Es tut sich was in Forchheims Innenstadt: Der Paradeplatz ist wohl bald fertig, das Citymanagement ist seit einigen Monaten wieder voll besetzt und der Weihnachtsmarkt wirft bereits seine Schatten voraus. Also alles gut in Forchheims guter Stube?
Der studierte Wirtschaftsgeograph Roland Wölfel gilt als Experte, wenn es um das Thema Innenstadtentwicklung geht. Der 62-Jährige aus Obertrubach ist Geschäftsführer und Gesellschafter der CIMA Beratung + Management Gesellschaft, einem bundesweiten Kompetenzzentrum für Stadt- und Regionalentwicklung. Wir haben mit ihm über die neue Deutschlandstudie Innenstadt 2024 und seine Erkenntnisse über Forchheims City gesprochen.
Roland Wölfel: cimamonitor 2024 und Forchheims Innenstadt
Herr Wölfel, was denken Sie, wenn Sie durch Forchheims Innenstadt laufen?
Roland Wölfel: Ich denke: Gut, dass so viel im Bau und im Umbau ist, ich freue mich auf das, was kommt. Und ich mache mir Gedanken, wie wir das Potenzial in den aktuellen Maßnahmen klug bespielt bekommen, um das Image zu verbessern. Etwa den Paradeplatz.
Sie sehen also Potenziale?
Ja, die Stadt hat eine angenehme Atmosphäre. Man kann sich an vielen Stellen hinsetzen, man kriegt jetzt einen schönen Platz zum Verweilen. Spannend wird es, wie es verkehrlich weitergeht. Aber das kann man entwickeln, das muss nicht von Beginn an durchgeplant sein. Wir erleben gerade mehr denn je, dass wir klare Leitplanken brauchen, innerhalb dieser aber viel schneller reagieren können müssen.
Sie haben soeben die Deutschlandstudie Innenstadt - cimamonitor 2024 veröffentlicht: Welche Haupterkenntnis haben Sie daraus ziehen können?
Die Innenstadt wird noch mehr als bisher als Treffpunkt gesucht, also als gesellschaftlicher Raum. Im Digitalen trennen sich die Menschen auf, Innenstädte sind die letzten Räume, wo sich die Gesellschaft noch mischt. Hinzu kommen zunehmend die Multifunktionalität und eine freiere Verkehrsmittelwahl, der ideologische Streit zwischen den Verkehrsreligionen (zum Beispiel Auto gegen Rad) ebbt ab.
Wirklich? In Forchheim bleibt vor allem der Straßenraum hart umkämpft.
Wenn man es schafft, diese Lagerbildungen aufzubrechen, wird man seine Energie in Verbesserungspotenziale stecken können.
Wie ließen sich die aufbrechen, vor allem hier im ländlichen Raum?
Die Stadt Forchheim ist kein ländlicher Raum, aber sie lebt sehr stark vom ländlichen Raum. Das heißt, man muss innerstädtisch möglichst viel Binnenverkehr reduzieren. Ein Drittel der Landkreisbevölkerung lebt in Forchheim, das heißt, der Großteil der Kunden lässt sich schon gut bedienen. Damit schaffe ich Räume für die wenigen, die auf andere Verkehrsmittel angewiesen sind.
Laut ihrer Erhebung spielen Handel und Gastronomie noch die wichtigsten Rollen. Überrascht Sie das?
Nein. Früher war aber ein größerer Abstand zwischen Handel und den anderen Besuchsgründen wie Gastronomie oder Freizeit, jetzt rücken die näher aneinander, befruchten sich gegenseitig. So ist zum Beispiel die Kopplung des Einkaufens mit dem Arbeitsplatz oder dem Gastronomiebesuch ganz stark. Insofern war es gut, dafür zu sorgen, dass Forchheim eine Einpendlerstadt wird. Ebenso wichtig ist es, dass viele große Institutionen in der Innenstadt bleiben, etwa Banken, Ämter und andere.
Welche Erkenntnisse Ihrer Studie ließen sich noch auf Forchheim ableiten?
Innenstädte und Handel sind längst Teil der Tourismuswirtschaft, da ist Forchheim auf einem guten Weg. Wir müssen das Urlaubsgefühl in unsere Innenstädte holen. Wir haben eine sehr gute städtebauliche Qualität, bald einen großen Platz, es gibt statt großer Filialisten-Meilen eher kleinteilige Angebote, eine hohe gastronomische Dichte. Zudem ist es schlau, dass das Citymanagement und der Tourismus jetzt eng zusammengerückt sind.
Ganz unwichtig sind aber große Filialisten wie etwa bekannte Modeketten nicht. Warum schafft es Forchheim nicht, solche Geschäfte anzusiedeln?
Zum einen geraten viele große Ketten gerade ins Straucheln, sie reduzieren ihr Angebot und konzentrieren sich eher auf die großen Städte. Bamberg und Erlangen sind so nah, dass Forchheim häufig durch den Rost fällt.
