. Anders im Wald. Auch dort ist ein Tag anstrengend. Aber anders.
Nur selten müssten sie reingehen, etwa bei Gewitter und Sturm. „Dafür gibt es einen Schutzraum bei der Feuerwehr in Reuth“, so Eckel. „Aber da müssen wir zum Glück nicht so oft hin.“ Ansonsten bleiben sie in dem kleinen Waldstück am Ortseingang von Serlbach. Egal, wie kalt oder heiß es ist. Wie trocken oder nass. Genau das ist die Idee.
Ein Tag im Waldkindergarten Serlbach
Los geht es am Morgen, wenn die Eltern ihre Kinder zwischen 7.45 Uhr und 8.15 Uhr bringen. Sind alle da, treffen sich die 24 Kinder und das Erzieherinnenpersonal in der Regel im selbst gefertigten Holztipi für den Morgenkreis. Dort besprechen alle den Tag und das Wetter, singen ein Lied. Dann steht der erste entscheidend alternative Punkt auf dem Programm: Etwa eine Stunden lang gehen sie spazieren, erkunden den Wald, die Wiesen, die Umgebung. Nach dem Verspeisen der selbst mitgebrachten Brotzeit heißt es: Freies Spiel.
Das mag Sandra Eckel besonders am Wald. „Die Kinder spielen sehr kreativ und nehmen sich Materialien, die für uns Erwachsene oft nach Nichts aussehen.“ Stöcke, Kiefernzapfen, Steine – zwar gibt es auch bei den Forchheimer Waldstrolchen ein paar Kisten mit Schleichtieren und Spielzeugautos. Und die Kinder greifen auch hin und wieder zu. Aber es wird schnell deutlich, dass sie auch ohne ihren Tag spielend herumbringen könnten, der hier spätestens 14.15 Uhr endet.
„Natürlich können sie bei uns auch malen, basteln, lesen“, sagt Eckel. „Wenn sie das wollen.“ Und auch andere pädagogische Angebote finden in Serlbach statt. Experimente, Wahrnehmungsspiele, Lieder und selbstverständlich auch die klassische Vorschule. Was hingegen gar nicht im Fokus steht, sind die in Aktenordnern gebündelten Portfolios, mit denen in herkömmlichen Kitas die Entwicklungsschritte und Malerfolge des Nachwuchses dokumentiert werden sollen.
Ohne Eltern funktionieren Waldkitas oft nicht
Wer sein Kind in einem Waldkindergarten betreuen lässt, tut das in der Regel ganz bewusst. Nach Serlbach fahren die Eltern zum Teil extra aus umliegenden Gemeinden, ähnlich sieht es in den anderen beiden Einrichtungen in Streitberg und Plankenfels aus. Träger ist der Verein Waldkindergarten Wiesenttal, der Ende 1997 aus einer Initiative gleichgesinnter Eltern und der früheren Erzieherin Sabine Lorenz hervorgegangen ist. Offiziell in Betrieb gegangen ist der Waldkindergarten Streitberg am 1. September 1998 als erster Waldkindergarten Oberfrankens. Seit 2014 ist der Verein auch der Träger der Forchheimer Waldstrolche und seit 2020 des Waldkindergartens in Plankenfels.
Kritiker könnten nun einwenden, dass nicht jedes Kind, für das eine solche Waldpädagogik gut wäre, in deren Genuss kommen kann. Nicht nur wegen der in Forchheim ohnehin angespannten Betreuungslage. Die Öffnungszeiten im Wald sind kürzer als in vielen Regelkindergärten, die Grundausstattung an wetterfester Kleidung kann sehr teuer werden, die Anfahrtswege sind mitunter kompliziert. Das alles kann nicht jede Familie leisten.
Immer mehr Waldkindergärten in Deutschland
Das Prinzip der Waldkindergärten ist nicht neu, bereits nach dem Zweiten Weltkrieg setzte in Westdeutschland die „moderne Waldkindergartenbewegung“ ein. Aus der Not, damals wegen der Zerstörung kaum Kita-Räume zu haben, machten die Pädagoginnen im Laufe der Jahrzehnte eine Tugend. 1993 eröffnete der erste staatlich anerkannte Waldkindergarten Deutschlands in Flensburg. Rasch breitete sich die besondere auf Natur zentrierte Konzeption aus. Laut Bundesverband der Natur- und Waldkindergärten gibt es heute etwa 2000 Natur- und Waldkindergärten.
Eine wichtige Säule für die Waldkindergärten spielt die Elternarbeit. Nicht nur, dass die Trägervereine oft von Eltern geleitet werden, sie bringen sich in aller Regel auch viel ein. Handwerksdienste, Festvorbereitungen, selbst einmal pädagogische Aushilfe sind denkbar. „Ohne unsere Eltern könnten wir nicht existieren“, sagt Sandra Eckel.
Plötzlich ist Aufruhr am Matschberg. Die Gießkannen sind leer. „Nicht schlimm“, sagen die Kinder. „Zum Glück regnet es wieder.“
+++Am 15. Juni feiert der Forchheimer Waldkindergarten sein zehnjähriges Bestehen. Von 11 Uhr bis 17 Uhr gibt es einige Angebote wie eine Puppenspielerin, Kinderschminken, Spielemobil, Bastelangebote, Taubenmarkt und neben Kaffee und Kuchen gibt es sogar Essen vom Foodtruck und einen Eiswagen. Infos unter forchheimer-waldstrolche.de.+++
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