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Große Diskussionen
Tempo 30 überall in Forchheims Gemeinden?
Das Tempo in deutschen Städten generell auf 30 Stundenkilometer begrenzen? Einige fordern das, aber es gibt große Hürden.Forchheim & Fränkische Schweiz
Das Tempo in deutschen Städten generell auf 30 Stundenkilometer begrenzen? Einige fordern das, aber es gibt große Hürden. // Barbara Herbst
Forchheim – Flächendeckend 30 km/h: Hunderte Orte in Deutschland wollen das erstreiten. Im Landkreis Forchheim zwar nicht – untätig ist aber auch hier keiner.

8,33 Meter in der Sekunde. Klingt schnell. Vielen aber nicht schnell genug. An dieser Geschwindigkeit scheiden sich seit Jahren die Geister. Umgerechnet ergibt das 30 Kilometer pro Stunde und einen der größten Zankäpfel deutscher Verkehrspolitik.

Die einen wollen so viel Tempo 30 wie möglich, bestenfalls überall. Die anderen nicht. Die Fronten scheinen klar: eine machtvolle Autolobby kämpft gegen Umweltschützer, Geschwindigkeits-Fans gegen Fußgänger und Radfahrer.

50 Stundenkilometer dürfen Kraftfahrzeuge in Deutschland innerorts nicht überschreiten, jeder Führerscheinneuling lernt das seit 1957. Könnte sich das bald ändern?

Bündnis „Lebenswerte Städte“ fordert Tempolimit

Beinahe 400 Kommunen haben sich bundesweit bereits dem Bündnis „Lebenswerte Städte“ angeschlossen. Das fordert unter anderem, die strikten gesetzlichen Vorgaben aufzuweichen.

Begrenzungen wie Tempo-30-Zonen können die Verkehrsbehörden nur einführen, „wenn es aufgrund örtlicher Verhältnisse zwingend erforderlich“ ist. Städte und Gemeinden dürften also gar nicht, selbst wenn sie wollten.

Flächendeckend Tempo 30 wird es so schnell in keiner Ortschaft im Landkreis Forchheim geben. Und doch ist das Thema dauerpräsent, alle Orte haben (hier Forchheim) schon längst Tempo-30-Zonen eingerichtet. Könnten die sich in Zukunft noch ausweiten?Forchheim & Fränkische Schweiz
Flächendeckend Tempo 30 wird es so schnell in keiner Ortschaft im Landkreis Forchheim geben. Und doch ist das Thema dauerpräsent, alle Orte haben (hier Forchheim) schon längst Tempo-30-Zonen eingerichtet. Könnten die sich in Zukunft noch ausweiten? // Barbara Herbst

Wollen Forchheims Kommunen Tempo 30?

Aber wollen sie überhaupt? Der FT hat in den Rathäusern im Landkreis Forchheim nachgefragt. Ergebnis: Bisher hat sich keine Ortschaft der Initiative angeschlossen, die meisten haben es auch nicht vor. Und doch haben beinahe alle das Thema Tempo 30 auf dem Schirm.

So schaffte es beispielsweise der Markt Egloffstein, seinen Status als Luftkurort zu nutzen, um die Hauptverkehrsstraßen auf 30 km/h zu drosseln, wie Bürgermeister Stefan Förtsch erklärt.

Aus Hausen heißt es, der Gemeinderat habe sich gegen den Beitritt entschieden, man wolle aber „selbst Ziele davon verfolgen“.

Ähnlich klingt es etwa aus Neunkirchen am Brand, Heroldsbach und weiteren Orten. Tenor: Brauchen wir nicht, weil die gemeindlichen Straßen sowieso größtenteils auf Tempo 30 reduziert sind.

Stadt Forchheim wartet auf „Integriertes Verkehrskonzept“

In der Stadt Forchheim habe man bereits viele abgebremste Straßenkilometer, vor allem in der Innenstadt. Für den großen Wurf wolle man auf das „Integrierte Verkehrskonzept“ warten, welches noch zu erarbeiten ist, sagt Stadtsprecherin Britta Kurth.