Wichtig ist auch eine gute Lebensmittelversorgung. Forchheim wartet seit Jahren auf einen Nachfolger für den Rewe am Paradeplatz…
Das ist ganz zentral. Lebensmittel- und Drogerie sind die großen Magnete und Ankerbetriebe für Innenstädte. Ein solcher Laden bringt Frequenz, sichert die Daseinsvorsorge in der Innenstadt und hebt zugleich die Qualität als Wohn- und Arbeitsort.
Vor zwei Jahren noch mahnten sie an, es existiere keine Zukunftsvision für die Innenstadt. Hat sich das geändert?
Das Citymanagement hat einen Handlungsleitfaden entwickelt, der Hand und Fuß hat und so gestaltet ist, dass die Umsetzung funktionieren kann. Da ist jetzt eine Lücke geschlossen.
Umkämpft bleibt vor allem der Straßenraum. Was macht das mit der Innenstadt?
Beim Thema Verkehr müssen wir raus aus diesem Klassenkampf. Jeder muss mal die Stadtbrille aufsetzen und das tun, was der Stadt hilft. In der Studie sehen wir, dass die genutzten Verkehrsmittel ganz eng beieinander liegen. Das heißt, der Bürger erwartet zuerst Fußgängerfreundlichkeit, eine gute ÖPNV-Anbindung und fast gleichauf ein gutes Park- und Radwegeangebot. Man muss an allen Schrauben drehen.
Zwischenfazit: Klingt bisher so, als wäre die Stadt noch zu retten.
Sie ist ja auch nicht tot, Forchheim hat große Perspektiven. Wichtig ist das Thema Image. Besucher und Kunden verlassen sich vor allem auf persönliche Empfehlungen sowie darauf, was in Social-Media-Kanälen der Geschäfte und über die lokalen Medien berichtet wird. Beispiel Parken: Hier dominiert in Forchheim das Image der „eisernen, unerbittlichen Hand“, selbst bei behinderten Menschen. Dieser Negativaspekt dominiert dann häufig die vielen positiven Aspekte. Es nützt nichts, wenn der Rest schön ist. Ein Hinderungsgrund sticht alle positiven Empfehlungen.
Innenstädte sollen durch Events anziehend wirken. Wie kann Forchheim das trotz Haushaltsloch stemmen?
Wir erleben gerade, dass die großen Events gar nicht so viel bringen. Besser sind kleinere atmosphärische Events über einen längeren Zeitraum. Das ist kostengünstiger zu organisieren und bringt einen idealerweise ganzjährigen stressfreien Erlebnisaspekt.
Selbiges gilt auch für Wochenmärkte und Ähnliches, oder?
Wochenmärkte werden von Innenstadtbesuchern gewünscht und geliebt, wenn sie gut sind. In Fürth hat der neue Wochenmarkt die Innenstadt während der Pandemie gerettet und ist auch jetzt Treff- und Anziehungspunkt für Stadt und Umland. Hier hat Forchheim eindeutig Potenzial, das muss aber entwickelt werden. Auch Jahrmärkte wie in Forchheim gibt es nicht mehr so viele. Ich glaube, dass dieses Alleinstellungsmerkmal noch stärker zur Profilierung genutzt werden könnte, zum Beispiel um Touristen und Nahbesucher aus den Tourismusregionen und den Großstädten anzusprechen. Die Herausforderung ist zudem, diese Märkte noch mehr zum Stadterlebnis auszubauen. Da muss man mutig ran.
Die gesellschaftliche Rolle der Innenstadt sei enorm, sagen Sie. Wie schaffen wir es, alle Altersschichten gleichermaßen abzuholen? Junge Familien zum Beispiel.
Wir brauchen Verweilplätze mit Angeboten für alle Gruppen. Der Neubau des Spielplatzes am Landratsamt ist gut, hätte aber eigentlich in der Innenstadt passieren müssen. Am Paradeplatz können das die Wasserfontänen übernehmen. Es braucht stressfreie Angebote für alle. Auch öffentliche Toiletten müssen rund um die Uhr verfügbar sein, ebenso trägt das Thema Sauberkeit zur Wohlfühlatmosphäre bei.
Schlussrunde: Wo hat Forchheim die größten Chancen?
Forchheim sollte den touristischen Aspekt stärker nutzen und die positive Empfehlungsrate steigern. Besucher müssen spüren, dass sie willkommen sind und sich gerne in der Stadt aufhalten. Kundenorientierung und Bürgerfreundlichkeit sind das A und O; auch und gerade bei den Kleinigkeiten. City-Life-Balance, Individualität, Qualität, persönliches und regionales Erleben könnten zentrale Schlagworte sein.
Herr Wölfel, wir danken Ihnen für das Gespräch.
















