B470, südlich von Forchheim, ungefähr dort, wo die Straße nach Pinzberg abzweigt: Eine Schar Vögel flattert nervös auf, als der Laster vorbeirauscht. Zum erneuten Niedersetzen kommen die Tiere nicht, ein Pulk Autos reiht sich hinter dem Brummi bereits ein. Und danach noch einer. Und noch einer.
Ortswechsel, Kersbacher Straße in Gosberg, auf Höhe des Gasthaus-Parkplatzes: Eine Mutter läuft mit ihrem laufradfahrenden Kindergartenkind auf dem Gehsteig entlang. Sie ermahnt ihn, Abstand von der Straße zu halten. Die junge Frau muss ihre mahnenden Worte wiederholen, gerade in diesem Moment kommt eine dröhnende Kolonne Autos vorbei. Und noch eine. Und noch eine.
Forchheim und Gosberg: Verkehr ist großes Problem
Zwei Szenen, ein Problem: der Verkehr. Jeden Tag fahren den aktuellsten Zahlen der Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen (BASt) zufolge sowohl durch Forchheims Osten als auch Gosberg etwa jeweils 20.000 Fahrzeuge am Tag. Diese Zahlen stammen jedoch aus dem pandemiegeprägten Jahr 2021. Heuer steht eine neue Verkehrszählung an, die deutlich höhere Zahlen liefern dürfte.
Der Lösungsvorschlag: Bestehende Spuren auf der B470 im Süden Forchheims erweitern und den Verkehr bestenfalls komplett um die Königsstadt herum lenken. Die sogenannte Südumfahrung soll die Anwohner entlasten und die Verkehrsmassen adäquat aufnehmen. Wer dieser Tage zwischen der Autobahnauffahrt Forchheim-Süd und Forchheim unterwegs ist, merkt aber schnell: Nach einer ausgebauten Umgehungsstrecke sieht das nicht aus. Was ist also aus den großen Plänen der Südumfahrung geworden?
Ostspange der Südumfahrung bereits seit Jahrzehnten in der Planung
Die Idee für eine innenstadtentlastende Monstertrasse existiert bereits seit mehr als 50 Jahren. 1992 stuft sie die damalige Bundesregierung in ihrem Bundesverkehrswegeplan bereits als „vordringlich“ ein, elf Jahre konkretisiert sie ihr Einschätzung und will nur noch den Westteil (in Richtung Hausen) als „vordringlich“ behandelt wissen. Der Ostteil (durchs Wiesenttal in Richtung Osten) wird als weniger wichtig zurückgestuft.
Im Dezember 2011 wird der Westteil der neuen Straße mit Sektkorken und Polit-Prominenz eingeweiht. Fünf weitere Jahre dauert es, bis auch der Ostteil im 2016 beschlossenen Bundesverkehrswegeplan 2030 wieder den Status „vordringlicher Bedarf“ erhält. Der Definition gemäß müsste das Projekt also als „sehr dringend, mit Vorrang“ behandelt werden. Der Logik der Bundesverkehrswegeplaner folgend heißt das: Fertigstellung bis spätestens im Jahr 2030.
2016 ist lange her, 2030 nicht mehr lange hin. Und die Ostspange? Nicht in Sicht. Etwas eingeschlafen präsentiert sich daher auch der Kampf von Befürwortern und Gegnern des Millionenprojekts.
Befürworter der Ostspange in Versenkung verschwunden
Von den Trassen-Fans jedenfalls finden sich nur noch die Transparente in Gosberg, ihre öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten scheint die 1991 gegründete „Bürgerinitiative für eine Südumgehung von Forchheim“ eingestellt zu haben; ihr letzter Post auf Facebook ist fast zwei Jahre alt und die Homepage nicht mehr zu erreichen. Einer der Sprecher sagt damals: „Die Notwendigkeit der Umgehung steht außer Frage“.
Staatliches Bauamt Bamberg: „Phase der Voruntersuchung“
Falls es die Trassen-Aktivisten doch noch gibt, dann sind sie sehr wahrscheinlich nicht erfreut, was die Sprecherin des Staatlichen Bauamts Bamberg Sabrina Hörl auf die Frage nach dem aktuellen Stand der Planungen antwortet. Schriftlich antwortet sie fraenkischertag.de: „Wir befinden uns bei der Ortsumgehung Forchheim in der Phase der Voruntersuchung, in der infrage kommende Varianten zu betrachten, zu bewerten und anschließend zu vergleichen sind“.
Interessant: Beinahe wortgleich lautetet ihre Antwort auf dieselbe Frage im Herbst 2023. Getan hat sich also nicht viel. Oder doch? Sabrina Hörl: „Bestandteil der Voruntersuchung ist die sogenannte Planungsraumanalyse, welche mittlerweile abgeschlossen ist.“ Darin kämen die Experten zu dem Schluss, dass sich die Ortsumgehung „in einem sensiblen, mehrfach geschütztem Naturraum“ befinde und sich daher „kein konfliktarmer Korridor für die Trasse anbietet und die Anforderungen und der erforderliche Umgriff der naturschutzfachlichen Erhebungen sehr umfassend“ seien.