Nach langen Verzögerungen solle diese noch in diesem Jahr fertig werden. Der dafür zuerst anberaumte und verschobene Bürgerworkshop soll voraussichtlich Mitte Februar stattfinden.

Ob und welche konkreten Ergebnisse das Konzept am Ende bietet, ist zum jetzigen Stand kaum vorhersehbar. Zu erbittert die bisherigen Diskussionen, zu tief die politischen Gräben.

Flickenteppich in Gößweinstein

Auch in Gößweinstein wurde das Thema kürzlich emotional. Im Dezember 2022 rangen die Gemeinderäte eine angefragte Pauschal-Drosselung der Geschwindigkeit nieder.

Die  Kommunen im Landkreis Forchheim haben das Thema höchst unterschiedlich auf dem Schirm (hier Gößweinstein).Forchheim & Fränkische Schweiz
Die Kommunen im Landkreis Forchheim haben das Thema höchst unterschiedlich auf dem Schirm (hier Gößweinstein). // Barbara Herbst

„Zu heftig“ sei diese. Stattdessen knüpfte das Gremium einen Flickenteppich aus unterschiedlichsten Regelungen quer über das Gemeindegebiet.

Andere starten gerade erst noch mit dem Tempo-Thema, so wolle Igensdorfs Bürgermeister Edmund Ulm die Diskussion gerne in den Gemeinderat tragen, wie er unserer Zeitung verrät.

Und doch ergibt sich aus all dem eine wichtige Erkenntnis: Es tut sich was.

Verkehrsministerium stellt sich quer

Was aber wäre es überhaupt wert, wenn sich Forchheims Kommunen anschlössen? Andere Städte, die sich bereitwillig als Modellstädte für flächendeckendes Tempo 30 zur Verfügung stellen wollten, wie etwa Bamberg, haben einen herben Dämpfer aus Berlin erfahren.

So sei das FDP-geführte Bundesverkehrsministerium (BMDV) mit Blick auf entsprechende Regelungen zwar „offen für Lösungsansätze“, teilte eine Sprecherin mit.

„Nicht überzeugt ist das BMDV aber von flächendeckendem Tempo 30 oder Geschwindigkeitsbeschränkungen in Durchgangsstraßen.“

Studienlage zu Tempolimit uneindeutig

Untersuchungen zu diesem Thema gibt es viele, seit Jahrzehnten beschäftigen sich Verkehrswissenschaftler damit. Die Erkenntnislage ist divers, jedes Lager kann seine Theorien mit unzähligen Studien untermauern. Und doch gibt es einige unstrittige Punkte.

Umweltbundesamt: „Besserer Verkehrsfluss durch Tempo 30“

Beispiel eins: Das Umweltbundesamt hat im Jahr 2016 gezeigt, dass die Drosselung auf 30 km/h zwar zu geringen Zeitverlusten, aber gleichzeitig zu einem besserem Verkehrsfluss führe.

Beispiel zwei: Je langsamer ein Gefährt unterwegs ist, desto geringer ist die Verletzungsgefahr, die von ihm ausgeht. Zwar kann überdies nicht zweifelsohne nachgewiesen werden, dass es bei Tempo 30 weniger Unfälle gäbe. Dass diese durchschnittlich glimpflicher ausgingen, hingegen schon.

Die Alleen Theodor Heuss und Willy Brandt in Forchheim sind Unfallschwerpunkte: Hälfe dort Tempo 30?Forchheim & Fränkische Schweiz
Die Alleen Theodor Heuss und Willy Brandt in Forchheim sind Unfallschwerpunkte: Hälfe dort Tempo 30? // Barbara Herbst

So ist einer aktuellen repräsentativen Studie des Versicherers DA Direkt nach zu schnelles Fahren die Ursache für fast ein Viertel aller Verkehrsunfälle auf deutschen Straßen. 60 Prozent der Wagenlenker fühlten sich außerdem durch zu viele Verkehrsschilder abgelenkt, heißt es weiter.

Beides ließe sich mit einer flächendeckenden Regelung für langsameres Fahren unter Umständen verbessern.

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