BI Wiesenttal ohne Ostspange: Gegner nach wie vor aktiv
Sätze, die Lidwina Mack nicht neu sind. Sie steht der „Bürgerinitiative pro Wiesenttal ohne Ostspange“ und kämpft seit vielen Jahren gegen die Umfahrung. Ihre BI hat die kritischen Plakate entlang der Strecke aufgestellt, ist nach wie vor aktiv und plant in den kommenden Monaten weitere Veranstaltungen. Auf prominente Unterstützung konnte sie stets zählen, seien es Bayerns Umweltminister (und Pinzberger) Thorsten Glauber sowie die Bundestags-Grüne Lisa Badum.
„Die Straße macht keinen Sinn“, sagt Mack. Im Gegenteil fürchteten sie und ihre Mitstreiter, dass ein teilweise vierspuriger Ausbau als „Einfallstor“ für noch mehr Verkehr in der Fränkischen Schweiz werden könnte. Von möglicherweise fatalen Auswirkungen auf die Wässerwiesen sowie die Flora und Fauna im Wiesenttal ganz schweigen.
Auch wenn ihre konstruktiven Alternativvorschläge wie die Ostspange selbst bislang im Sande verlaufen (etwa eine eigene „kleine Umgehungslösung“ für Gosberg sowie die Takterhöhung der Wiesenttalbahn). Lidwina Mack dürfte die Nachricht gefallen, dass in den Planungsbüros weiterhin Stillstand zu herrschen scheint.
Sondervermögen Infrastruktur als Boost für Ostspangen-Projekt?
Und doch schaut die Kirchehrenbacherin derzeit ängstlich gen Berlin, wo die Bundesregierung eine beispiellose Summe als Sondervermögen für Infrastrukturprojekte in ganz Deutschland freigegeben hat. Kommt also doch Bewegung in die Ostspangen-Pläne?
Das Sondervermögen für Bundesfernstraßen sei laut Sabrina Hörl vom Staatlichen Bauamt Bamberg wohl ausschließlich für Brückenerhaltungen vorgesehen, demnach sind aus diesem Topf wohl keine frischen Gelder für die Forchheimer Ostspange zu erwarten. Das spricht nicht für einen Realisierungs-Ruck. Die letzten offiziellen Planungskosten wurden im Jahr 2014 mit 38,4 Millionen Euro veröffentlicht – diese dürften nun weitere elf Jahre später erheblich gestiegen sein.
Staatliches Bauamt: Zu viele andere wichtige Projekte
Die Finanzierung bleibt also eine Unbekannte. Und der Wille? „Aufgrund der Vielzahl weiterer laufender prioritärer Projekte, verbunden mit den begrenzten personellen Ressourcen am Staatlichen Bauamt Bamberg ist eine Priorisierung der Projekte erforderlich, um die Kräfte zu bündeln und die Projekte effektiv voranzutreiben“, schreibt Hörl etwas ausweichend auf die Frage.
Weitere Projekte, damit meint sie unter anderem die Verlegung der Straße westlich von Neunkirchen am Brand, der Ausbau zwischen Ebermannstadt und Kanndorf sowie den Brückenneubau über die Regnitz bei Neuses. „Daneben binden dringend anstehende Brückenerneuerungen im gesamten Bauamtsgebiet die Planungskapazitäten des Bauamtes, sodass die nächste Planungsphase derzeit nicht begonnen werden kann“, so Hörl.
Fazit: Die Ostspange bleibt auf der Straße. Allerdings parkt sie weiterhin trotz „vordringlichen Bedarfs“ ganz hinten in dem 190 Seiten starken Bundesverkehrswegeplan. Mindestens so lange, bis sich das Bundesverkehrsministerium zu einem neuen Bundesverkehrswegeplan 2040 durchringen kann.
Ostspange der Südumfahrung Forchheim – eine Chronologie
- 1971 (bis 1985): Die Gesamtumgehung für den Forchheimer Süden erscheint das erste Mal im Bundesverkehrswegeplan.
- 1992: Die Südumfahrung wurde als „vordringlicher Bedarf“ eingestuft.
- 2003: Der Westteil der Umgehung wird als „vordringlich“ eingestuft, der Ostteil als „weiterer Bedarf“.
- 2011: Verkehrsgutachten für die Ostspange wird in Auftrag gegeben. Im Dezember wird die Westumgehung für Verkehr freigegeben.
- 2013: Im Januar wird eine Trassen-Kompromisslösung für die Ostspange gefunden. Sie umgeht Gosberg und trifft in Reuth zurück auf die B470.
- 2015: Prognose über die Verkehrsbelastung sowohl der Eisenbahnbrücke als auch der Bayreuther Straße wird erstellt: Entlastungswirkung von 65 Prozent in Aussicht gestellt.
- 2016: Der östliche Teil der Umgehung wird zum vordringlichen Bedarf und soll bis 2030 umgesetzt werden.
- 2018: Aktuelle Planungen werden den Kreisräten vorgestellt. Ob eine vierspurige Teilstrecke notwendig ist, steht zur Debatte.
- 2020: Eine Umweltverträglichkeitsstudie wird gestartet.
- 2023: Nach wie vor werden verschiedene Varianten betrachtet. Eine Vorzugsvariante soll im nächsten Schritt im Detail ausgeplant werden.
- 2025: Die Phase der Voruntersuchung dauert an. Laut Staatlichem Bauamt könne die nächste Planungsphase aus Kapazitätsgründen derzeit nicht beginnen.




















